Dem Unglücksschiff entkommen

Auf diesem Bild war für Christian Raffler (21) die Welt noch in Ordnung.

Eine Kreuzfahrt ist für viele Menschen der Inbegriff von sorglosem und luxuriösem Urlaubsfeeling. Für die rund 4.200 Passagiere der „Costa Concordia“ wurde die Fahrt auf einem solchen „Traumschiff“ aber zu einem Albtraum, es gab Tote und 14 Menschen wurden bei Redaktionsschluss noch vermisst. Unter den Urlaubern, die in der Nacht zwischen Freitag und Samstag von dem Kreuzfahrtschiff gerettet wurden, waren auch zwei junge Marktoberdorfer. Paul Keller (19) und Christian Raffler (21) hatten ihre einwöchige Schiffstour über den Allgäuer Veranstalter Holdenried Reisen GmbH gebucht, waren nach einer Anfahrt mit dem Bus in Savona (Ligurien/Italien) zugestiegen und hätten laut ursprünglichem Plan am Tag nach dem Unglück ihre Reise dort auch wieder beendet. Doch es kam anders: nachdem das Schiff auf Grund gelaufen war, brach dort nach Aussage der beiden Marktoberdorfer „ein großes Chaos“ aus, und auch der Allgäuer Reiseveranstalter fiel laut der Betroffenen nicht durch ein „professionelles Krisenmanagement“ auf.

Nach dem Abendessen bis cirka 20.30 Uhr am Freitag, den 13. Januar begaben sich Paul Keller und Christian Raffler in ihre Kabine auf Deck 8, um die Koffer für die Abreise fertig zu machen und noch ein Abschiedsbier zu trinken. „Wir hatten die ganze Woche über tolles Wetter, waren total entspannt“, berichtet Christian. Plötzlich ein Aufprall, als wäre das Schiff gegen ein Hindernis gestoßen. Die beiden wollen auf dem Gang nach dem Rechten sehen, treffen andere besorgte Passagiere. „No problem“ beruhigt sie der Zimmersteward, andere Passagiere lachen: „Ihr habt zu oft den Film ‘Titanic’ gesehen!“ Schließlich sei eine Durchsage erfolgt, die Passagiere sollten in ihren Kabinen bleiben, erzählt Christian Raffler: es habe einen „Blackout“ gegeben, nichts schlimmes, die Techniker würden bereits an der Behebung arbeiten. Es bestehe keinerlei Gefahr für die Reisenden. Doch die Tatsache, dass ständig die gesamte Beleuchtung ausfällt wie auch der Anblick von Menschen in Rettungswesten sprechen eine andere Sprache. Auch Christian und sein Freund Paul holen ihre Sicherheitswesten. Auf dem Außendeck sehen sie zum ersten Mal, wie schief das riesige Schiff bereits im Wasser liegt. Und obwohl Kapitän und Reiseleitung immer noch mantraartig ihr „No problem“ wiederholen, hätten sich Minuten später schon Mitglieder der Schiffscrew mit angelegten Rettungswesten aus den unteren Decks gerettet, wie Christian sich erinnert. Schon sind die engen Flure und Gänge mit Menschen verstopft, durch die Schieflage hatte der junge Marktoberdorfer zeitweise Angst, „mit dem ganzen Menschenhaufen wegzurutschen“. Endlich die erlösende Durchsage: „Wir evakuieren!“ Doch statt geordneten Aufrufen erleben die beiden Augenzeugen das totale Chaos: „Wir hatten Glück, auf der richtigen Schiffsseite und nah an einem funktionstüchtigen Rettungsboot zu stehen“, erinnert sich Christian. „Ich habe noch einigen Frauen und Kindern den Vortritt gelassen, hatte aber die Befürchtung, Paul zu verlieren und habe dann den vorletzten Platz auf dem Boot bekommen“. Pass, Geld, Kleidung; alles blieb in der Kabine. „Als die Boote zu Wasser gelassen wurden, versuchten einige Passagiere, über Bord noch auf eines der Boote zu springen. Sie mussten von der Crew teilweise mit den Fäusten zurückgehalten werden!“ schildert Christian Raffler das Erlebte: „Da ist einem das Ausmaß der Situation schlagartig bewusst geworden!“ Weil die Verankerungen der Boote eingerostet waren, schlagen die Insassen mit Stöcken und Paddeln so lange dagegen bis die Boote zu Wasser gelassen werden können. Nach einer kurzen Fahrt erreichen die Boote die kleine Urlaubsinsel Giglio, die nur rund 500 Meter von der Unglücksstelle entfernt liegt. „Die Einheimischen haben uns sehr gut aufgenommen, es war ja mitten in der Nacht“, so der Marktoberdorfer: „Wir wussten gar nicht wo wir sind.“ Die gastfreundlichen Bewohner von Giglio seien mit Decken und Getränken für die Schiffbrüchigen an die Anlegestelle gekommen, ein Café und ein Hotel wurden spontan geöffnet, um die Menschen zu versorgen. Einige Einheimische nehmen Kinder und Alte in ihre Häuser auf. Auf Giglio fand Paul dann auch die Zeit, seine Eltern anzurufen. Mutter Irmgard Keller erinnert sich: „Ich habe mich gewundert, um eine solche Urzeit die Nummer meines Sohnes auf dem Telefondisplay zu sehen: er sollte doch am kommenden Tag sowieso von seiner Reise zurückkehren“. „Jetzt versinkt gerade die Brücke im Meer“, habe der Sohn seiner entgeisterten Mutter bei diesem Telefonat noch berichtet. Beim nächsten Anruf, einige Stunden später, sitzen Paul und Christian bereits im Bus Richtung Savona, von wo es Richtung Heimat gehen soll. Doch dazwischen lagen laut Christian Raffler noch einige Strapazen: „Der Reiseveranstalter war bis Samstag Nachmittag gar nicht zu erreichen, keiner wusste wie es weiter geht. Mit komplett überbelegten Fähren sind wir dann aufs Festland gebracht worden. Dort haben uns Rot-Kreuz-Mitarbeiter versorgt, die Polizei hat unsere Personalien aufgenommen.“ Schließlich fahren nach langem Drängen die Busse. Das Resümee dieser Reise für Christian: „Es war eigentlich eine tolle Reise, ich würde auch wieder eine Kreuzfahrt machen – allerdings nicht mehr mit Costa und auch mit keinem anderen „besonders günstigen“ Anbieter, so Christian Raffler. Von der Notfall-Übung, die die Passagiere zur Einweisung bekommen haben, sei „nicht mal mehr ein Prozent übrig gewesen“, das Schiffspersonal sei absolut überfordert gewesen. Die Krönung außerdem: „Der Kapitän war einer der ersten, der das Schiff verlassen hat – mit dem Helikopter!“ Vom Veranstalter Holdenried hat er übrigens bis heute weder eine Entschuldigung noch eine Frage nach seinem Befinden erhalten.

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