Schicht für Schicht zur Geschichte

Dr. C. Sebastian Sommer, Landeskonservator und Leiter der Abteilung „Praktische Denkmalpflege Bodendenkmäler“ beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Die Erde bewahrt unsere Geschichte – und gibt sie manchmal auch wieder frei: Immer wieder tauchen, nach langer Suche oder ganz zufällig, so genannte Bodendenkmäler in Städten, Gemeinden oder im Umland auf. Insgesamt gibt es laut Dr. C. Sebastian Sommer, Landeskonservator und Leiter der Abteilung „Praktische Denkmalpflege Bodendenkmäler“ beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, über 54.000 in ganz Bayern – antike Gräber, alte Befestigungsanlagen oder Kultplätze. Säuberlich werden sie nach ihrer Entdeckung kartiert, viele schlummern aber trotzdem noch friedlich im Erdreich. „Und das ist auch gut so, denn dort liegen sie bereits über Jahrhunderte sicher konserviert“, erklärt Sommer auf Anfrage des KREISBOTE. Kritisch für das Bodendenkmal wird es aber, wenn – wie es hier in Kaufbeuren aktuell geschieht – ein Investor auf solch einem Grundstück bauen möchte.

Stellt sich heraus, dass sich ein Bodendenkmal auf dem Areal des Bebauungsplans befindet, muss die Denkmalfachbehörde entscheiden, was zu tun ist. In vielen Fällen wäre es dieser am liebsten, wenn die Baumaßnahmen so gestaltet werden, dass das Bodendenkmal unbeschädigt in der Erde verbleiben kann. Aber, so Sommer: „Manchmal, wenn kein Kompromiss gefunden werden kann, wie hier in Kaufbeuren, wo die Pläne des Investors eine massive Fundamentierung fordern, kommt es dann eben doch zur Ausgrabung“. Die Kosten hierfür trägt laut Sommer der Investor. Dabei sehen es die Bodendenkmalpfleger lieber, wenn die „Schätze“ unberührt im Boden blieben. Denn jede Ausgrabung gleicht einer „totalen Zerstörung des Bodendenkmals“, betont Sommer. Leider sei das zum Beispiel auch in der Kaufbeurer Altstadt der Fall gewesen: „Die Karte mit Bodendenkmälern für Kaufbeuren ist erschreckend, so viele wurden bereits zerstört“, resümiert der Bodendenkmalpfleger. Zahlreiche fielen vor allem in den 1960er, 70er und 80er Jahren den Baggern bei Bauarbeiten zum Opfer. Zwar habe man beispielsweise einen Mauerfund gesichert, aber Schichten darunter und drumherum, die für Archäologen viel aussagekräftiger sind, wurden nicht dokumentiert, sondern einfach zerstört. Kaufbeuren gleiche zunehmend einer „archäologischen Wüste“, so Sommer. Ein weiterer Grund, warum die Wissenschaftler die Bodendenkmäler lieber friedlich im Boden schlummern sehen wollen, ist, dass die Archive bereits voll sind mit Fundstücken. Vieles wartet dort auf seine Auswertung und Bestimmung und das bei wesentlich schlechteren äußeren Bedingungen als denen, die sie in der Erde vorgefunden haben. Denn dort setzt der Zerfall ab einem bestimmten Zeitpunkt aus. Flexibel sein Die Konservierungen seien zudem oft sehr aufwendig und müssten aufgrund der nicht optimalen äußeren Bedingungen mehrmals wiederholt werden. „So kann es passieren, dass irgendwann kein Metall mehr da ist, sondern nur noch Plastik“, erklärt Sommer. Diese Erhaltungsmaßnahmen verursachen zu- dem noch hohe Kosten. Vor allem aber die Tatsache, dass vieles noch nicht bestimmt werden konnte, wiegt schwer: „Eine Ausgrabung ohne gleichzeitige Bestimmung beziehungsweise Einordnung ist fast so schlecht, als hätte sie nicht stattgefunden“, so der Denkmalpfleger. Am besten ist es daher, bei etwaigen Bauvorhaben auf Grundstücken mit Bodendenkmälern Kompromisslösungen zwischen Investor und der Bodendenkmalpflege zu finden. So müsse beispielsweise nicht immer ein Keller oder tiefreichende Fundamente gebaut werden, in dessen Verlauf die Bodendenkmäler fachmännisch ausgegraben und gesichert werden müssen. Vielerorts konnte man sich mit dem Bauherren einigen und es wurde einfach auf das Bodendenkmal gebaut. So stehen laut Sommer bereits einige Supermärkte direkt über archäologisch bedeutenden Funden. In Fachkreisen wird dies „konservatorische Überdeckung“ genannt. „Das ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten“, erklärt Sommer. So liegen die Bodendenkmäler noch besser geschützt weiter in der Erde, weil für niemanden mehr zugänglich. „Und vielleicht geht es ihnen unter dem Supermarkt sogar besser als auf dem freien Acker, denn hier sind die Fundstücke durch Ackerbau und Bewässerung größeren Korrosions-Einflüssen unterworfen“, erläutert Sommer. Der Investor profitiere davon, dass keine teuren Ausgrabungskosten auf ihn zukommen. „Und was spricht dagegen, dass man die Bodendenkmäler erst in 50 Jahren ans Tageslicht holt? Vielleicht gibt es da ja deutlich bessere Konservierungsmöglichkeiten als heute. Darüber hinaus wissen wir gar nicht, wie die zukünftige Generation mit solchen Bodendenkmälern umgehen will“, mutmaßt der Landeskonservartor. „Wir sollten aus Fehlern der Vergangenheit lernen und zukünftigen Generationen die Chance geben, es vielleicht besser zu machen“. Wichtig sei, flexibel an die Sache heran zu gehen. In Kaufbeuren jedenfalls ist man aktuell dabei, die Ausgrabungen vorzunehmen. Ob und was man findet, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

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