Welche Chancen hat unsere Region?

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Das Allgäu ist kein Dienstleistungs- sondern ein Industriestandort, erklärt die IHK Schwaben. Dazu gehört auch das Unternehmen Fendt mit seinem Werk in Marktoberdorf.

Ostallgäu – Mit Blick auf den Landkreis Ostallgäu könnte einem angst und bange werden. Zumindest, wenn man das Ranking des kürzlich veröffentlichten Zukunftsatlas 2016 des Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos betrachtet. So verschlechterte sich das Ostallgäu innerhalb der letzten drei Jahre von Platz 79 auf Rang 160.

„Das liegt an einem Anstieg von Bedürftigen in der Bevölkerung und an einer steigenden Zahl von Ausbildungsstellen, die nicht mehr besetzt werden können“, erklärte Peter Kaiser, Projektleiter für den Zukunftsatlas bei Prognos. Die IHK Schwaben hingegen wirft den Machern der Studie vor, „unpassende Faktoren“ zu untersuchen, die letztlich ein „schiefes Bild“ von der tatsächlichen Situation im Allgäu widerspiegeln würden.

Doch der Reihe nach. Alle drei Jahre veröffentlicht Prognos den so genannten „Zukunftsatlas“. An 29 Indikatoren aus den Bereichen „Demografie“, „Arbeitsmarkt“, „Wettbewerb und Innovation“ und „Wohlstand und Soziale Lage“ werden die Zukunftsperspektiven aller Landkreise und kreisfreien Städte im Bundesgebiet festgemacht. Erstmals wurde heuer auch die Digitalisierung in die Bewertung mit aufgenommen. Soll heißen, es werden eins bis fünf Sterne vergeben, wenn eine Region in Sachen IT-Entwicklung besonders gut ist (fünf Sterne) oder eben noch hinterherhinkt (ein Stern). Klarer Sieger ist hier die bayerische Landeshauptstadt München (fünf Sterne +). Das Ostallgäu (zwei Sterne) und Kaufbeu­ren als kreisfreie Stadt (ein Stern) schneiden hier vergleichsweise bescheiden ab. Damit bestehen in unseren Breiten laut Prognos weniger gute Chancen von der Digitalisierung zu profitieren.

Die sei laut Dr. Peter Lintner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer (IHK) Schwaben für das Allgäu auch nicht so von Bedeutung. Die hier untersuchten Faktoren seien „unpassend“ und würden ein „schiefes Bild“ zeichnen. Aus seiner Sicht komme es für die Zukunftssicherheit Schwabens weniger darauf an, wie viel die Region zum technologischen Fortschritt beitrage, sondern vor allem darauf, wie gut sich die Industrie auf die Digitalisierung einstellen könne. Schwaben sei der Nährboden, auf dem die Digitalisierung gedeihen könne. So sei auch die Arbeitslosenquote in Schwaben deutlich niedriger als im bundesweiten Schnitt.

Projektleiter Kaiser will mit diesen Daten jedoch keine Branchenbewertung abgeben. Soll heißen, dass es nicht relevant sei, wie die Wirtschaftsleistung einer Region zusammenkommt. Klar sei jedoch, dass die Digitalisierung in Deutschland eine Sonderstellung einnehme. Daher müsse man hier gesondert den Fokus auf die Digitalisierung legen, denn diese hätte einen Einfluss auf die Bewertung.

Die Studie zeigt zudem eine zunehmende Metropolisierung auf. So ziehe es laut Kaiser vor allem junge Dienstleistungsunternehmen in große Ballungszentren wie etwa München, da sie dort von der immer besser werdenden In­frastruktur profitieren. Damit würde jedoch den Metropolen der Nährboden für klassische Ausbildungsberufe entzogen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es den Auszubildenden dort zu teuer wird. Daher zieht es viele in die Randregionen, um dort zu wohnen. Dahinter verbergen sich dann die so genannten Pendler.

Steckt das Allgäu in der Krise?

