So leben Obdachlose in Kaufbeuren

Serie: Auch das ist Weihnachtszeit

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Ehestreit oder Zwangsräumung? Wer in Kaufbeuren obdachlos wird, findet unter anderem hier Unterkunft (Foto: Frauenunterkunft Innere Buchleuthenstraße).

Kaufbeuren – Menschen, die auf der Straße schlafen müssen, gibt es in Kaufbeuren auch an Weihnachten nicht. Denn die Stadt verfügt über zwei Unterkunftsmöglichkeiten für Obdachlose getrennt nach Frauen und Familien (Innere Buchleuthenstraße) sowie Männern (Frühlingsweg).

Aber vor allem das Haus in der Buchleuthenstraße ist alt, im Inneren riecht es nach Feuchtigkeit und Moder. „Wir haben kein anderes Gebäude als Unterkunft zur Verfügung, und es soll schließlich auch nur kurzfristig für die Überbrückung einer Notsituation dienen“, sagt Bruno Dangel vom Amt für öffentliche Ordnung. Das ist allerdings oft nicht die Realität: So auch bei Christina (Name von der Redaktion geändert). 

Das Haus in der Buchleuthenstraße wirkt von außen nicht wie eine öffentliche Einrichtung. Es ist alt, Farbe blättert ab, das Mauerwerk zeigt Risse und alte Doppelfenster mit abgesplitterten Holzrahmen schützen die Innenräume vor der kalten Jahreszeit. Gedacht ist das Heim für alleinstehende Kaufbeurer Frauen, die plötzlich obdachlos geworden sind und daher vorübergehend eine Unterkunft benötigen. 

Mit dem „vorübergehend“ ist das aber so eine Sache, wie der Leiter des Ordnungsreferats Bruno Dangel und Sozialbetreuer Hermann Staudenrausch erzählen. Denn das Ehepaar, das im 1. Stock lebt, ist schon seit Jahren da, Christina schon seit rund einem Jahr. Kurzfristig waren im Erdgeschoss auch Flüchtlinge untergebracht. Nun werden diese Räume nach der Unterbringung der Asylbewerber in anderen Unterkünften renoviert, bis neue Bewohnerinnen einziehen. 

Die Wände sind geweißelt, die sanitären Anlagen in Schuss gebracht. Die Räume im Obergeschoss sind in einem nicht so guten Zustand. „Man hat schon durch die Wohnsituation das Gefühl, von der ,normalen Gesellschaft’ ausgegrenzt zu sein“, sagt Christina. Sie bewohnt im 1. Stock ein WG-Zimmer, bis vor Kurzem gab es keine Waschmaschine, ursprünglich war das Zimmer nur mit einem Bett, einem Spind und einem Stuhl eingerichtet, im Lauf der Zeit kamen weitere Möbel hinzu. 

„Wir sind vom Gesetzgeber nur dazu verpflichtet, eine Unterkunft mit Schlafgelegenheit, Wärme und abschließbarem Spind zu bieten. Es ist ja nur für eine kurzfristige Unterbringung gedacht. Das Gebäude ist zwar alt, aber wir verfügen im Stadtgebiet schlicht über kein anderes“, sagt Dangel. Und: „Die Obdachlosenunterkunft ist kein Hotel, die Bewohner müssen sich um die wichtigen Sachen selbst kümmern“. 

Eine eigene psychosoziale Betreuung nur für die Obdachlosenunterkunft mache keinen Sinn, Staudenrausch gibt sich aber Mühe, „für alle Probleme ein offenes Ohr zu haben“ – sowohl für die Männer als auch für die Frauen. Da müssten die Betroffenen aber „von selbst kommen“. Mittlerweile gibt es übrigens Waschmaschinen in der Frauenunterkunft, „ansonsten muten wir den Bewohnern aber auch zu, ihre Wäsche in Einrichtungen wie dem SKM zu waschen“, so Dangel und Staudenrausch. 

Dass es bei der psychischen Belastung durch die Obdachlosigkeit für die Bewohner aber oft schwer ist, sich um die alltäglichen Dinge zu kümmern, können der Sachbearbeiter und der Sozialbetreuer – trotz allem Verständnis für die Bewohner – oft nur bedingt berücksichtigen. „Es gibt Bewohner, die unter Betreuung stehen. Bei allen anderen ist Eigenverantwortung gegeben“, betont Dangel. 

Dass die Grenzen hier aber oft fließend sind, muss auch er zugeben. Und auch, dass es nicht immer einfach ist, von der Obdachlosenunterkunft wieder ins „normale Leben“ und in eine normale Wohnung zurückzufinden. Mehr als ein Geschenk unter dem Baum würde sich Christina wünschen, dass einzelne Stellen wie Jobcenter, Sozialamt oder Sozialdienst mehr kooperieren, die individuelle Situation mehr berücksichtigt wird – und dass sie bald wieder aus der Unterkunft heraus und auf die Beine kommt. Wie und wo sie Weihnachten verbringt, weiß sie noch nicht. von Michaela Frisch

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