Ein Toter und drei Verletzte nach Personenkontrolle im "Alex" – Neue Details bekannt

Eskalation im "Alex"

+
An diesem Waldstück wurde der tote 20-Jährige gefunden. Er war beim Sprung aus dem fahrenden Zug unter die Räder geraten, nachdem sein Komplize auf einen Polizisten geschossen hatte.

Kaufbeuren – Weil eine Routinekontrolle eskalierte, wurde die Fahrt mit dem Regionalzug "Alex" am Freitag für hunderte Passagiere zur Schreckensfahrt. Beamte der Bundespolizei trafen auf einen gesuchten Straftäter und seinen Begleiter. Am Ende war einer der Täter tot, sein Komplize und zwei Beamte zum Teil schwer verletzt. Nach ausführlichen Medienberichten am Wochenende gibt es nun neue Erkenntnisse zum Fall.

Die dramatische Schießerei am Freitag in einem Zug auf der Strecke zwischen Kaufbeuren und Kempten beherrschte am Wochenende die südbayerischen Medienberichte. Mittlerweile haben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten und des Polizeipräsidiums München weitere Details ergeben. Auch zur Identität der beiden mutmaßlichen Täter, die angesichts einer Personenkontrolle versuchten, mit Waffengewalt aus dem Zug zu flüchten und dabei einen Polizeibeamten ins Bein schossen, gibt es neue Erkenntnisse. So handele es sich bei dem Mann, der bei einem Sprung aus dem Zug zu Tode kam, wohl um einen 20-Jährigen mit russischen Wurzeln aus dem Raum Fürstenfeldbruck. Sein Komplize, der bis Redaktionsschluss am Montag im Koma lag, ist 44 Jahre alt, kasachischer Herkunft und kommt aus Augsburg. 

Nur eine Routinekontrolle sollte es sein, als am Freitagnachmittag gegen 14.26 Uhr zwei Beamte der Bundespolizei im voll besetzten Regionalzug „Alex“ zwischen Kaufbeuren und Kempten zwei Männer baten, sich auszuweisen. Wie sich herausstellte, war einer der beiden zur Fahndung ausgeschrieben – zwei Jahre und fünf Monate sollte der 20-Jährige laut Bericht der Süddeutschen Zeitung wegen räuberischen Diebstahls ins Gefängnis. Doch anstatt sich von den Beamten festnehmen zu lassen, zog er eine Waffe und schoss ohne Vorwarnung auf einen der Polizisten. Dass es sich bei der Waffe nach jetzigen Erkenntnissen um eine täuschend echt aussehende Schreckschusspistole handelte, konnten die Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Sie versuchten, sich in Deckung zu bringen. Diese Eskalation nutzte der 44-jährige Begleiter des per Haftbefehl gesuchten 20-Jährigen, um einen der Polizisten niederzustrecken, indem er ihm mit einer Waffe mehrfach auf den Kopf schlug. Der 57-Jährige erlitt dabei mehrere heftig blutende Platzwunden. 

Der 44-Jährige, bei dem es sich nach aktuellem Kenntnisstand um einen Kasachen mit deutschem Pass aus dem Raum Augsburg handelt, entriss seinem Opfer die Dienstpistole und schoss auf den anderen Beamten. Dieser wurde am Bein getroffen, ein weiteres Projektil blieb in der Schutzweste stecken – dies habe den Polizisten vor einer „möglicherweise tödlichen Verletzung“ bewahrt, wie ein Sprecher der Polizei am Samstag vermutete. Nach einer Operation muss der Verletzte noch einige Tage im Krankenhaus verbringen, sein Kollege konnte die Klinik nach der Behandlung seiner Kopfwunden bereits wieder verlassen.

