Alligator-Schildkröte beißt Achtjährigen – Oggenrieder Weiher ausgelassen und gesperrt

Jagd auf "Lotti" geht weiter

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Der niedliche Name täuscht: „Lotti“ macht den Oggenrieder Weiher unsicher.

Irsee – Gähnende Leere herrscht derzeit dort, wo sich sonst die Badegäste tummeln: Noch immer wird am – mittlerweile komplett abgelassenen – Oggenrieder Weiher bei Irsee nach der Schnapp- oder Geierschildkröte gesucht, die am Montag vergangener Woche einen Achtjährigen in den Fuß gebissen und ihm die Achillessehne zweimal durchtrennt hat. 

Am Oggenrieder Weiher ist derzeit der Teufel los. Oder besser gesagt: Die Alligator-Schildkröte. Am Montag vergangener Woche erlitt ein achtjähriger Junge, der mit seiner Familie im Allgäu Urlaub machte, eine schwere Verletzung am Fuß, die nach Expertenmeinung nur von einer sogenannten „Alligator-Schildkröte“ stammen kann. Nun suchen Einsatzkräfte von Bauhof, Feuerwehr und Landratsamt fieberhaft nach dem Tier, dem die Öffentlichkeit den Spitznamen „Lotti“ gegeben hat. Der Badeweiher wurde bereits am Freitag komplett abgelassen und das Gelände mit Warnschildern versehen. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Montag, den 12. August, gab es noch keine neuen Erkenntnisse dahingehend, wo sich die Schildkröte versteckt hat oder ob sie das Gelände schon wieder verlassen hat. Parallel zur Suche ermittelt die Polizei gegen Unbekannt wegen Verstoß gegen das Tierschutz- gesetz und fahrlässiger Körperverletzung. 

Als der achtjährige Junge mit seiner Verletzung am Fuß zu den Rettungskräften der Wasserwacht kam, sei man zuerst von einem Schnitt durch eine Glasscherbe ausgegangen, erzählt der Irseer Bürgermeister Andreas Lieb (FW Bürgerforum Irsee) am Freitag. Die ungewöhnlich starken Schmerzen und die heftige Blutung ließen jedoch schnell Zweifel an dieser Diagnose aufkommen. Und auch der Arzt, der im Klinikum Kaufbeuren den Fuß operierte und dabei eine zweifache Durchtrennung der Achillessehne feststellte, sei sich sicher gewesen: Diese Wunde konnte nur von einem Biss stammen. Zum Glück sieht es laut Lieb momentan danach aus, dass der Junge keine bleibenden Schäden davontragen wird. Aber: „Kein Tier, das in unseren Breiten normalerweise in einem Weiher lebt, könnte auch nur im Entferntesten solch eine Verletzung zufügen“, erklärt der Bürgermeister. 

Mit Einverständnis der Eltern wurde das Zoologische Institut in München zu Rate gezogen. Dort geht man von einer sogenannten Alligator-Schildkröte („Chelydrida“) als Verursacher der Biss- verletzung aus. Zu dieser Familie gehören unter anderem die Schnapp- und die Geierschildkröte (siehe Infokasten unten).

 "Vermutlich ausgesetzt" 

Nachdem das Institut dem Irseer Bürgermeister dieses Ergebnis mitgeteilt hatte, wird nun alles daran gesetzt, das gefährliche Tier zu finden. Am Freitag wurde der Oggenrieder Weiher komplett abgelassen, ein Absperrband zieht sich rund um den gesamten Weiher. Auch am Montagmorgen waren wieder einige Helfer vor Ort. Daniel Lipp, Angestellter des Irseer Bauhofs, beschreibt vor Ort die Situation: „Die Suche wird wohl sehr aufwändig werden, da das Ufer zum Teil aus großen Steinen und Schilfgelände besteht. Es kann auch sein, dass die Schildkröte sich im Schlamm vergraben hat oder sich gar nicht mehr am Weiher aufhält. So einen Fall hatten wir hier noch nie, wir müssen schauen was passiert“. Und Rathauschef Andreas Lieb ergänzt: „Sollte das Tier noch gefunden werden, brauchen wir Fachleute für die Bergung. Denn für den Laien wäre der direkte Kontakt viel zu gefährlich“. 

