Ein "Ohrfilm" im Kino - Rafik Schami erzählt in der filmburg Marktoberdorf sein neues Buch

„Es war im Frühling 1957, die Stadt lag noch im Dunkeln, nur in den Bäckereien war schon Licht...“ begann Rafik Schami in der bis auf den letzten Platz ausverkauften filmburg in Marktoberdorf zu erzählen. Ja zu erzählen,denn seine Lesungen sind gar keine Lesungen, sondern Erzähl-Abende. Wo andere Autoren Teile ihrer Bücher lesen, erzählt er sein Buch. Frei und ohne Manuskript.

Rafik Schami, der Schriftsteller zwischen den Welten, der Orientale, der die Kunst des Erzählens wie kaum ein anderer beherrscht, verzauberte die Zuhörer vergangenen Mittwoch in der Marktoberdorfer filmburg förmlich, als er sein aktuelles Buch „Das Geheimnis des Kalligraphen“ erzählte. Seit Juni vergangenen Jahres kämpfte Marlies Pötzl von der gleichnamigen Marktoberdorfer Buchhandlung darum, das literarische Highlight Rafik Schami nach 12 Jahren wieder nach Marktoberdorf zu holen. Zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Buchhandlung hatte sie es nun geschafft. „Leicht war es nicht", so Marlies Pötzl zu recht stolz im Gespräch mit dem KREISBOTE. Doch es hatte sich gelohnt. Applaus brandete bereits in den ersten Minuten auf, als sie bei der Begrüßung ankündigte, daß der bekannte und überaus beliebte Autor dieses Jahr noch einmal nach Marktoberdorf kommen würde. „Marlies ist arabischer als ich" konterte Rafik Schami lächelnd, „denn ich habe 'vielleicht' gesagt". Seine gesamte Tournee, von Deutschland bis in die Schweiz ist ausverkauft, wie auch der Abend in der filmburg, an dem einige gar keinen Einlaß mehr fanden. Rafik Schami hat gute Erinnerungen an Marktoberdorf, als er vor 12 Jahren für das Gymnasium das Modeon füllte, oder als noch unbekannter Autor vor 19 Jahren im mobilè auftrat. Übrigens ebenfalls auf Einladung von Marlies Pötzl. „Es ist schön zu wissen, dass das mobilé gerettet werden konnte, denn eine Stadt wird einfach wertvoller, durch so einen Ort der Kunst" setzte er hinzu, denn seine Erinnerungen an damals sind noch hellwach. Die Geschichte „Das Geheimnis des Kalligraphen" siedelte er in den 50er Jahren in Damaskus an, einer Zeit in der lediglich vier Jahre Demokratie in Syrien herrschte und die Stadt mit 350000 Einwohnern (heute 5 Mio.) noch dünn besiedelt war. „Ich wählte genau diese Zeit, weil ich einmal kein politisches Buch schreiben wollte", so Schami, „sondern ein Buch über die Liebe und das Leben in dieser Zeit. Heraus kam dabei allerdings ein Krimi, doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Damaskus hat ausserdem die höchste Dichte an Gerüchteerzählern, denn der Damaszener kann nur ruhig schlafen, wenn er am Tag mindestens drei Gerüchte gehört und vier verbreitet hat", so Rafik Schami launig in seiner Einleitung. „Wenn man zum Beispiel 'Unter uns gesagt' benützt, heisst das soviel wie, verbreite es so schnell wie möglich". Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. 1971 kam er nach Deutschland, studierte Chemie und legte 1979 seine Promotion ab. Heute lebt er in Mannheim und zählt zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Sein Werk erschien übersetzt in 24 Sprachen. Der Autor, der politisch verfolgt wird, darf in die Stadt seiner Träume - Damaskus - nicht zurückkehren und genau deshalb ist Damaskus auch seine große Liebe und der Mittelpunkt seiner Sehnsucht. Er zaubert mit seinen Erzählungen Bilder in die filmburg, die zum Greifen nahe sind. Seine blumige Erzählweise und seine begleitende immer einladende und unterstreichende Gestik erzeugen einen Sog in die Geschichte, die die Zuhörer in eine andere Welt versetzt. Immer wieder bringt er die aufmerksam Lauschenden an den Ort des Geschehens, lässt sie dort für eine Zeit lang verweilen und holt sie genau dort wieder ab. „Keiner wird nach Hause gehen" meint er lächelnd, „und wird die eine oder andere Person einer Geschichte noch im Ohr mit nach Hause nehmen, ich hole alle wieder ab", versprach er verschmitzt. Wie ein Ausflug in eine andere Welt, in eine andere Zeit und in eine andere Kultur wirkte der wundervolle Abend und die, die die filmburg verließen und nach Hause gingen, freuten sich schon darauf, Rafik Schami hoffentlich dieses Jahr fein zweites Malp in Marktoberdorf begrüßen zu dürfen. Und das ist kein orientalisches Wunder, denn Rafik Schamis Erzählabende sind wirklich einzigartig.

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