Gegen den Mähtod

Scheuchen retten Tierleben

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Kreisbäuerin Gabi Paulsteiner und Alois Altmann, 1. Vorsitzender der Jägervereinigung Marktoberdorf, präsentierten mit weiteren Beteiligten und natürlich den kleinen „Bastlern“ in Lengenwang die lebensrettenden Scheuchen. Diese werden einen Tag vor dem Mähen auf den Wiesen aufgestellt.

Ostallgäu – Kitze, die unter Mähmaschinen sterben – dieses Problem bringt alljährlich Tierschützer auf die Barrikaden. Doch auch für die Landwirte selbst haben tote Tiere im Futtergras schlimme Folgen, Kühe und Pferde können am gefürchteten sogenannten Botulismus erkranken.

Im Ostallgäu gehen Jäger, Bauern und Bürger nun gemeinsam neue Wege, um den „Mähtod“ bei Rehkitzen erfolgreich einzudämmen. Die Jägervereinigung Marktoberdorf hat die Aktion „Kids for Kitz“ in den Landkreis geholt. Kinder basteln bunte Wildscheuchen, die die Rehgeißen davon abhalten sollen, am Mähtag ihren Nachwuchs in den Wiesen abzulegen. In Lengenwang wurde das Projekt kürzlich mit dem örtlichen Kindergarten präsentiert. 

Die Mähsaison ist derzeit in vollem Gange – auch im Ostallgäu. Doch just in dieser Zeit legen auch die Rehgeißen (Ricken) ihren Nachwuchs in den Wiesen ab, um vor Feinden abzulenken. Doch dort lauert für die Kitze eine ganz andere Gefahr: Die Schneidewerkzeuge der Mähmaschinen. Ein Problem, dem jeder Landwirt auf eigene Weise begegnet. So können die Wiesen vor dem Mähen abgelaufen werden, es gibt Versuche mit Abwehr- und Lockgeräuschen für die Rehe oder sogar mit Drohnen. 

Das Auffinden der Tiere sei laut Paula Wölfle, selbst Jägerin und Arbeitskreisleiterin der Jägerinnenvereinigung Schwaben, ein nicht immer einfaches Unterfangen: So können zum Beispiel Hunde die oft sehr gut versteckten Jungtiere nicht orten. „Die Kitze haben in den ersten Lebenswochen noch keinen Eigengeruch. Eine wirkungsvolle und vergleichsweise simple Methode, um zu verhindern, dass die Rehgeißen ihre Kitze überhaupt in der Wiese ablegen oder damit sie es wieder herausholen, sind Wildscheuchen. Je bunter und beweglicher diese sind, umso besser die Wirkung. Was bietet sich also besser an, die Scheuchen zusammen mit Kindern zu basteln – und ihnen dabei eine Menge über das Leben und Verhalten der Wildtiere zu erklären?“ sagt Wölfle. 

Sie hatte bereits im vergangenen Jahr von der Aktion „Kids for Kitz“ erfahren und war sofort begeistert. Ins Leben gerufen hat das Projekt ursprünglich eine Bürgerin aus Unterfranken, Doris Völker-Wamser. Mittlerweile haben im vergangenen Jahr und heuer schon einige Jäger, Landwirte und Kindergärten beziehungsweise Schulen bayernweit bei „Kids for Kitz“ mitgemacht. So auch in Lengenwang, wo die bunten Scheuchen von den Kindern des Kindergartens „Bimmelbahn“ stolz an Jagdvertreter und Landwirte übergeben wurden. „Obwohl der Mähtod ein altbekanntes Problem ist, besteht weiterhin Aufklärungsbedarf“, betont Alois Altmann, Vorsitzender der Jägervereinigung Marktoberdorf. Wichtig sei, dass die Scheuchen erst einige Stunden vor dem Mähen aufgestellt werden, weil die Rehe sich sonst an sie gewöhnen. 

In Lengenwang funktioniere die Verständigung zwischen Jägern und Bauern gut: „Die Landwirte melden bei der Jägervereinigung, wann sie ihre Wiese mähen wollen. Wir können dann sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Kitze in der Wiese abgelegt wurden und zusammen mit dem Grundstücksbesitzer Maßnahmen ergreifen“, so Altmann. Auch Lengenwangs Bürgermeister Josef Keller zieht ein positives Fazit: „Hier arbeiten alle Interessensgruppen gut zusammen, um möglichst viele Kitze zu retten“. Er betont aber auch: „Diese gute Kooperation ist nicht gottgegeben, sondern erfordert Engagement“. 

Dies bestätigt auch Dr. Thomas Kroth, selbst Jagdpächter im Bereich Lengenwang und Tierarzt aus Steinbach: „Nicht überall funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten so gut wie in Lengenwang“. Dabei sei der Mähtod nicht nur für die Kitze und ihre Mütter dramatisch – auch der Landwirt selbst kann im Zweifelsfall arge Probleme bekommen. Denn durch Kadaverreste im gemähten Gras entstehen durch die Verwesung und entsprechende Bakterien („Clostridium Botulinum“) im Silo sogenannte „Botulinum-Toxine“. Diese machen Rinder und Pferde krank, führen zu Lähmungen, Immunschwächen und im schlimmsten Fall zum Tod. Diagnostik und Behandlung seien oft schwierig. „Der Schaden steht in keinem Verhältnis zum Aufwand für vorherige Schutzmaßnahmen wie Wildscheuchen oder ein Ablaufen der Wiesen“, so Kroth. Welche Maßnahmen im Einzelfall am meisten Sinn machen, wisse der örtliche Jäger. 

Die Ostallgäuer Kreisbäuerin Gabi Paulsteiner betont: „Die Aktion Kids for Kitz ist sehr hilfreich, auch um öffentlichkeitswirksam darüber aufzuklären, wie der Mähtod verhindert werden kann. Denn natürlich vermäht kein Landwirt gerne ein Kitz, auch die Bauern suchen stets nach guten Möglichkeiten, um entsprechende Maßnahmen zu treffen“. Bei den heutigen großen und schnellen Mähmaschinen sowie der schnellen Weiterverarbeitung des Futtermittels merke so mancher Bauer aber gar nicht, dass er überhaupt ein Tier vermäht habe. „Jäger und Landwirte müssen sich da absprechen, es sollte auf jeden Fall vor dem Mähen eine Meldung an den örtlichen Jagdverband gegeben werden“. 

Und was sagen die kleinen Bast­ler selbst zu ihrer Aktion? Lorenz (6) aus dem Lengenwanger Kindergarten „Bimmelbahn“ lebt selbst auf einem Bauernhof. Sein Vater „geht zu den Jägern und sagt bescheid, wenn gemäht wird. Die Jäger suchen dann die Wiese ab oder stellen die Scheuchen auf“, erzählt Lorenz. Auch Laura (6) ist stolz: „Als wir die Scheuchen gebastelt haben, hatten wir gerade Besuch von älteren Schülern, denen konnten wir das dann alles erklären und zeigen“.

von Michaela Frisch

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