Verstand contra Schulmedizin

+
Die „Doktor-Bäuerin“ (Hannelore Fischer) amüsiert sich über die Riesen-Urinprobe, die ihr Dr. Martin mitgebracht hat, um sie zu testen.

Osterzell – Alle zwei Jahre wird etwa ein Viertel der Osterzeller Einwohner vom „Theaterwurm“ gebissen. So auch 2016 wieder. Von den rund 150 Mitgliedern des von Conny Groß geleiteten Theatervereins „Bayrischer Hiasl“ Osterzell wirken seit Anfang des Jahres circa 50 aktiv auf der Bühne und hinter den Kulissen an der Inszenierung der bayrischen Volkskomödie „Die Kurpfuscherin“ von Hans Pfitz mit.

Es wurden unter Ernst Nowotny Bühnenbilder gebaut, von Dori und Gerlinde Wilhelm und Fini Nowotny Kostüme geschneidert und Requisiten besorgt. Kürzlichwar Premiere im fast ausverkauften Osterzeller Pfarrstadel. 

Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Der Theaterverein hat unter der Regie von Angelika Angerer und mit der Dramaturgie von Helmut Gehlert wieder eine durch und durch runde Ensembleleistung abgeliefert. Alle Rollen sind stimmig besetzt, die Darsteller professionell frisiert und geschminkt. 

Den besonderen Charme der Aufführung macht aus, dass Angelika Angerer, Paul Lohner und Roland Wick wie schon 2014 den „Brandner Kaspar“ auch die „Die Kurpfuscherin“ aus dem Bayrischen in die Allgäuer Mundart übertragen haben – zumindest die Teile, die nicht in der vornehmen Gesellschaft Münchens spielen. Dort wird selbstverständlich Hochdeutsch – mit einem winzigen bayerischen Akzent – gelispelt. 

Nicht wieder zu erkennen sind die Protagonisten des Brandner Kaspar in der Kurpfuscherin: „Knochama“ Roland Wick ist jetzt der tolerante, modern denkende Gerichtsarzt Dr. Martin, der durchaus bereit ist, vom Kräuterwissen und der scharfsichtigen Menschenkenntnis der „Doktor-Bäuerin“ etwas zu lernen, nachdem er ihre Methode der Urin-Diagnose getestet und ihre „Verordnungen“ für sinnvoll befunden hat. „Auch der große Paracelsus ist bei Badern, Scharfrichtern und alten Weibern in die Lehre gegangen.“ 

Und der „Brandner Kaspar“ Georg Schwaiger glänzt in der „Kurpfuscherin“ als engstirniger, obrigkeitsgläubiger, kgl. Bayr. Oberregierungsrat Graf Rambaldi mit künstlich feuchter Aussprache – was er das ganze Stück über bewundernswert durchgehalten hat – Vetter der überschlanken kgl. Hofdame Baronin Bernhardine von Reitzenberg. Diese wird herrlich überkandidelt und hysterisch-hypochondrisch von Brigitte Schiller dargestellt. Ein kleines Kabinettsstückchen lieferte Vanessa Rahner ab, die sich in der Rolle der Zofe Luise beim Vorlesen der Zeitung für ihre Herrschaft glaubwürdig mit dem Buchstabieren von Fremdworten wie „prieh-mieh-tief“ abmüht. 

Der Star des Abends war jedoch zweifellos Hannelore Fischer als Amalie Hohenester, genannt „Mali“ oder „Doktor-Bäuerin“. Mit herbem Charme, geschäftstüchtig und resolut, humorvoll und volkstümlich, hört sie ihren Kunden genau zu, verkauft ihnen Kräutertees und ihr „Wunderelixier“ und gibt Ratschläge, die zu befolgen auch heute niemandem schaden würde: „Oi Jahr no – nau bisch hie. Z nass fuatra duasch! Wieviel Maß Bier saufsch n am Tag? Zeah? Anderscht leaba muasch! Bloß no ois derfsch, sonsch holt di dr Teifl! Saufa went ihr all – abr sterba will koiner!“ Sie bemängelt, wenn für ihre Harnbeschau zu wenig Material abgeliefert wird. „Bei deam Zuig, da braucht mr doch it spara!“ Ernste Fälle schickt sie zum „richtigen“ Doktor oder stellt gerade heraus fest, dass sie auch nichts machen könne, wenn die Lebensuhr erst einmal abgelaufen sei. Dann verkauft sie ihr Elixier mit dem Satz „Helfa duat s it – s isch bloß, daß dei Frau it so leida muaß.“ 

Das Stück rechnet sowohl mit der Schulmedizin Mitte des 19. Jahrhunderts – „Ärzte sind alles nur Trottel!“ oder „Wie viel Leut ham denn Examen und bleiben ihr Leben lang a Rindviech!“ –als auch mit dem Amtsschimmel „Die Hohenester ist schlauer als sämtliche bayrischen Behörden zusammen – aber das ist ja nun keine große Kunst!“ – vergnüglich und gnadenlos ab. Die flotten Mundarttexte und witzige Regieeinfälle rissen das Publikum gute drei Stunden lang immer wieder zu begeistertem Szenenapplaus und herzlichem Gelächter hin – trotz all der durchaus vorhandenen besinnlicheren Momente, zum Beispiel, wenn Dr. Martin der Mali klar macht, dass sie eine Fehldiagnose mit tödlichem Ausgang gestellt hat.

Aber auch wenn die sympathische Kurpfuscherin im Stück am Ende von ihrer bewegten Vergangenheit eingeholt wird und ins Gefängnis geht, so mag sich das Publikum damit trösten, dass das historische Vorbild der Mali es später dennoch geschafft hat, ihren Traum zu verwirklichen und das Anwesen Bad Mariabrunn zu erwerben. Bei ihrem Tod 1878 hinterließ sie ein beachtliches Vermögen und einen anerkannten Heil- und Kurbetrieb.

von Ingrid Zasche


Weitere Aufführungen im Pfarrstadl Osterzell: 

• Ostersonntag, 27. März 

• Ostermontag, 28. März 

• Samstag, 2. April 

• Sonntag, 3. April 

• Freitag, 8. April 

• Samstag, 9. April 

• Sonntag, 10. April 

• Samstag, 16. April 

Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am Sonntag, 17. April, findet um 14 Uhr eine Nachmittagsvorstellung statt. 

Kartenvorverkauf ist unter Telefon 08345/9528819 möglich.


Meistgelesene Artikel

Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Buchloe – Die Stadt lässt sich ihre Kindergärten etwas kosten. Das bedeutet aber auch, dass Gebührenerhöhungen unumgänglich sind. Der Hauptausschuss …
Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Buntes Treiben beim Buronia-Gala-Ball

Kaufbeuren – Rund 240 festlich gewandete Ballgäste hatten sich am vergangenen Samstag im Stadtsaal eingefunden, um am 151. Buronia-Gala-Ball der …
Buntes Treiben beim Buronia-Gala-Ball

Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kaufbeuren – Der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl hat sich für 2017 viel vorgenommen. Diesen Eindruck …
Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kommentare