17-Jähriger fliegt regelmäßig beim Flugsportverein Kaufbeuren e. V.

Mit Patrick über den Wolken

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Das Allgäu von oben: Patrick hebt regelmäßig mit Ultraleicht- oder Segelflugzeug ab.

Kaufbeuren – Unsere Redakteurin Michaela Frisch wollte mit Patrick Ostenrieder "hoch hinaus" über die Wolken: Der junge Mann ist schon seit Jahren beim Luftsportverein Kaufbeuren aktiv und hat unsere Redakteurin auf einen Rundflug mitgenommen.

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang schon Reinhard Mey auf der alten Schallplatte meines Vaters. Und so nehme ich natürlich die Gelegenheit wahr, Schreibtisch und Redaktionsalltag für eine Stunde zu entfliehen und an einem Rund- flug über das Allgäu teilzunehmen. Startpunkt: der Luftsportverein Kaufbeuren e.V. auf dem Gelände des Fliegerhorstes. Dass der Pilot erst 17 Jahre alt ist, ich selbst außer diversen Urlaubsflügen in riesigen Passagiermaschinen keinerlei Flugerfahrung habe und mich in dem Ultraleichtflugzeug der Marke „Roland Z 602“ nur wenige Millimeter dickes Aluminiumblech sowie ein Kunststoffdach von der mich umgebenden Atmosphäre beziehungsweise dem rund 600 Meter (etwa 2000 Fuß) unter mir liegenden Boden trennen werden, weckt erst einmal leichte Zweifel an der Aktion. Als ich Patrick Ostenrieder aber dann kennenlerne, merke ich schnell: Der Junge hat’s drauf. 

Fotos

Hinter den gut gesicherten und bewachten Toren des Fliegerhorstes befindet sich nicht nur militärisches Gelände, sondern auch die Liegenschaft des Kaufbeurer Luftsportverein. Deshalb treffen Patrick und ich uns an der Hauptwache, und dann geht es mit den Fahrrädern zur Startbahn. „Wir können gleich loslegen“, erklärt er, der für einen 17-Jährigen erstaunlich bedacht und erwachsen wirkt. Kein Wunder, macht Patrick doch eine Ausbildung zum Elektroniker bei der Bundeswehr und „so ganz nebenbei“ die Fachoberschule – da braucht es schon ein bisschen Ernsthaftigkeit, denke ich mir und fasse gleich Vertrauen zu „meinem“ Piloten. Dies wächst noch, als er die Ultraleichtmaschine aus dem Schuppen rollt. Jeder Handgriff sitzt, und als das Headset, das man wegen des hohen Lärmpegels in der Maschine zur Kommunikation und zum Schallschutz benötigt, vor dem Start nicht funktioniert, geht Patrick alle möglichen Fehlerkonstellationen mit stoischer Ruhe durch. Stress, Chaos, Unsicherheit? Keine Spur. Dann noch den Tank geprüft, angeschnallt – Patrick überzeugt mich noch, dass der doch recht starke Benzingeruch ganz normal ist, und schon rollt die Roland mit uns über die Startbahn. 

Dank geringer Thermik, das sind warme Luftströmungen, die vom Boden in die Höhe steigen, fällt schon der Start sehr ruhig aus. Die Maschine gewinnt rasch an Höhe, und ich fühle mich in guten Händen. Also statt Absturzszenarien im Kopf lieber die grandiose Aussicht genießen. Als nach wenigen Minuten durch das zuerst etwas diesige Wetter die Sonne durchbricht, verstehe ich vollends was Patrick am Fliegen so fasziniert. Geplant ist ein etwa dreiviertelstündiger Flug über etwa 130 Kilometer in Richtung Kempten, dann an den Allgäuer Alpen entlang über Füssen, an Schloss Neuschwanstein vorbei, über die Ruinen Freyberg-Eisenberg und in einem großen Bogen wieder zurück nach Kaufbeuren. Als wir die reguläre Flughöhe von etwa 4.300 Fuß erreichen, das sind rund 1.300 Meter über dem Meeresspiegel (Kaufbeurren liegt rund 700 Meter über dem Meeresspiegel), sehe ich, dass die Höhe perfekt ist, um sowohl das Gefühl „über den Wolken“, aber gleichzeitig auch eine tolle Sicht auf die Gegebenheiten unter uns zu genießen. Dörfer, Einzelhöfe, Wälder, Seen und Straßen ziehen vorbei, und immer wieder faszinierende Wolkenformationen, die vom Boden aus so nicht zu erkennen wären. Ein echter Traum ist der Flug über die nächsten Ausläufer der Berge: Klare Sicht bis an den Horizont, im Hintergrund schneebedeckte Gipfel. Wolkentürme wirken wie Vulkanrauch, die grünen Hügel unter uns erinnern an Szenen aus „Herr der Ringe“. 

