Infotafel soll an die durch Ignoranz zerstörte Plastik erinnern

Das Geheimnis um "Das Geheimnis"

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So sah die Plastik bis zu ihrem Umsturz aus. Fotos aus dem Zeitraum zwischen November 2013 und Februar 2014 sind in der Redaktion willkommen.

Kaufbeuren – Die Plastik „Das Geheimnis“ ist unwiederbringlich zerstört. Das haben zumindest die Recherchen des Kreisboten bei den Verantwortlichen ergeben. Doch warum das Kaufbeurer Kunstwerk letztlich im Beton-Schredder landete wird wohl – analog zum Namen der Skulptur – weiter ein Geheimnis bleiben.

Es zeichnet sich allerdings ab, dass in diesem Zusammenhang in der städtischen Verwaltung vieles schiefgelaufen ist. Die Stadt will nun ihre Mitarbeiter sensibilisieren, damit solch ein Vorfall nicht mehr passiert. 

Aber der Reihe nach: Als der Kreisbote Anfang September über das Verschwinden der Plastik berichtet hatte, die von der bekannten Künstlerin Hanne Wondrak (1909 – 1992) geschaffen wurde und die seit den 1960er Jahren als eine der Neugablonzer Sehenswürdigkeiten vor der Gustav-Leutelt-Schule stand, wurde die Stadt aktiv, um den Vorfall aufzuklären. Klar scheint demnach, dass die Skulptur im November vergangenen Jahres durch einen Akt von Vandalismus mitsamt ihrem Sockel umgestürzt und infolgedessen als „unrettbar kaputt“ eingestuft wurde. Wochen später sind die Bruchstücke durch einen Bauhofmitarbeiter offenbar, weil es sich nicht um ein denkmalgeschütztes Objekt handelte, stillschweigend entsorgt worden. 

Als Reaktion auf unsere Berichterstattung tauchten nun zwei Fotos auf (liegen der Redaktion vor, einer Veröffentlichung wurde nicht zugestimmt) die die Plastik kurz nach deren Umsturz zeigen. Hier präsentiert sich das Standbild für einen Laien augenscheinlich gar nicht so „unrettbar“ beschädigt. Sogar eine unabhängige Restauratorin, die auf Betonrestaurierung spezialisiert ist, bescheinigte der Plastik, vorbehaltlich einer genaueren Untersuchung, dass diese hätte wieder instandgesetzt werden können, „selbst wenn sie in mehrere Stücke zerbrochen wäre“. Die Kosten bezifferte sie auf 1000 bis 1500 Euro. Demnach könnte die Plastik, wäre seinerzeit ein Experte eingeschaltet worden, möglicherweise heute noch existieren. „Von der Führungsriege hat aber zu keiner Zeit jemand über den Vorgang Kenntnis erhalten“, sagte Oberbürgermeister Stefan Bosse auf Anfrage unserer Zeitung. Dabei hatte die Schulleitung der Gustav-Leutelt-Schule den Vorfall damals sofort gemeldet, wie Rektor Günter Blasini dem Kreisboten mitteilte. Damit habe die Schule ihre Pflicht getan, mehr sei aus rechtlichen Gründen gar nicht möglich, so der Rektor, da sich die Skulptur nicht auf schulischem, sondern auf öffentlichem Grund befand. „Wir haben hier keinen Zugriff drauf“, so Blasini. Vielmehr sei die Stadt hierfür verantwortlich und nicht die Schule. 

Kulturstadt Kaufbeuren? 

Streng nach dem Buchstaben des Gesetzes hat das Baureferat der Stadt, dem der Bauhof untersteht, die Oberhoheit über sämtliche Bildwerke in öffentlichen Räumen und darf frei entscheiden, was mit irgendwelchen Skulpturen geschieht und ob in eine Restaurierung Geld investiert wird oder nicht. Und streng nach dem Buchstaben des Gesetzes hat der Bauhof-Mitarbeiter, der die Plastik ohne nachzufragen entsorgte, nichts anderes als seinen Job gemacht, der da hieß „herumliegende Trümmer beseitigen“. Aber darf in und von einer Stadt, die sich gerne „Kulturstadt“ nennen möchte, nicht etwas mehr Sensibilität gegenüber potentiellen Kulturgütern erwartet werden? Oder gilt in Kaufbeuren etwa nur die darstellende Kunst als Kultur und die bildende Kunst zählt nicht dazu? 

