Urbedürfnis Spielen

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Puppenküche um 1900 mit dem damals modernen geschlossenen Sparherd. Mit der Puppenküche spielten fast 80 Jahre lang mehrere Generationen, die Puppe wurde in den 1970er Jahren von der Tochter der Besitzer angefertigt.

Kaufbeuren – „Kinderträume und Spielereien“ heißt die neue Ausstellung im Stadtmuseum, die vor zwei Wochen eröffnet wurde und gleich auf enormes Interesse stieß. Hier wird die ganze Bandbreite des Spielens vom 16. Jahrhundert an bis in die 1960er Jahre präsentiert.

Viele Besucher gerieten nicht nur beim von Raphaela Lutz und Daniel Gallmayer vorgetragenen Abba-Lied „I had a dream“ ins Träumen, sondern bekamen auch bei der Wiederbegegnung mit etlichen ihrer eigenen Kinderspielzeuge wie Käthe Kruse-Puppen oder Steiff-Plüschtieren leuchtende Augen. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, wusste schon Friedrich Schiller, den OB Stefan Bosse in seiner Begrüßung zitierte. Und mit dem Zitat von Erich Kästner „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch“ schloss Bosse auch.

Kunsthistorikerin Susanne Sagner, seit 2015 feste Mitarbeiterin des Stadtmuseums, hat die Ausstellung fast komplett aus den eigenen Beständen des Museums zusammengestellt. Ihr war nach den ernsten und strengen Ausstellungen zu Euthanasie und Vertreibung das fröhliche Thema „Spielzeug“ für die Weihnachtsausstellung ein Bedürfnis. Bei der Beschäftigung mit den sorgfältig handgearbeiteten historischen Spielzeugen drängte sich ihr unwillkürlich der Vergleich auf „mit was für billigem Plastikzeug spielen unsere Kinder eigentlich heute?“

Dabei genügt der kindlichen Phantasie eigentlich schon ein Stück Stoff oder ein Tannenzapfen, um eine eigene Welt zu schaffen. Spielen gilt als eines der Urbedürfnisse des Menschen, unabhängig vom Lebensalter. Früher lernten Kinder „spielend“ ihre zukünftigen Aufgaben kennen. Mädchen spielten mit Puppenstuben und -küchen, voll funktionsfähigen kleinen Nähmaschinen oder Bügeleisen Haushaltsaufgaben nach oder übten im Spiel mit Puppen Kinderbetreuung und den Umgang mit modischen Accessoires. Dabei spiegelten Puppenkleider, Puppenküchen und Puppenstuben die jeweils bei den Erwachsenen herrschende Mode wieder. Buben dagegen spielten mit Baukästen, Ritterburgen, Pferdefuhrwerken und Kriegsspielzeug. Eine Besonderheit im letzten Jahrhundert war das liturgische Spielzeug, mit dem kleine Ministranten die Messe zelebrieren konnten.

Heutzutage darf Spielen Selbstzweck sein, daher wird eine geschlechtsspezifische Trennung der Spielsachen nicht mehr so streng gehandhabt. Puzzles, Stofftiere und Holzfiguren, Dreirad, Stelzen, Kegel, Bälle oder Murmeln, Schlitten und Schlittschuhe wurden ohnehin auch früher als Spielzeug für Mädchen und Jungen angesehen. Und ebenso wie Brett- und Kartenspiele schon immer von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen gespielt wurden, zogen ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein optische Spielzeuge wie die Laterna Magica oder Stereoskope sowie Musik aus einem „Symphonium“ sowohl in die Kinderzimmer als auch in die Wohnstuben der Eltern ein.

Museumsleiterin Petra Weber dankte allen Mitarbeitern und privaten Leihgebern, unter anderem der Familie Espermüller, die dieses Jahr zugunsten der Ausstellung auf ihr traditionelles Weihnachtsritual verzichtet: Das in der Ausstellung gezeigte altehrwürdige Kinder-Pferdefuhrwerk wurde sonst alljährlich am Heiligabend zum Spielen hervorgeholt. Dem Tänzelfestverein galt ein besonderer Dank für die unbürokratische Zurverfügungstellung der Kostüme in der Truhe der Verkleidungsstation. Auch diese Station ist mit dem freundlichen Harlekinkopf vom Ausstellungsplakat gekennzeichnet, den Kinder anhand eines Begleithefts zur Ausstellung an den Vitrinen suchen können, um kleine Rätsel zu lösen.

Eltern sind eingeladen, für die Zeit eines geruhsamen Weihnachtseinkaufs ihre Kinder im Museum zu einer der vielen museumspädagogischen Veranstaltungen „abzugeben“. Und natürlich kann man im Museumsshop ein paar besondere Spielzeuge auch käuflich erwerben. Kurz, es ist auch diesmal wieder etwas für die ganze Familie geboten.

Die Ausstellung „Kinderträume und Spielereien“ ist bis zum 29. Januar 2017 im Stadtmuseum Kaufbeuren zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags geschlossen, ausgenommen an Feiertagen. 24., 25. und 31. Dezember geschlossen.

von Ingrid Zasche

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