Asyl im Krankenhaus?

+
Trotz öffentlichen Drucks scheint das Krankenhaus in Marktoberdorf als Unterkunft für Flüchtlinge ungeeignet.

Marktoberdorf – Warum das ehemalige Klinikgebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen nicht zur Verfügung stehe, fragen sich viele Leser unserer Zeitung. Anstatt Turnhallen zu belegen, könne doch auf die Infrastruktur, Betten und Badezimmer des Krankenhauses zugegriffen werden.

Klingt eigentlich logisch, ist aber nicht so einfach, wie Landratsamt und Stadt Marktoberdorf erklären. Momentan sei das Krankenhaus ungeeignet für die Unterbringung von Asylbewerbern, heißt es von beiden Seiten. Das hat mehrere Gründe. 

Der erste ist schnell benannt: zu teuer sei es, das Klinikgebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen herzurichten. Das habe eine erste fachliche Prüfung durch das Kommunalunternehmen ergeben. Landrätin Maria Rita Zinnecker, Verwaltungsratsvorsitzende des Klinikverbunds, erklärte gegenüber dem Kreisboten: „Das Krankenhausgebäude ist seit zwei Jahren still gelegt und von allen Medien getrennt. Eine Aktivierung der Trinkwasser-, Heizung- und Stromversorgung lässt sich nur mit er- heblichem zeitlichen und finanziellen Aufwand realisieren.“ 

Schwer einschätzbare Risiken führt Zinnecker auf, da nach der Wiederbefüllung der Wasserkreisläufe mit Undichtigkeiten und baulichen Folgeschäden zu rechnen sei. Insgesamt beziffert die Landrätin die Kosten für eine Wiederherstellung auf einen Betrag zwischen 600.000 und zwei Millionen Euro. 

Der zweite Grund ist eine komplexe Sache, hängt die Zukunft des ehemaligen Klinikgebäudes doch quasi in der Schwebe. Das Krankenhaus, so Marktoberdorfs Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell, befinde sich immer noch im Besitz des Kommunalunternehmens (KU) der Kliniken Ostall- gäu/Kaufbeuren. Es gehöre weder Landkreis noch Stadt, betonte auch der zweite Bürgermeister Wolfgang Hannig (SPD) gebetsmühlenartig während der jüngsten Sitzung des Stadtrats. 

Wie allgemein bekannt, sei das Kommunalunternehmen im Begriff, das Krankenhaus und sein Gelände zu verkaufen. Die Verhandlungen sollen kurz vor dem Abschluss stehen. Bis zum tatsächlichen Besitzerwechsel sei eine Umnutzung nicht zu erwarten, so Hell. „Aus praktischen Gründen. Wer nimmt sich schon neue Mieter in ein Haus, das einem bald nicht mehr gehört.“ 

Nun hat sich die Stadt Marktoberdorf allerdings ein Vorkaufsrecht am Klinikum und durch eine sogenannte Veränderungssperre auch die Planungshoheit über die Zukunft des Geländes gesichert (wir berichteten). 

Geht es nach dem Willen der Stadt, soll auf dem Krankenhausareal in naher Zukunft gebaut, gewohnt und gelebt werden. „Wir wollen dort Wohnraum für Marktoberdorf schaffen“, so das Anliegen des Stadtoberhaupts. Das Landratsamt wiederum verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass eine andere Nutzung des Areals – auch eine als Asylbewerberunterkunft – ohne die Zustimmung Marktoberdorfs ausgeschlossen sei. 

Und Marktoberdorf hat mit dem Krankenhausgelände offensichtlich andere Pläne. Dennoch möchte sich die Stadt angesichts der Not der Flüchtlinge nicht als „Asylverhinderer“ verstanden wissen. „Wir stehlen uns nicht aus der Verantwortung“, betont Bürgermeister Hell. 

Er verweist auf die jüngst getroffene Entscheidung, den Weg für zwei neue Asylbewerberheime und die Unterbringung mehrerer hundert Flüchtlinge in der Nordstraße geebnet zu haben (siehe Artikel oben). Damit erfülle Marktoberdorf die Aufnahmequote, so Hell. „Wir machen unsere Hausaufgaben. Jetzt ist auch die Solidarität der umliegenden Gemeinden gefragt.“ 

Dennoch scheint das letzte Wort in Sachen Krankenhaus noch nicht gesprochen. Denn Landkreis wie Kreisstadt wollen das Gebäude nochmals gemeinsam besichtigen. „Für eine ergebnisoffene Betrachtung“, wie Hell mitteilt. Denn wer wisse schon, wie sich die Flüchtlingslage im nächsten Sommer gestaltet. Oder, wie Stadtrat Torsten Krebs (CSU) es ausdrückte: „Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht.“

von Angelika Hirschberg

Meistgelesene Artikel

Bau der Fußgängerzone: Zuschlag erteilt

Kaufbeuren – Der Kaufbeurer Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung über die Vergabe der Bauarbeiten für die Kaufbeurer Fußgängerzone entschieden. Den …
Bau der Fußgängerzone: Zuschlag erteilt

Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Buchloe – Die Stadt lässt sich ihre Kindergärten etwas kosten. Das bedeutet aber auch, dass Gebührenerhöhungen unumgänglich sind. Der Hauptausschuss …
Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kaufbeuren – Der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl hat sich für 2017 viel vorgenommen. Diesen Eindruck …
Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kommentare