Schonungslos und einfühlsam

Ziemlich harter Tobak

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Jakob (Emanuel Karg) ist voller Scham und Verzweiflung. Hannah (Theresa Walter) versucht ihn zu trösten.

Kaufbeuren – Einmal mehr hat die Kulturwerkstatt Kaufbeuren ein Jugendstück über ein brisantes Thema in Angriff genommen und unter der Regie von Martina Quante, Jannis Konrad und Thomas Garmatsch bravourös umgesetzt. „Homevideo“ heißt das Stück nach dem von Can Fischer für die Bühne bearbeiteten Drehbuch von Jan Braren, das kürzlich im Theater Schauburg Premiere hatte.

Der nach Brarens Drehbuch gedrehte Fernsehfilm von Kilian Riedhof wurde 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Hinter dem harmlosen Namen „Homevideo“ verbirgt sich eine schonungslose und zugleich einfühlsame Darstellung der Gefahren des Cybermobbings: Der fünfzehnjährige Jakob, glaubwürdig dargestellt von Emanuel Karg, ist ein verschlossener, schüchterner Einzelgänger. Seine Eltern (Marion Maas-Santjohanser und Bernd Frank) haben keinen Zugang mehr zu ihrem pubertierenden Sohn und stehen seinen Schulproblemen und seiner Verschlossenheit hilflos gegenüber. Zudem sind sie mit ihren eigenen Schwierigkeiten beschäftigt und gerade im Begriff, sich zu trennen, weil sie sich auseinandergelebt haben. Mutter Irina verlässt ihren Mann, den Streifenpolizisten Claas, und Sohn Jakob und zieht zu ihrer lesbischen Freundin Vera (Birte Mayer).

Jakob, der die Welt am liebsten distanziert durch das Objektiv seiner Filmkamera sieht, filmt alles, was ihm vor die Linse kommt, sogar sich selbst beim Onanieren vor einem Foto von Schulkameradin Hannah, in die er verliebt ist.

In der Kulturwerkstatt wird diese Videomanie, um für die Zuschauer nachvollziehbar zu sein, von einem Leuchttisch auf eine Großleinwand im Bühnenhintergrund übertragen. Hannah (sehr süß und sehr liebenswert Theresa Walter) erwidert Jakobs Zuneigung, sie treffen sich und kommen sich zart näher. Auch das hierbei stattfindende stumme Spiel wird dem Publikum via Leuchttisch übermittelt.

In Jakobs Abwesenheit verleiht Mutter Irina arglos seine Kamera mitsamt dem prekären Masturbationsfilm an Jakobs Freund Erik (Maximilian Henschel als überzeugend unbedarfter, jedoch loyaler Freund), der sie sich auch schon früher ausgeborgt hatte. Erik und Kumpel Henry (hübsch fies: Tim Häring) entdecken natürlich die delikaten Aufnahmen auf der Kamera. Während Erik sie anständigerweise zurückgeben will, besteht Henry darauf, dieses „Herrschaftswissen“ zu behalten. Mit Kumpan Tom (Aaron Burkhardt, genau so fies wie Henry) besucht er Jakob um ihn zu erpressen. Die beiden „Freunde“ bedienen sich uneingeladen mit Bier aus dem Kühlschrank, fläzen sich auf die Möbel und verlangen 500 Euro für die Rückgabe des Speicherchips mit dem decouvrierenden Video. Da Jakob nicht zahlen kann, stellen sie das Video ins Netz. Für Jakob beginnt damit ein unerträgliches Spießrutenlaufen in der Schule: Auf allen Smartphones seiner Mitschüler sieht er sein Video und er wird mit einem „Shit-Storm“ – E-Mails voll übler Beschimpfungen – überschüttet. Hannah hält zunächst zu ihm, zieht sich jedoch zurück, als Jakob glaubt, bei ihr weiter gehen zu dürfen. Jakob verzweifelt vollends. Er sieht keinen Ausweg und erschießt sich mit der Dienstwaffe seines Vaters.

Das erschütternde Drama aus der Sicht des Opfers Jakob mit all seiner Ohnmacht und Scham geht unter die Haut und hinterlässt Betroffenheit. Bestürzt und in dem Bewusstsein, dass Mobbing in jeglicher Form und durch die sozialen Medien noch verstärkt keine Fiktion ist, verfolgte das Premierenpublikum, was Cybermobbing anrichten kann. Die Akteure, allen voran Emanuel Karg als Jakob, haben im wie immer schlicht gehaltenen Bühnenbild erneut eine beeindruckend geschlossene Ensembleleistung abgeliefert. Passend ausgewählte Songs und subtile Beleuchtung taten das Ihrige, um das Stück – auch wenn es „ziemlich harter Tobak“ ist – sehenswert zu machen.

von Ingrid Zasche

Infos zum Stück:

„Homevideo“ - Kulturwerkstatt Theater Schauburg, Ganghoferstr. 6 (ab 14Jahre); Telefon 08341/81848

kulturwerkstatt@kaufbeuren.de

www.kulturwerkstatt.eu

Vorschau-Fotos/Proben- bzw. Aufführungs-Fotos/Trailer/Links

Internet-Vorverkauf auf reservix.de

Weitere Aufführungstermine jeweils 19.30 bis 21 Uhr: 13., 14. und 15. Oktober sowie die Schulvorstellung am 13. Oktober von 10 bis 11.30 Uhr.

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