Klinikchef Dr. Philipp Ostwald steht Marktoberdorfer Bürgern Rede und Antwort

"Jetzt können sie mich grillen!"

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Viele Marktoberdorfer Bürger hatten Fragen an den Klinikchef Dr. Philipp Ostwald.

Marktoberdorf – Zu einem besonderen Abend hatte das Bürgerforum Gesundheit vergangene Woche ins MODEON geladen. Der Vorstand des Klinikums Ostallgäu-Kaufbeuren, Dr. Philipp Ostwald, stellte dort sein Sanierungskonzept vor und beantwortete die Fragen der zahlreichen Besucher.

Das bekannte Sanierungskonzept für das Klinikunternehmen sieht die Schließung der beiden Kliniken in Marktoberdorf und Obergünzburg zur Jahresmitte 2013 vor, was von den Besuchern mehrheitlich ablehnend kritisiert wurde. Dr. Ostwald erläuterte die zeitliche Entwicklung der Defizite und beleuchtete die Hintergründe, die in der Verwaltungs- ratssitzung vom 18. April zur Schließungsentscheidung geführt haben. Mehrere Zwischenrufe zeigten erneut die Sensi- bilität des Themas und die Kluft zwischen Kaufbeuren und Marktoberdorf. Anschließend stellte sich Ostwald mit der Bemerkung „Jetzt können Sie mich grillen“ den zahlreichen Fragen der Anwesenden.

Einiges hatte das Bürgerforum bereits vorab formu- liert: Marion Kugelmann vom Bürgerforum stellte die Frage nach der Rechtmäßigkeit einer Schließung, wenn die Häuser den Bürgern gehören würden und diese im Bürgerbegehren sich eindeutig gegen die Schließung ausgesprochen hätten. Sie vermutete als Hintergrund für die Schließung, dass beliebte Krankenhäuser wie Obergünzburg und Marktoberdorf als Konkurrenz ausgeschaltet werden sollten. Ostwald erläuterte den Entscheidungsprozess des Verwaltungsrats. Wolfgang Hannig ergriff in diesem Zusammenhang ebenfalls das Wort und erklärte als Kliniken-Verwaltungsrat das satzungsmäßig vorgeschriebene Vorgehen und brachte auch die historischen Entscheidungen vor, die zur Bildung dieses Kommunalunternehmens geführt hatten. Eine weitere Frage betraf die Investitionen.

In Marktoberdorf seien noch in 2011 Investitionen geleistet worden, zum Beispiel in die Wundambulanz von Dr. Michaela Knestele. Ostwald bestätigte, dass das ambulante Wundzentrum mit Knestele bis auf weiteres noch in Marktoberdorf verbleibe und somit die Investition nicht umsonst ge- wesen wäre. Der Klinikchef erläuterte auf Nachfrage zur weiteren Nutzung des Marktoberdorfer Hauses, dass es Gespräche gebe, die aber nicht öffentlich geführt werden könnten. Er nahm auch zu den Gerüchten Stellung, dass kein kurzfristiger Abriss geplant sei. Ein möglicher Nachnutzer müsse allerdings über das Areal selbst entscheiden können. Der von Ostwald angesprochene Sanierungsaufwand in Marktoberdorf von 40 Millionen Euro wurde von vielen Besuchern als nicht glaubwürdig und überhöht vermutet, zumal sich die Summe nur auf das Klinikgebäude bezog. Der Unmut der Anwesenden äußerte sich im Vorwurf, dass hier hohe Sanierungskosten vorgestellt würden, um eine Begründung für eine schnelle Schließung zu haben. Dem Vorwurf, dass die Häuser in Marktoberdorf und Obergünzburg geschlossen würden, damit in Kaufbeuren Neubauten entstehen könnten, entkräftete der Klinikchef, dass es sich bei der angesprochene Tranche von 3,5 Millionen Euro nicht um eine Neubauförderung, sondern um die jährliche Zahlung für den bereits vor Jahren begonnenen Umbau in Kaufbeuren handle.

Auch das Thema Notfallversorgung wurde angesprochen. Speziell der Industriestandort Markt- oberdorf wäre nur mit einem Arzt mit Zulassung der Berufsgenossenschaft ausgestattet. Ostwald erwiderte hierzu, dass eine ausreichende Versorgung gewährleistet sei.Dr. Christoph Nowak erläuterte als Sprecher der Notärzte im Ostallgäu noch das System der Notarztversorgung mit der Unterscheidung zwischen dem kassenärztlichen Notfalldienst, den sich die niedergelassenen Ärzte aufteilen und der bei weniger schweren Akutfällen zum Tragen komme, und dem Notarzteinsatz. „Dieser Notarzteinsatz wird in Marktoberdorf tagsüber von 7.30 Uhr bis 16 Uhr an Werktagen durch das Klinikum gewährleistet, außerhalb dieser Zeit übernehmen neun zusätzlich ausgebildete Ärzte diese Notarztversorgung in der Region“, so Nowak.

Dr. Hermann Seiderer bezeichnete die Defizitangaben als nicht nachvollziehbar und bezweifelte ein Bettenüberangebot. Die Einbeziehung der Reha-Klinik in Enzensberg in die Akut-Bettenzahl wurde als Zahlenspiel kritisiert. Der Eindruck bliebe, dass Kaufbeuren aus politischen Gründen geschont werden müsse. Seiderer kritisierte die zahllosen Gutachten, deren Kosten mit zu diesem Defizit beigetragen hätten. Dass ein städtisches Krankenhaus in Marktoberdorf als Konkurrenz gesehen und deshalb nicht zugelassen würde, kritisierte er scharf, was von den Anwesenden unterstützt wurde. Ostwald entgegnete erneut, dass es nicht das Krankenhaus der Bevölkerung Kaufbeurens sei, sondern, dass es das Krankenhaus aller Bewohner, auch des Ostallgäus, wäre. Wenn es in Biessenhofen stehen würde, würden die Debatten wohl deutlich entspannter ablaufen. Dr. Wolfgang Hell forderte eine Öffnung des Krankenhausmonopols: „Konkurrenz belebe das Geschäft und führe zu Verbesserungen“. Ostwald entgegnete, dass es keine Konkurrenzangst gebe, die Bettenkapazitäten aber vom Planungsausschuss des Gesundheitsministeriums erstellt würden und deshalb das Klinikum keinen Einfluss auf die Bedarfszahlen hätte.

Dr. Hermann Seiderer wollte wissen, was mit den Belegärzten in Marktoberdorf (Dr. Thomas Hilscher und Dr. Andreas Winter) geschehen würde. Ostwald erläuterte, dass die Mietverträge gekündigt seien und Dr. Hilscher ab Jahresmitte 2013 seine Leistungen im Buchloer Krankenhaus erbringen würde. Der Umzug von Dr. Winter würde längere Zeit benötigen. Roland Woschny aus Ronsberg forderte eine Erklärung, wie die bisher in Marktoberdorf und Obergünzburg behandelten Patienten versorgt werden könnten, wenn Kaufbeuren schon Kapazitätsprobleme hätte. Der Klinikchef entgegnete, dass dafür die freien Resourcen in Buchloe genutzt würden. Große Verärgerung war bei den Besuchern des Abends allgemein darüber festzustellen, dass trotz einer Anteilsmehrheit von 75 Prozent der Landkreis keine Stimmenmehrheit im Verwaltungsrat habe und sich im Gegenteil durch individuelle kommunale Interessen vom Minderheitsgesellschafter vorführen lassen müsse. Die fehlende Einigkeit im Verwaltungsrat wurde von mehreren Sprechern beklagt. jk

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