Sicher ist sich der Bürgermeister mittlerweile, dass „Lotti“ erst vor kurzer Zeit in den Weiher gelangt ist. Seine Theorie: „Ein Tier, das über eine solche Beißkraft verfügt, hat bereits eine gewisse Größe beziehungsweise ein gewisses Alter erreicht. Wahrscheinlich ist daher, dass jemand das Reptil bislang als Haustier gehalten hat und es jetzt aus unbekannten Gründen aussetzte“. Über eine solche Auffassung von „Tierhaltung“ könne man nur den Kopf schütteln, meint Lieb, der in ständigem Kontakt zur Polizei steht. Die Beamten ermitteln derzeit (bis Redaktionschluss) gegen Unbekannt, während des Gesprächs mit dem Kreisboten am Montag erreichte Lieb jedoch ein Anruf der Dienststelle, worin mitgeteilt wurde, dass es bereits mindestens einen „heißen Tipp“ gibt, wer sich seines exotischen Haustiers auf solch unfeine Art entledigt haben könnte. 

Familie des Jungen reagiert souverän - Reges Medieninteresse

Außer den Nachrichten der Polizei erreichen den Bürgermeister von Irsee aber auch noch eine Menge anderer Anrufe, die Geschichte von der Alligator-Schildkröte im sonst so beschaulichen Badesee hat deutschlandweit für Interesse gesorgt. Die Familie des betroffenen Jungen sei sogar vorzeitig wieder aus dem Allgäu abgereist – nicht aus Schreck über den Vorfall, sondern um dem Ansturm der Medien zu entgehen, erzählt Lieb. Der Achtjährige habe sich in einer SMS an Lieb sogar dafür ausgesprochen, „Lotti“ auf jeden Fall am Leben zu lassen – er würde sie gerne „später im Tierpark besuchen“. Auch die Eltern des Jungen hätten souverän reagiert, betont Lieb, ihnen sei das Allgäu als Urlaubsziel wegen des Vorfalls wohl nicht verleidet. 

Tipps zum weiteren Vorgehen bekommt der Bürgermeister derweil aus der ganzen Welt. So habe zum Beispiel eine Familie aus den USA bei ihm angerufen, die nach eigener Aussage in einem Gebiet mit Schnappschildkröten lebt. Das Tier sei erfahrungsgemäß vornehmlich „im Schilf“ zu suchen, so der Ratschlag der Amerikaner. Andreas Lieb selbst hat – trotz all der Aufregung mitten in der sonst so ruhigen Ferienzeit – seinen Humor noch nicht verloren: „Sogenannte ,große Tiere’ hatten wir zwar schon öfter – die hießen bislang aber eher ,Seehofer’ als ,Schnappschildkröte’“, scherzt er. 

Sollte das Tier übrigens nicht gefunden werden, will Lieb den Weiher bis zum kommenden Frühjahr ohne Wasser lassen. „Egal wie gut die Schildkröte sich versteckt hat, den Allgäuer Winter überlebt sie nicht“ will er den „reptilfreien“ Badebetrieb wenigstens für die Saison 2014 sicherstellen. Im Übrigen: 1.000 Euro Belohnung gibt es für denjenigen, der den Aufenthaltsort von „Lotti“ ermittelt. Die Bergung solle man aber dann den Fachleuten überlassen, die sei für den Laien einfach zu gefährlich, warnt Lieb dringend. von Michaela Frisch

Info: Alligator-Schildkröten

Zur Familie der Alligator-Schildkröten („Chelydridae“) gehören die Schnapp- und Geierschildkröten. Sie leben auf dem amerikanischen Kontinent, eine Neuanschaffung als Haustier ist in Deutschland seit 1999 verboten. Die Schnappschildkröte erreicht eine Größe von etwa 45 cm bei einem Gewicht von 15 bis 30 kg (Geierschildkröte: bis 70 cm/ bis zu 100 kg). Beide Gattungen verfügen über äußerst kräftige Kiefer. Sie sind Fleischfresser. Die Schnappschildkröte gräbt sich gerne in Uferschlamm ein und kann dort auch überwintern. Quelle: Wikipedia

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