Kaufbeurer Dialog: Deutschland aus der Vogelperspektive

Weltmeister bei Anstrengung

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Pointiert schilderte der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel die Nation aus seiner Perspektive.

Kaufbeuren – „Heute ist mir ein großes Versäumnis bewusst geworden: Ich bin erst mit 81 Jahren nach Kaufbeuren gekommen und habe es kennengelernt.“ Mit diesen Worten begrüßte Dr. Bernhard Vogel, der frühere und bisher einzige Ministerpräsident in zwei Bundesländern, seine Zuhörer.

Auf Einladung der Stadt weilte er im Rahmen der Vortragsserie „Kaufbeurer Dialog in der Wertachstadt” und referierte unter dem Thema „Sind wir Weltmeister?“ im Forum der Sparkasse. Die Vortragsfrage beantwortete der Referent schon in seiner Einführung zunächst mit sportlichem Bezug: „Ja, in Brasilien sind wir Weltmeister geworden, aber danach müssen Spiele immer wieder neu gewonnen werden.“ 

Im Verlauf seines Vortrags beschrieb er im übertragenen Sinne insbesondere die Herausforderungen der Wiedervereinigung für Deutschland: „Wir sind Weltmeister, aber nur, wo wir uns anstrengen.“ Die Gäste erlebten dabei einen in West wie Ost geschätzten ehemals aktiven Politiker, der treffsicher und mit feinem Humor immer wieder für Schmunzeln und Beifall unter den rund 180 Anwesenden sorgte. 

In Anlehnung an das zusammen mit seinem Bruder („wir waren selten einer Meinung, aber immer eines Sinnes“) – dem einstigen Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel – geschriebenen Buch unter dem Titel „Deutschland aus der Vogelperspektive“ schilderte der 81-Jährige im Schwerpunkt die Vorgänge um die Wiedervereinigung. 

Vogel war Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1976-1988) und Thüringen (1992-2003). Dabei bewertete er die Leistung der Menschen im Osten durchaus höher: „Den Menschen im Osten, die trotz Unrechtsstaat bemüht waren, ein erfülltes Leben zu führen, gebührt mehr Anerkennung als hier im Westen.“ 1989 sei man im Osten auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht „auf Kerzen und Gebete“. 

Auf westlicher Seite habe es keinen Plan gegeben, man habe „von heute auf morgen handeln müssen. Und die Menschen in der DDR waren bereit, zuzupacken und sich den Aufgaben zu stellen.” 

Vogel resümierte: „Die Überwindung der Teilung ist alles in allem gelungen. Es gibt im Osten zwar nicht überall blühende Landschaften, aber im Westen auch nicht.“ An der ehemaligen DDR als Unrechtsstaat gibt es laut Vogel keinen Zweifel. Ein Staat, in dem eine Partei bestimme, die Pressefreiheit nicht existiere und Kanonen an der Grenze gegen die eigenen Menschen richte, könne nichts anderes sein. 

„Aber die Menschen sind nicht unrecht“, so der ehemalige thüringische Landesvater, „und auch bei uns im Rechtsstaat gab es Unrecht.“ Ein „Enkel der SED“ als zukünftiger Ministerpräsident auf dem Sessel der von ihm aufgebauten Staatskanzlei sei für ihn „nur schwer erträglich“. Er gehe aber davon aus, dass dieser „auf leisen Sohlen mit viel Kreide“ bis 2017 beweisen wolle, „dass die Linken gar nicht so schlimm sind“. 

Er warnte jedoch: „Die ehemaligen Stasi-Leute wollen unser System ablösen.“ Ein Blick in das Parteiprogramm genüge. Die Moderation der Veranstaltung erfolgte durch den früheren Kommandeur am Fliegerhorst und jetzigen Stadtrat Richard Drexl. von Wolfgang Becker

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