Sprung aus dem Zug 

Zeuge dieser schockierenden Szenerie wurde ein zufällig im Zug mitreisender Beamter des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). Er eilte seinen Kollegen zu Hilfe und sorgte dafür, dass sich die anderen Reisenden in die hinteren Waggons des Zuges und damit aus der Gefahrenzone begaben. Für ihn selbst sollte sich die Situation allerdings weiter zuspitzen: In einem Zwischenabteil zwischen zwei Waggons stieß er erneut auf die beiden Täter. Einer von beiden brachte sofort seine Waffe in Anschlag und drohte, den LKA-Beamten zu erschießen. Der Kriminalbeamte habe ihn daraufhin „mehrfach aufgefordert, die Waffe niederzulegen“, so die Polizei am Samstag. Als der 44-Jährige dieser Aufforderung nicht folgte, feuerte der Beamte auf ihn und traf den Mann in Arm und Bein. 

Zu diesem Zeitpunkt war der Zug mit einer Geschwindigkeit von 80 bis 100 Stundenkilometern unterwegs. Trotzdem öffneten die Täter eine der Türen und sprangen aus dem fahrenden Zug, um zu fliehen. Für den jüngeren der beiden war dies eine tödliche Entscheidung: Er geriet beim Aufprall unter die Räder des Zuges und war sofort tot. Der Zugführer eines entgegenkommenden Zuges entdeckte den Leichnam auf dem Gegengleis und alarmierte die Rettungskräfte. Der 44-Jährige schaffte es mit seinen Verletzungen bis zu einer Böschung, wo er später gefunden wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits nicht mehr ansprechbar. 

Mit dem Öffnen der Türen hatten die Flüchtenden eine automatische Notbremsung ausgelöst. Zum Stehen kam der „Alex“ auf freier Strecke in einem Waldgebiet bei Günzach. 

Fahrgäste können fliehen 

Diese Gelegenheit nutzten einige der rund 300 Fahrgäste und suchten Schutz im nahen Wald. Sie fanden Hilfe in einem nahen Anwesen und wurden von dort aus nach Kempten gebracht. Aus „taktischen Gründen“, so die Begründung der Polizei, wurde die Fahrt des Zuges allerdings schon wenige Minuten nach dem Nothalt fortgesetzt. Ohne weitere Zwischenstopps lief der Zug am Bahnhof Kempten ein, wo er bereits von einem Großaufgebot an Einsatzkräften erwartet wurde – darunter auch Angehörige des Kriseninterventionsteams (KIT), die die Passagiere in Empfang nahmen und betreuten. 

An dem Ort, an dem der tote 20-Jährige gefunden worden war, sowie im Zug selbst wurden laut Polizei noch in den Nachtstunden des Freitag umfangreiche Absuch- und Spurensiche- rungsmaßnahmen durch Erkennungsdienstbeamte aus Kempten und München durchgeführt. So konnten im Lauf des Wochenendes sämtliche Waffen aller beteiligter Personen gefunden werden. Detaillierte Untersuchungen an den Schusswaffen werden laut offiziellem Bericht derzeit (bis Redaktionsschluss am Montag) durch Experten des LKA vorgenommen. Der verletzte Täter liegt derzeit (bis Redaktionsschluss) noch im Koma. Sein Zustand sei stabil, meldet die Polizei, es bestehe derzeit keine akute Lebensgefahr. 

Die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Kempten und das Polizeipräsidium München dauern indes noch an. Die Ermittler bitten alle Personen, die sich als Fahrgäste in dem betreffenden „Alex“ befunden haben und deren Personalien bislang noch nicht aufgenommen wurden, sich bei der Polizei zu melden. von Kreisbote

Meistgelesene Artikel

Bau der Fußgängerzone: Zuschlag erteilt

Kaufbeuren – Der Kaufbeurer Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung über die Vergabe der Bauarbeiten für die Kaufbeurer Fußgängerzone entschieden. Den …
Bau der Fußgängerzone: Zuschlag erteilt

Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Buchloe – Die Stadt lässt sich ihre Kindergärten etwas kosten. Das bedeutet aber auch, dass Gebührenerhöhungen unumgänglich sind. Der Hauptausschuss …
Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kaufbeuren – Der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl hat sich für 2017 viel vorgenommen. Diesen Eindruck …
Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kommentare