Bei der Stadt ist man sich offenbar darüber im Klaren, dass hier durchaus Defizite bestehen. Zur endgültigen Aufklärung des Vorfalls bat Baureferatsleiter Helge Carl daher alle Beteiligten vergangene Woche an einen Runden Tisch. Carl erklärte, dass der Bauhofmitarbeiter, der die Plastik „Das Geheimnis“ entsorgt hat, schon „seit geraumer Zeit nicht mehr beim Bauhof arbeite“ und erst eine halbe Stunde vor Beginn der Gesprächsrunde habe ausfindig gemacht werden können. Daher sei es bislang so schwierig gewesen, den genauen Hergang des Vorfalls zu rekonstruieren und darüber Auskunft zu geben. Fakt sei aber, dass die dem Kreisboten vorgelegten Fotos Anfang November 2013 entstanden seien und eine umgeworfene, noch relativ intakte Plastik zeigen. Etwa zu diesem Zeitpunkt sei auch die Polizei informiert worden, so Carl. Der Abtransport durch den Bauhof sei jedoch erst Ende Januar/Anfang Februar 2014 erfolgt. Bis dahin sei die Plastik – beziehungsweise deren Ruine – auf öffentlichem Grund in unmittelbarer Nähe der Schule herumgelegen. Ob die vom Schulhausmeister André Mater berichtete weitergehende Zerstörung („Sockel kaputt, in der Mitte durchgebrochen, Arme und Kopf ab“) während dieser drei Monate geschehen sei, könne nach so langer Zeit nicht mehr nachvollzogen werden. Und zum Zeitpunkt des Abtransports sei kein Foto mehr gemacht worden, resümierte Carl. 

Bauhofleiter Georgio Buchs ergänzte: Die Entsorgung von Betontrümmern erfolge nach Gewicht in Tonnen mit mehreren Lastwagen pro Tag, da könne man nicht jedes einzelne Stück noch einmal untersuchen. Der „geschredderte“ Beton werde dann zum Beispiel als Straßenbelag wieder verwendet. Der Bauhofleiter nahm den aktuellen Fall zum Anlass, die rund 40 Bauhof-Mitarbeiter noch einmal für ähnlich gelagerte Anliegen zu sensibilisieren. Nicht ohne Grund, befinden sich doch laut Baureferatsleiter Carl noch „etliche besonders sensible Dinge“ im Stadtgebiet. Daher gebe es jetzt eine neue Anweisung, unbedingt die übergeordnete Stelle einzuschalten, wenn auch nur der geringste Verdacht bestehe, dass es sich irgendwo um möglicherweise erhaltenswerte „Trümmer“ handle. 

Unabhängig davon prüft das Schulamt gerade ein von unserer Zeitung angestoßenes Projekt zur Erfassung und Dokumentation der „sensiblen Dinge im Stadtgebiet“. Würde dieses zustande kommen, kündigte Carl an, die Daten im Baureferat und Bauhof zukünftig „sehr gerne“ nutzen zu wollen. Dann wären die beiden „Betonjungs“ zumindest nicht vergeblich „gestorben“, so der Baureferatsleiter. 

Außerdem gab Carl bekannt, dass er vom Oberbürgermeister Stefan Bosse autorisiert sei, eventuell sogar „heuer noch“, an der Schule eine Infotafel zur Erinnerung an „Das Geheimnis“ anbringen und im Beisein von Eva Maria Simon, der Tochter der Künstlerin Hanne Wondrak, offiziell einweihen zu lassen. von Ingrid Zasche

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