Ich hatte viel erwartet, aber so beeindruckend und neu hatte ich mir die unbestritten schöne, aber eben doch bekannte Umgebung von oben nicht vorgestellt. Keine Sekunde Langeweile, das Zeitgefühl schwindet. „Ganz normal“, sagt Patrick, dessen Augen verraten, dass er das gleiche unbeschreibliche Gefühl empfindet wie ich, obwohl er doch schon seit Jahren mehrmals im Monat mit der Roland oder einem Segelflugzeug des Luftsportvereins in die Lüfte steigt. Bei dem unvergleichlichen Schauspiel, das uns Sonne, Wind und Wolken bieten, ist Schloss Neuschwanstein unter uns fast nur eine „Nebenattraktion“. 

Auf der Höhe der Burgruinen Freyberg-Eisenberg sehen wir noch einen Heißluftballon, der allerdings schnell höher steigt. Als wir – nach einer engen Wendung, die mir aber nach dem ruhigen Flug überhaupt keine Angst mehr einjagt – wieder auf dem Rückweg nach Kaufbeuren sind, kann ich nicht sagen ob wir 20 oder 45 Minuten oder vielleicht sogar anderthalb Stunden in der Luft waren, so vielfältig sind die Eindrücke und so gänzlich anders das Zeitempfinden über den Wolken. Reinhard Mey hat nicht gelogen. 

Zwei Flugscheine 

So „ganz normal“ ist es aber natürlich nicht, dass Patrick mit seinen 17 Jahren mit mir und der Roland abheben darf. Im Luftsportverein Kaufbeuren ist der Elektroniker-Azubi jedenfalls das jüngste Mitglied, das sowohl über den Segelflugschein als auch über den Ultraleicht-Flugschein verfügt, und das nicht erst „seit gestern“: Schon im Alter von 14 Jahren hat er sich das Fliegen zum Hobby gewählt, mit 16 hatte er den Segelflugschein in der Tasche. Blut – oder in diesem Fall Benzin – geleckt hat Patrick, weil sein Opa ihn zu Flügen mit dem eigenen Flugzeug mitgenommen hat. Nach seiner Elektroniker-Ausbildung will Patrick sich per Studium zum Flugzeugelektroniker weiterbilden. Später große Passagiermaschinen zu fliegen ist ihm aber zu langweilig – dann eher schon in Kanada Baumstämme über unwegsames Gelände fliegen oder abgelegene Siedlungen beliefern. Im Moment beschränkt sich Patrick aber noch darauf, „mal eben“ zum Europapark in Rust oder anderen Zielen zu fliegen – landen darf er mit dem Ultraleichtflugzeug nach Anmeldung auf jedem Flughafen. 

Wer aber jetzt denkt, Patrick sei „von Beruf Sohn“ und Fliegen ausschließlich ein Sport für Menschen, die sich die fünfstelligen Preissummen für ein eigenes Flugzeug leisten können, täuscht sich. Erstaunt erfahre ich, dass man beim Luftsportverein Kaufbeuren als Flugschüler neben den Mitgliedsbeiträgen – die sich in der Höhe nicht großartig von den Beiträgen anderer Sportvereine unterscheiden – als aktives Mitglied lediglich den Flugstundenpreis der Flugzeuge bezahlt. In meinem Fall mit einer dreiviertel Stunde Flugzeit und rund 130 Kilometer Strecke, wären das rund 50 Euro. Die Fluglehrer bilden zudem ehrenamtlich aus, so dass keine Schulungsgebühren anfallen – ganz im Gegenteil zu regulären Flugschulen. Durch das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder sowohl in der Wartung und bei kleineren Reparaturen der Flugzeuge, als auch bei der Pflege des Flugplatzes und der Vereinsliegenschaften können Flugpreise und Mitgliedsbeiträge niedrig gehalten werden. Junge Mitglieder, die noch kein eigenes Einkommen haben, erhalten vergünstigte Konditionen. 

Was allerdings passiert, wenn die Bundeswehr 2019 abzieht, ist noch unklar. 

Mehr zum Luftsportverein Kaufbeuren gibt es im Internet unter www.lsvk.de. von Michaela Frisch

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