Voll erblühte Blumen

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Chris (Roswitha Martin-Wiedemann, rechts) holt sich Anregungen in einem Pin-Up-Kalender beim Fahrradhändler.

Kaufbeuren – „Die Blumen von Yorkshire sind wie die Frauen… in der letzten Phase erstrahlen sie am allerherrlichsten“, philosophierte Gärtner John Clarke aus Knapely in der neuesten Kulturwerkstattpremiere „Kalender Girls“ vergangenen Samstag. Clarkes Satz ermutigt seine Frau Annie und ihre beste Freundin Chris nach seinem frühen Krebstod zu einem ungewöhnlichen Projekt.

Der Warteraum für Angehörige in Johns Krankenhaus soll ein neues Sofa erhalten, damit diese in den schlimmsten Stunden ihres Lebens wenigstens einigermaßen bequem sitzen können. Das für diese Spende erforderliche Geld wollen Annie (Marion Maas-Santjohanser) und Chris (Roswitha Martin-Wiedemann) durch die Veröffentlichung eines Kalenders beschaffen.

 Und weil sich „nackte Haut besser verkauft“, überreden sie ihre Freundinnen vom örtlichen Frauenbund, sich – obwohl alle den Zenith ihres Lebens überschritten haben und keine von ihnen jemals eine Schönheitskonkurrenz gewinnen könnte – für den Kalender hüllenlos fotografieren zu lassen. 

Die Damen vom „Dabbeljuh-Ai“ (WI = Women’s Institute), der betulichen Karrikatur eines Frauenbunds, präsentieren sich mit scheußlichen Hüten, kleingemusterten Kittelschürzen und Kleidern, Häkelblumen am Revers des Strick-Kostüms und auch ein paar „Mannweibern“ (buchstäblich – mit Schnäuzer oder Stoppelbart). 

Neben Vorträgen über Kochrezepte, Handarbeiten und Haushaltstipps, neben Chorgesang, Tai Chi und Backwettbewerben steht auch jedes Jahr die Herausgabe eines Benefiz-Kalenders mit regionalen Landschaften oder Architektur von Brücken auf dem Programm. 

Aktuell sind Kirchenansichten geplant. Antihausfrau Chris ist nur ihrer Mutter zuliebe Mitglied und rebelliert des Öfteren gegen den spießigen Mief. Gegen den Widerstand der moralisch entrüsteten WI-Vorsitzenden und mit Hilfe von Johns fotografierendem Pfleger Lawrence kann Chris den Pin-Up-Kalender realisieren. 

Selbst der WI-Gesamtvorstand stimmt der Verwendung des WI-Logos auf dem Pin-Up-Kalender widerstrebend zu: „Wir sind NICHT für Nacktheit zu haben – aber wir sind durchaus für gute Taten zu haben“. Von den mutigen Hausfrauen wird für die gute Sache so genial gestrippt, dass auf den kunstvollen Fotos so gut wie nichts zu sehen, aber alles zu ahnen ist. 

Auf dem Dezemberbild bedecken dann alle elf Monatsgirls ihre Blöße mit unzähligen Sonnenblumen, Johns Lieblingsblume. Der Kalender wird ein Riesenerfolg und schließlich gibt sogar die gestrenge Vorsitzende (Traudl Kaisinger) zu „das WI ist für die Frau im Ganzen zuständig und nicht nur für Makramee und Marmelade!“ 

Die Kulturwerkstatt hat diese Komödie von Tim Firth (Deutsch von Wolf Christian Schröder) nach einer wahren Geschichte unter der Regie von Martina Quante und Thomas Garmatsch gelungen umgesetzt. Die witzigen Dialoge der Mittfünfzigerinnen und die zusätzlichen Sichtweisen von Ehemännern und zwei pubertierenden Söhnen (umwerfend komisch Timo Merkes und Jannis Konrad) animierten das Publikum immer wieder zu Szenenapplaus und amüsiertem Gelächter. 

Aber es gibt auch leise Momente, die zum Nachdenken anregen, wie die schmerzhaft beklemmenden Szenen von Johns langsamem Sterben, von Michael Mayer glaubhaft verkörpert. Der häufige Szenenwechsel erfolgt mit fahrbaren Paravents. Hunderte von Häkelblumen schmücken zwei davon und van Goghs „Sternennacht“ ist auf drei weitere verteilt. Passende Musik und Beleuchtung tun das Ihrige, um das Stück sehenswert zu machen. Dieser Meinung war auch das Publikum, das die 18 mindestens so mutigen Darsteller wie die Vorbilder mit Trampeln, Johlen und Standing Ovations belohnte.

von Ingrid Zasche

Weitere Vorstellungen:

Freitag, 26. und Samstag, 27. Februar, Donnerstag, 3., Freitag, 4., Samstag, 5., Freitag, 11. und Samstag, 12. März, 19.30 Uhr 

Tickets online über www.reservix.de oder an der Abendkasse der Kulturwerkstatt


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