Auch in den ländlichen Bereichen in Bayern stellt sich die Situation zu den neuen Bundesländern immer noch gut dar. Jedoch belegen die Zahlen der Studie eine deutlich kritischere Lage des Allgäus als noch vor drei Jahren. So verschlechterte sich der Landkreis Ostallgäu von Platz 79 auf Rang 160 und die Kreisfreie Stadt Kaufbeuren von Platz 140 auf 188. Selbst das wirtschaftsstarke Memmingen fiel von Rang 56 auf Platz 132.

Die Gründe hierfür macht Kaiser an einem Anstieg von Bedürftigen in der Bevölkerung sowie an einer steigenden Zahl von Ausbildungsstellen, die nicht besetzt werden können, fest. Mit 18,2 Prozent sei dieser Wert im Ostallgäu einer der höchsten in ganz Deutschland und habe sich seit 2013 nahezu verdoppelt. Vor allem der Hotel- und Gaststättenbereich hätte Probleme beim Ausbildungsnachwuchs, so Kaiser.

Besonders im Bereich der dynamischen Entwicklung hätten viele Regionen das Ostallgäu überholt. Der Teilindex „Dynamik“ mache laut Kaiser deutlich, wie sich eine Stadt beziehungsweise ein Landkreis im Zeitverlauf entwickelt hat. Konnte das Ostallgäu unter anderem noch vor einigen Jahren im Bereich der so genannten Bedarfsgemeinschaften den Wert signifikant reduzieren (Rang 13), kletterte dieser 2016 auf Rang 382. Auch bei den hochqualifizierten Fachkräften konnte laut Kaiser nur eine Steigerung von sieben Prozent erzielt werden, was Rang 348 bedeutet. Zum Vergleich, deutschlandweit liegt der Durchschnitt hier bei 14,4 Prozent Steigerung.

Trotz des Rankings stuft Kaiser diese Entwicklung des Ostallgäus nicht als „dramatisch“ ein. Vielmehr solle es der Politik und Wirtschaft „Denkanstöße geben“ neue Regionalstrategien zu entwickeln. Vor allem die Frage „Wie bekomme ich mehr Hochqualifizierte in die Region?“ sollte dabei im Fokus stehen. Dabei werde auch die Digitalisierung eine große Rolle spielen. Auch die IHK könnte im Schulterschluss mit Unternehmen das Tourismus-Gewerbe stärken. Die Herausforderung der Zukunft sei daher, dass sich die Regionen unter Berücksichtigung demografischer Trends zukunftsfähig gestalten müssen. Gefragt sind Lösungsansätze zum Umgang mit dem Fachkräftemangel sowie Konzepte, die die Tragfähigkeit kommunaler Infrastrukturen und attraktive Stadt- und Ortsteile gewährleisten.

Die Studie ist für den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben, Dr. Peter Lintner, kein Grund für das Allgäu „in Ungnade zu verfallen“. „Das Allgäu ist ein guter Standort.“ Aus seiner Sicht reiche es nicht, von einem speziellen Indikator ausgehend, auf eine ganze Region schließen zu können. Die IHK nehme den Hinweis zwar ernst, dass es aufgrund der demografischen Entwicklung nicht besetzte Lehrstellen und einen Fachkräftemangel gibt, dennoch dürfe es nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Wirtschaft im Allgäu gut gehe.

Wichtig ist Lintner klarzustellen, dass der von Prognos angeführte maßgebliche Indikator hauptsächlich auf den Bereich Dienstleistung abzielt. „Wir sind aber ein Industriestandort! Das macht uns stark und zu einem guten Produktionsstandort“, so Lintner. Nimmt man hingegen den Bereich Dienstleistung als Maßstab, dann habe man freilich schlechte Karten. Obwohl, in England habe man auch viele Jahre lang auf die Karte Dienstleistung gesetzt, jetzt kehrt man zurück zur Stärkung des Industriestandorts, so Lintner.

Dennoch will der IHK-Experte den Punkt Fachkräftemangel nicht auf die leichte Schulter nehmen: „Da müssen wir ran“. Unter dem Strich bleibt für Lintner aber die Erkenntnis: „Das Ostallgäu ist ein guter Standort“.

von Kai Lorenz

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