Alexander und Andreas Weiß im Kreisbote-Interview

Heimlich, still und leise

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Andreas und Alexander Weiß schaufeln ihr Grab für die Kaufbeurer Lokalpolitik.

Kaufbeuren – Sie waren Stadtratskandidaten, Ideenmotor, Veranstalter und Rapper. Nun haben sich die Brüder Alexander und Andreas Weiß (31 und 35 Jahre) von ihrem Verein „Mein Aktives Kaufbeuren“ verabschiedet und damit den gesamten Verein aufgelöst.

Sie hatten die Idee die Kaufbeurer Politik zu verändern, Fragen zu stellen die sich keiner zu stellen traut und Politik auch den jungen Menschen unserer Stadt - auf ihre Art und Weise - näher zu bringen. Im Kaufbeurer Rathaus sind die beiden gebürtigen Kaufbeurer Unternehmer keine Unbekannten. Ihre Art mit der Politik umzugehen hat etwas erfrischend Neues, angstfreies und unbelastetes. Sie sind von Niemanden in Kaufbeuren abhängig und hätten sich gerne mehr für junge Menschen, Familien und die Zukunft der Stadt eingesetzt. Doch damit soll nun Schluss sein. Wir haben die beiden Brüder zum Interview getroffen.

Es gab eine Vielzahl von Themen die Seitens des MAK und insbesondere von Ihnen beiden zur Diskussion gebracht wurden. Das ist ab jetzt vorbei?

Andreas: Man soll ja bekanntlich aufhören, wenns am schönsten ist. Wir wagen den Versuch und hören auf, wenns am schlechtesten ist.

Dafür, dass Sie erst vier Monate zuvor überhaupt aktiv geworden sind, ist Ihr Ergebnis der Stadtratswahl 2014 doch kein schlechtes gewesen.

Alexander: Es war Enttäuschung und Motor zugleich. Mein Bruder hatte mehr Stimmen als heutige Stadträte und ist trotzdem nicht im Stadtrat. Das haben wir dem Listenprinzip zu verdanken, was unserer Ansicht nach keinesfalls demokratisch ist. Die Wahl ist eigentlich eine Personen- und keine Parteienwahl. Aber dennoch ist es so. Wir haben das Ergebnis aber genutzt und uns gesagt, noch sechs Jahre Arbeiten und dann kommt unser Tag.

Das ist nun zwei Jahre her. Warum haben Sie bereits vor der Halbzeit aufgegeben?

Andreas: Die Diskussionen auf Bürgerversammlungen, Workshops, Vorträgen und über die sozialen Netzwerke haben uns irgendwann nur noch verärgert. Nicht, weil wir viel Kritik einstecken mussten, das gehört dazu, sondern viel mehr, weil wir gemerkt haben, wie Themen immer unwichtiger werden.

Alexander: Wir haben das Gefühl gewonnen, dass der Kaufbeurer Wähler gegenüber politischen Themen äußerst anspruchslos ist – und das seit Jahrzehnten. Die jungen Menschen gehen nicht wählen, weil es ihnen schlichtweg egal ist, und die älteren verlangen von Einem Vorschläge über den Weg von Veränderungen, ohne dass wir darauf eine Antwort haben könnten.

Haben Sie denn keinen Lösungsweg für Ihre angesprochenen Themen?

Alexander: Wir sind nicht in der Position eines Oberbürgermeisters und kennen die Hintergründe, Absprachen und Möglichkeiten nicht. Aber Stadtpolitik soll ja von Bürgern gemacht werden. Es ist dann Aufgabe der Verwaltung mögliche Lösungswege vorzuschlagen. Und es gibt ja immer eine Lösung, selbst wenn man total unökonomische Projekte umsetzen will.

Sie sprechen damit Ihr Lieblingsthema Eisstadion an?

Andreas: Wir hatten niemals ein Problem mit dem Eisstadion. Genau darum geht es doch. Wir waren auch nie gegen das Forettle-Center, wir sind die Letzten, die sowas blockieren würden. Aber die Argumentationen waren Augenwischerei. Der Kaufbeurer Verwaltungsapparat macht auf uns einen sehr fremdbestimmten Eindruck. Das Interesse von Bürgern steht nur dann im Vordergrund, wenn sie Geld haben und ihre Ziele durchsetzen wollen. Wenn Sie sagen, sie wollen ihre Altstadtwohnung sanieren, dann kommen Stadt und Denkmalschutz und hauen Ihnen die Auflagen um die Ohren. Wenn Sie aber 30 Millionen Euro mitbringen, dann können Sie die Altstadt abreißen und eine Wellblechhalle hinsetzen. Und man muss kein Genie sein um zu erkennen, wer hinter diesen Machenschaften steckt. Aber der Kaufbeurer ist so postfaktisch, dass er sich dann Zeit nimmt über zum Beispiel Verkehrsanbindungen zu diskutieren.

