Realistisches Szenario

"Amoklauf" im Krankenhaus

+
Oft hängt die Sicherheit von Polizisten von „Kleinigkeiten“ an. So trainieren Polizeibeamte das Erstürmen einer Wohnung. Keiner darf sich vor einer geschlossenen Türe stellen. Zu oft schon wurde durch geschlossene Türen geschossen.

Marktoberdorf – Es ist 15.32 Uhr. Der Täter ist in einem Gebäude verschwunden. Auf den Fersen sind ihm zwei Polizeibeamte. Sie stehen vor der Entscheidung, ob sie auf Verstärkung warten, das SEK alarmieren oder selbst in das Gebäude reingehen sollen. Die beiden Beamten entscheiden sich für den sofortigen Zugriff. Im Gebäude erwartet sie ein langer Flur mit unzähligen Türen. Sie wissen nicht, ob sich auch unbeteiligte Personen im Gebäude aufhalten. Eigensicherung ist nun gefragt. Beide bleiben zusammen und sichern sich gegenseitig ab und stellen den Täter nach Schusswaffengebrauch.

Zum Glück war es nur eine Übung. Das Szenario ist aber absolut realistisch und der „Tatort“ war das ehemalige Krankenhaus in Marktoberdorf, das kurz vor dem Abriss steht. Markus Asbach, Erster Polizeihauptkommissar beim Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten, gewährte dem Kreisbote einen tiefen Einblick in das Training von Polizeibeamten. Er leitet die Organisationseinheit mit dem etwas sperrigen Begriff „Operative Ergänzungsdienste“. Dazu zählt das polizeiliche Einsatztraining.

„Wir sind Brigitte Schröder vom Bauunternehmen Hubert Schmid sehr dankbar, dass wir das Gebäude bis zum Abriss für unsere Ausbildung nutzen dürfen“, betonte Asbach gegenüber unserer Zeitung. „Gerade die langen Gänge lassen Szenarien zu, die wir anderswo nicht haben“. Eines der Szenarien könnte ein Amoklauf in einer Schule sein, wo sich ein Täter hinter einer der vielen Türen verbergen könnte. Dann ist schnelles und sicheres Fortbewegen im Gebäude gefragt. Anders als früher hat sich die Polizeitaktik bei Amokläufen geändert. Sofortiges Eingreifen ist gefragt, um möglicherweise Schlimmeres zu verhindern.

Es sind die normalen Polizeibeamten, die diese Weiterbildung durchlaufen müssen. Insgesamt hat das Bayerische Innenministerium für jeden Polizeibeamten, ob männlich oder weiblich, 24 Stunden Weiterbildung vorgeschrieben. Ziel ist es, sagte Asbach, die Polizeibeamten auf die verschiedensten Szenarien vorzubereiten, die ihnen im Dienstalltag begegnen können. Das kann eine eskalierende Situation bei einer Verkehrskontrolle oder auch ein Amoklauf sein, der einen sofortigen Zugriff verlangt.

Geschossen wird während der Trainingseinheiten zumindest einmal im Jahr auch, allerdings mit Farbmarkierungsmunition. Der Trainer spielt den Täter. Aus Sicherheitsgründen und um Verletzungen zu vermeiden, tragen die Beamtinnen und Beamten einen speziellen Kopfschutz und natürlich auch schusssichere Schutzkleidung.

„Wir haben alles im Programm, vom Familienstreit über das richtige Absichern von Unfallstellen bis hin zum Bankraub oder Amoklauf“, erzählt Peter Lindorfer, der für das polizeiliche Einsatztraining zuständig ist. Sechsmal im Jahr für jeweils vier Stunden werden die Beamtinnen und Beamten zur Schulung abgeordnet. Stefanie Gehring ist eine der elf Teilnehmerinnen an der Schulung. Für sie sind die Übungen sehr realistisch aber auch beunruhigend. „Man weiß bei echten Einsätzen nie, was auf einen zukommt“, sagte sie unserer Zeitung.

Richtiges Verhalten kann man trainieren, erklärte Asbach. Ähnlich wie Verkehrspiloten, die zweimal im Jahr im Simulator auf alle möglichen Extremsituationen vorbereitet werden und im Ernstfall nicht lange nachdenken müssen, so sollen die Polizeibeamtinnen und-–beamten bei Extremfällen ebenso wenig nachdenken. „Situationen, auf die man vorbereitet ist, erleichtern die richtige Vorgehensweise", sagte Asbach, der vor einigen Wochen selbst das Training durchlaufen hat.

In den vier Übungsstunden werden zwei bis drei Szenarien meist mehrfach durchgespielt und auf Video festgehalten. Das sogenannte „Debriefing“ für jede Übungseinheit gehört mit zum Programm. Oft stufen die Teilnehmer ihr Verhalten anders ein. Der Videoclip soll dann helfen, Fehler auszumerzen.

Für Asbach und Lindörfer ist es die beste Bestätigung ihrer Arbeit, wenn Kollegen berichten, dass ihnen reale Einsätze oft leichter vorgekommen seien als die Übungseinheiten während der Lehrgänge.

Die Bevölkerung hat nach Meinung von Markus Asbach oft eine falsche Vorstellung von der Polizeiarbeit. „Unzählige Krimis im Fernsehen sind oft weit von der Realität entfernt“, betonte der Polizeihauptkommissar. „Polizeiarbeit geht nur im Team“. Schreibtischarbeit, die einen großen Teil der Polizeiarbeit ausmacht, kommt meist überhaupt nicht in den Filmen vor, sagte Asbach.

von Siegfried Spörer

Meistgelesene Artikel

"Wir sind die Coolsten"

Stefanie Kloß (*1984) gründete 1998 ihre erste Band, aus der einige Jahre später SILBERMOND hervorging. Seit mehr als 12 Jahren rockt sie gemeinsam …
"Wir sind die Coolsten"

Bürgermeister wartet auf Anruf

Buchloe – Noch wartet Bürgermeister Josef Schweinberger auf den Anruf für eine Terminvereinbarung mit dem Vorstand des Gewerbevereins. In der …
Bürgermeister wartet auf Anruf

Dose für den Notfall

Marktoberdorf – Im Cafe „Greinwald“ stellte der Sozialverband VdK Kreisverband Kaufbeuren-Ostallgäu mit der sogenannten „SOS-Rettungsdose“ kürzlich …
Dose für den Notfall

Kommentare