Gedenken an Euthanasieopfer

"Stolpern mit Kopf und Herz"

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Zehn Namen und Lebensdaten sind stellvertretend für über 900 Opfer.

Irsee – Passend zum beklagenswerten Anlass weinte selbst der Himmel, als der Kölner Künstler Gunter Demnig vergangenen Montag sieben weitere Stolpersteine zu den drei bereits vorhandenen vor den Toren von Kloster Irsee verlegte.

Drei stellvertretend für die in die Gasmordanstalten Grafeneck und Hartheim Deportierten Karoline Josefine Thomas (13), Rosina Biehler (42) und Alois Bauer (64) sowie für Josef Gleixner (3), Walburga Kessler (25), Konrad Viertler (10) und Ludwina Geisenhof (25), die in Irsee durch die so genannte „Schmalkost“ oder eine gezielte Verabreichung überdosierter Medikamente ums Leben gebracht worden waren. 

Trotz des strömenden Regens hatten sich zahlreiche Angehörige der Irseer NS-Opfer zu dieser Trauerfeier eingefunden, einige hatten früh am Morgen die Anreise bis aus Würzburg auf sich genommen. 

Schwabens Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert begrüßte die Ehrengäste ausnahmsweise nicht namentlich, da an diesem Tag nur die Namen der Opfer im Mittelpunkt stehen sollten. Mit der Eröffnung des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums wollte der Bezirk Schwaben an die große Musiktradition der ehemaligen benediktinischen Reichsabtei Irsee anknüpfen. Aber auch die psychiatrische Vergangenheit in den 123 Jahren der Zweckentfremdung als Heil- und Pflegeanstalt im säkularisierten Kloster soll nicht vergessen sein. 

An die rund 900 Irseer NS-Opfer erinnern seit 1981, dem Jahr der Eröffnung des Tagungs- und Bildungszentrums Irsee, das Monument „Laß mich Deine Leiden singen“ des Allgäuer Künstlers Martin Wank auf dem ehemaligen Patientenfriedhof hinter der Klosterkirche, außerdem die Mitte der 1990er Jahre zur Gedenkstätte umgewidmete Prosektur (Pathologie/Sektionsraum, Anm d. Red.) der Anstalt und seit 2009 drei Stolpersteine. 

Mit diesen wird namentlich erinnert an Maria Rosa Bechter (8), Anna Brieger (39) und Ernst Lossa (15). Jedes Jahr am 1. November findet für die Irseer Opfer ein Lichtergedenken statt. Die Irseer, so Bürgermeister Andreas Lieb, leben eine „offene Erinnerungskultur“. 

Demnächst werden sie aus Krankenakten öffentlich vorlesen. Die Historikerin Dr. Magdalene Heuvelmann, die bereits das Buch „Geistliche Quellen zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee“ herausgebracht hatte (wir berichteten), hat aus den Krankenakten Lebensläufe der Opfer erschlossen und zur Veröffentlichung aufbereitet. Das „Irseer Totenbuch“ (1849–1950), ein chronologisches Verzeichnis aller Verstorbenen der Irseer Anstalt mit biographischen Skizzen, ist soeben erschienen. 

Das Konzept der Stolpersteine findet nicht nur Zustimmung: Die schärfste Gegnerin von Demnigs Projekt ist Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die es als „unerträglich“ bezeichnete, dass auf den Stolpersteinen mit Füßen „herumgetreten“ werde. 

Künstler Demnigs Absicht ist jedoch im Gegenteil eine Verbeugung vor den Opfern, um die Inschriften zu lesen. Die schlichte Aussage eines Schülers brachte es auf den Punkt: „Man fällt nicht hin. Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ 

Nach den offiziellen Rednern kamen die Angehörigen der Opfer zu Wort. Matt Kessler, der im Rahmen seiner Ahnenforschung auch dem Leben und Sterben seiner Urgroßtante sehr intensiv nachgespürt hatte, gab eine kurze Biografie von Walburga „Wally“ Kessler wieder. Sein Vortrag war um so anrührender, als er ihn in der „Ich-Form“ abgefasst hatte. Er schloss mit der Bitte, ihrer anstatt mit einer Schweigeminute mit einem Lächeln zu gedenken, da die schwerstbehinderte, aber immer freundliche und gutwillige Wally „nichts anderes konnte als Lächeln“. 

Der Münchner Bassist Henning Sievers, der vor anderthalb Jahren „Composer in Residence“ bei den Irseer Tonspuren war, hatte spontan zugesagt, die feierliche Stolpersteinlegung musikalisch zu umrahmen. Inspiriert vom Mahnmal intonierte er das Kirchenlied „Laß mich deine Leiden singen“ – eingangs in Moll, um dem traurigen Anlass zu entsprechen, abschließend in Dur, um der in den Ansprachen laut gewordenen Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass wir solche Zeiten nie wieder erleben müssen.

von Ingrid Zasche

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