Genau genommen ist der MAK durch Ihre Vorstandskollegin Kathrin Zajicek im Stadtrat vertreten. Hätten Sie hier nicht entsprechende Anträge einreichen können?

Andreas: Einen Antrag schreiben kann man schnell. Aber ganz ehrlich: Wenn CSU und KI sich einig sind, was bringt dann ein Antrag überhaupt? Der kostet nur Zeit und Nerven.

Viele Kaufbeurer schätzen genau dieses Vorgehen an Bernhard Pohl. Anträge stellen und dafür kämpfen, auch wenn das nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Ist das aber nicht Demokratie?

Alexander: Bernhard Pohl bekommt ein üppiges Gehalt. Da würden wir uns noch ganz anderes Engagement wünschen.

Das von Ihnen ins Leben gerufene Kaufbeurer Waldfest war 2015 gut besucht. War dieses Event reine Vereinswerbung mit politischen Absichten, oder würden Sie es wieder veranstalten?

Andreas: Damit man uns wählt, weil wir ein Volksfest veranstalten? Das überlassen wir dann doch lieber der Kaufbeurer Initiative und ihrer Lebenden Krippe.

Ich erkenne da eine Art Missgunst in Ihren Worten.

Andreas: Wissen Sie, wir haben in einem Jahr zu dritt (zusammen mit Holger Jankovsky Anm. d. Red.) eine Vielzahl an Themen angesprochen, Veranstaltungen geplant und organisiert. Ich will nicht gewählt werden, weil ich eine Blaskapelle hinstelle und Bier für 2 Euro verkaufe. Aber nur so scheint es zu funktionieren. Ich habe aber keine Zeit mehr mich damit aufzuhalten, weil es nicht meinem Bild von Politik entspricht und das Privatleben darunter leidet. Ich bin in der freien Wirtschaft, bin selbst Arbeitgeber und kann für mich persönlich hier mehr erreichen. Glauben Sie, ich hätte mich aus finanziellen Gründen in den Stadtrat wählen lassen? Wenn man 18 Jahre von einem 2. Bürgermeistergehalt lebt, ja dann ist es wichtig in der Position zu bleiben.

Um ehrlich zu sein hat das Waldfest ein Minus eingespielt, welches durch meinen Bruder und mich ausgeglichen wurde. An dieser Stelle auch noch einmal herzlichen Dank an die Stadt Kaufbeuren für die finanzielle Unterstützung.

Sarkasmus?

Andreas: Ja, leider.

Sie werfen den Kaufbeurer Bürgerinnen und Bürgern vor, dass sie naiv seien und es Ihnen deshalb nicht gelang politischen Erfolg zu erzielen. Ist das nicht ein bisschen einfach, den Fehler bei Anderen zu suchen?

Alexander: Diese Frage könnten Sie jedem Kommunalpolitiker stellen. Passt immer.

Wie sieht Ihre politische Zukunft aus? Könnten Sie sich vorstellen, doch noch einmal einen Start zu wagen?

Alexander: Unsere Motivation ist derzeit so gering, dass wir darüber nicht nachdenken wollen. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf Themen die uns wichtig sind, unsere Familien. Ob wir uns in zwei Jahren noch einmal umentscheiden ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht abzuschätzen.

Andreas: Und es ist eine Frage des Preises (lacht). Wir überlassen die Politik lieber den Menschen die Zeit dafür haben und oberflächlich genug sind.

Die vergangenen zwei Jahre scheinen Sie sehr stark verändert zu haben. Aus Motivation wurde Frustration. Ist dies das richtige Signal für die Menschen, die zu Ihnen aufgeblickt haben?

Andreas: Wahlkampf ist leider immer ein Traum. Die Realität sieht dann meist anders aus. Aber dem Wahlverhalten der Kaufbeurer nach zu urteilen, scheint der Traum ziemlich lange zu dauern. Von daher würde ich sagen – ich denke, dass unsere heutige Reaktion schon was gebracht hat. Nur schade, dass spürbar keiner unserer Zielgruppe diese Zeitung liest.

Was möchten Sie den Kaufbeurerinnen und Kaufbeurern mit auf den Weg geben?

Alexander: Zeitung lesen, Sachbezüge verstehen lernen und ansonsten einfach raushalten. Ach ja und herzlichen Glückwunsch an Gerhard Bucher – auf weitere 20 Jahre!

Andreas: Die Busspur auf der Augsburger Straße kann ab 19 Uhr auch von PKWs befahren werden.

Ich merke, mit Ihnen wird es nie langweilig. Vielen Dank für das Interview.

Alexander und Andreas: Danke Merkel! (lachen)

Das Interview führte Kai Lorenz

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