"Wir haben Angst"

„Wir wollen keine medizinischen Versorgungszentren und Polikliniken“, „Gesundheitsreform: Frau Schmidt, wir kommen wirklich nicht mehr mit“, „Frau Schmidt, haben Sie wirklich noch den Überblick“, gelbe und weiße Zettel mit diesen Sprüchen flattern am Informationsstand der Facharzthel- ferInnen, der vergangenen Samstag in der Kaufbeurer Fußgängerzone aufgebaut war. „Wir haben Angst“, bringt Heike Rottach, Arzthelferin bei den Nervenärzten Dr. Rottach und Dr. Stapf, die Bedenken der FacharzthelferInnen auf den Punkt; Angst, um ihre Arbeitsplätze, aber auch Sorgen um die medizinische Versorgung der Patienten.

„Vielen Patienten ist überhaupt nicht klar, was auf sie zukommt“ mit der Gesundheitsreform, die zum 1. Januar in Kraft getreten ist, betont Rottach. Fest steht, dass viele Facharztpraxen in Bayern und auch im Ostallgäu in „Finanznöten und Existenznöten“ stecken, sagt Dr. med. Marlene Lessel, 1. Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes und Pathologin, gegenüber dem KREISBOTEN. „Die meisten Praxen sind hoch verschuldet“, führt die Vorsitzende aus, so dass die Praxen auf die Dauer nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Diese wirtschaftlichen Probleme wirken sich auf die Arbeitsplatzsitua- tion der FacharzthelferInnen aus. Teils sei es schon zu Entlassungen gekommen, berichtet Rottach. In einigen Gebieten in Bayern haben Fachärzte ihre HelferInnen entlassen und die Arbeiten der Facharzt- helferInnen selbst übernommen. Allein 40000 Arbeitsplätze stehen in Bayern bei den FacharzthelferInnen auf dem Spiel. Dazu kämen, laut Dr. Georg Vetterlein-Parbel, Frauenarzt, 15000 Stellen von Reinigungskräften, die die Praxen sauber halten. Angst haben die Betroffenen aber auch davor, dass sich Fachärzte in medizinischen Versorgungszentren zusammen schließen müssen, da dann nicht nur Arbeitsplätze wegfallen würden, sondern die Patienten „weite Wege auf sich nehmen müssten“, betont Kristina Rundt, Arzthelferin bei den Nervenärzten Dr. Rottach und Dr. Stapf. Gerade in ihrer Praxis seien viele Alzheimerpatienten, denen ein Weg nach München nicht zu zumuten sei. „Sie würden niemals dort ankommen“, erklärt Rottach. Zusätzlich müsste in solchen Versorgungszentren mit erheblich längeren Wartezeiten gerechnet werden. Unzumutbar sei auch, dass die Patienten mit immer wechselnden medizinischen Ansprechpartnern zu rechnen hätten. Generell habe die Arbeit in den Praxen zugenommen, wodurch die FacharzthelferInnen immer weniger Zeit für die Patienten haben. Nicht nur informiert haben die ArzthelferInnen am Samstag in der Kaufbeurer Fußgängerzone, sondern auch Unterschriften gesammelt. Bereits um 11.30 Uhr überreichten die HelferInnen Kauf- beurens Oberbürgermeister Stefan Bosse (CSU) die ersten 1500 Unterschriften. Insgesamt wird Bosse Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) knapp 3000 Unterschriften im Namen der FacharzthelferInnen zustellen. Oberbürgermeister Bosse, der sich grundsätzlich freut, dass „sich was tut“ und die HelferInnen ihren Unmut kund tun, sieht auch, dass dieses Thema kurz vor der Wahl zur richtigen Zeit kommt. Er vermutet, dass es zu diesem Thema klare Aussagen von den Parteien vor der Wahl geben wird, aber jeder müsse nach der Wahl auch schauen, was aus den Aussagen geworden sei. Dieser Informationsstand wurde zwar von den FacharzthelferInnen organisiert, dennoch nutzten viele Fachärzte die Gelegenheit nicht nur auf die schlechte Arbeitssituation der HelferInnen aufmerksam zu machen, sondern auch auf ihre Probleme. Alle 183 Fachärzte sind im Ostallgäu, laut Dr. Lessel, von der Reform vom 1. Januar betroffen. Zwar habe Bayern allein 280 Millionen Euro mehr für das Gesundheitswesen erhalten, wie Dr. Georg Vetterlein-Parbel berichtet, doch davon sei bei den Ärzten nichts angekommen. „Da stelle sich doch die Frage, wo das Geld abbleibt“, betont Vetterlein-Parbel. Ein Frauenarzt habe pro Patientin und pro Quartal 16 Euro zur Verfügung. Kommt eine Patientin mit Brustbeschwerden müssen die 16 Euro für das komplette Quartal ausreichen. Bei Brustbeschwerden wird jedoch ein Brustultraschall durchgeführt. Dr. Vetterlein-Parbel hat dafür eine Hightech-Maschine, die 75000 Euro in der Anschaffung kostet hat. Sind die Beschwerden eventuell hormonell bedingt, kommt noch ein gynäkologischer Ultraschall hinzu. Die 16 Euro müssen aber nicht nur für die Untersuchungen und Materialkosten reichen, sondern auch für Beratungs- und Besprechungszeit sowie für die Nachuntersuchungen in diesem einen Quartal. „Wir bekommen kontinuierlich weniger – so geht das einfach nicht mehr“, ist der Frauenarzt überzeugt. Deshalb soll es in Zukunft an jedem vierten Dienstag im Monat verschiedene Aktionen geben, um weiterhin auf die Situation der Fachärzte aufmerksam zu machen, teilt Lessel mit.

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