100000. Zivi gefeiert

Severin Kunz arbeitet in der Lebenshilfe Kempten. Vormittags betreut der 20-jährige Abiturient aus Betzigau mit einer Sonderschullehrerin und einer Förderpädagogin in der Berufsschulklasse der Tom-Mutters-Schule elf Jugendliche mit geistiger Behinderung im Alter von 16 bis 18 Jahren. Am Nachmittag unterstützt er eine Erzieherin in der „lustigen Monstergruppe“ der Heilpädagogischen Tagesstätte. Er ist Zivildienstleisten-der – genauer gesagt, der 100 000. innerhalb der Bundesvereinigung der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Stellvertretend für seine 99999 Kollegen wurde er jetzt ihm Rahmen einer Feier in der Lebenshilfe Kempten ausgezeichnet.

Hier versehen aktuell 22 junge Männer in der Schule, der Heilpädagogischen Tagesstätte, im Beförderungsdienst und in den Allgäuer Werkstätten diesen „Ersatzdienst“. Seit 2001 sind es insgesamt sogar 200. Die Zivildienstleistenden sind als eine tragende Säule im Sozialbereich unserer Gesellschaft nicht mehr weg zu denken: 2,5 Millionen sind es bundesweit seit der Einführung des Zivildienstes vor 37 Jahren. „Wer Zivildienst bei der Lebenshilfe geleistet hat, hakt ihn am Ende nicht einfach ab. Die Zeit prägt ihn“, weiß Klaus Meyer. Der langjährige Vorsitzende der Lebenshilfe Kempten und stellvertretende Vorsitzende des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern freute sich, dass der 100 000. Zivi aus „unserem Hause kommt“. "Vielfalt des Lebens" Robert Antretter, Bundesvorsitzender der Lebenshilfe, nannte bei der Feier den „Zivildienst für junge Männer eine Möglichkeit, die Vielfalt des menschlichen Lebens ohne Filter kennen zu lernen.“ Und Dr. Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Zivildienst, ergänzte: „Der Zivildienst war und ist ein Lerndienst. Die erworbenen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen sind längst ein Plus im Lebenslauf.“ Für Severin Kunz war es keine Frage, den „Ersatzdienst“ zu wählen. „Ich wollte eine sinnvolle Arbeit leisten. Und über Freunde kannte ich bereits die Einrichtung der Lebenshilfe Kempten“, meinte er. Der 20-Jährige wägt hinsichtlich seiner späteren Berufswahl noch immer zwischen Gymnasiallehrer und Psychologe im sozialen Bereich ab. Gleicher Stellenwert Der stellvertretende Landrat Heinz Möschl erinnerte bei der Feier an die Entwicklung der früheren Kriegsdienstverweigerer bis zum heutigen Zivildienstleistenden. Vor 68 Jahren sei ein Bauernsohn dafür noch enthauptet worden, heute habe der Zivildienst den gleichen Stellenwert wie der Dienst bei der Bundeswehr. Einig waren sich alle Redner, dass die jungen Männer während ihrer Zivildienstzeit nicht nur Elan, neue Ideen, Motivation und Kreativität in die Einrichtungen der Lebenshilfe einbringen. Nein, sie nehmen auch ebenso viel für ihr Leben mit, lernen sie doch Toleranz, Geduld, Achtung, Gemeinschaftssinn – und: „Die Menschenwürde ist unteilbar“. Denn egal, wie hilflos ein Mensch sei, so formulierte es der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, seine Würde werde man ihm niemals nehmen können. Und auch Kreuter ergänzte: „Ich weiß von jungen Männern, die nach ihrem Zivildienst eine ganz andere Einstellung zum Leben bekommen haben. Einer sagte mir einmal: heute kann ich mir vorstellen, dass auch ein Leben mit einem behinderten Kind lebenswert und glücklich sein kann.“

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