KIT-Kempten feiert 20-jähriges Bestehen

"Erste Hilfe für die Seele"

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Am Ende des Festaktes wurden u.a. der Begründer des Verbundes Martin Wolf (li.) sowie dessen langjährige Weggefährtin und aktuell noch in Einsätzen tätige Systemleiterin des BRK Kempten, Agnes Gessenharter (Mitte), zum Gespräch mit Rupert Waldmüller (re.) gebeten.

Kempten – Es fällt nicht leicht Menschen schlimme Nachrichten zu übermitteln. Aber manchmal ist dies unvermeidbar, nämlich immer dann, wenn Menschen plötzlich ums Leben kommen oder Opfer einer Straftat werden. Das kann bei Verkehrs- oder Arbeitsunfällen der Fall sein oder wenn Menschen Suizid begehen. Aber auch die Opfer von Vergewaltigungen und Raubüberfällen sind nach den Taten in aller Regel hochgradig emotional betroffen und innerlich aufgewühlt.

Dann müssen bei Todesfällen Angehörige unterrichtet werden und bei traumatisierten Augenzeugen oder Opfern von Gewaltverbrechen muss spontan seelischer Beistand geleistet werden. Es kommt auch vor, dass Helfer, z.b. Rettungssanitäter oder Passanten, so schwer von dem Erlebten traumatisiert sind, dass diese selbst unmittelbar nach dem Geschehen seelische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Wichtig ist, dass Menschen vor Ort sind, die diese erste Hilfe an der Seele leisten können.

Vor rund 20 Jahren gründeten deshalb Martin Wolf und Agnes Gessenharter das erste Kriseninterventionsteam für Kempten und den Altlandkreis, das „KIT Kempten“. Ein Kriseninterventionsteam, das von der Integrierten Leitstelle Kempten seither 576 Unterstützungsersuche erhalten hat. Kempten war seinerseits nach München der zweite Standort eines Kriseninterventionsteams in ganz Deutschland. Heute arbeiten 18 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das KIT Kempten, 15 voll Ausgebildete und fünf Hospitanten. Zu Ehren des 20-jährigen Bestehens des KIT Kemptens wurde heuer nun das Wirken der ehrenamtlichen Helfer in festlichem Rahmen in Kemptens guter Stube, dem Kornhaus, gewürdigt. Erschienen waren neben Stadträten mit OB Thomas Kiechle an der Spitze, auch Jörg Dittmar, Dekan der evang. Kirche Kempten, und Dr. Edgar Krumpen, Diakon der Diözese Augsburg und Leiter der Notfallseelsorge. Das „KIT Kempten“ ist ein Verbund des lokalen Bayrischen Roten Kreuzes, der Johannniter-Unfall-Hilfe e.V. und der Notfallseelsorge des evang. und des röm.-kath. Dekanats Kempten. Sowohl der erste Vorsitzende des BRK Kempten, Alfred Reichert, als auch der hauptamtliche Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Markus Adler, waren anwesend, respektive Redner des Abends. Zudem waren Vertreter der Polizei, der Feuerwehr und langjährige Weggefährten des Verbundes unter den Gästen. Musikalisch hervorragend ummalt wurde der festliche Abend von Andreas Möller an der Klarinette und Angela Fadle am Klavier, die zwischen den Festrednern auftraten.

„Es ist eigentlich gar nicht so viel, was zu tun ist, oftmals ist das Zuhören und eine leichte körperliche Berührung viel mehr lindernd, als das eigene Sprechen“, so gab es Martin Wolf, der Ideengeber zur Gründung des „KIT Kempten“, in einem Interview am späteren Abend den Gästen zu verstehen. 

Auch andere der ehrenamtlichen Notfallseelsorger des KIT Kempten wurden am Ende des Abends zu einem Gespräch auf das Sofa im kleinen Festsaal des Kornhauses gebeten, um von Ihren Erfahrungen zu sprechen. Darunter waren u.a. die Mitbegründerin und derzeitige Systemleiterin BRK des KIT Kempten, Agnes Gessenharter, sowie der Rettungsassistent und KIT-Teamleiter Alessandro Genovese. Unisono berichteten die KIT-Mitarbeiter, oder „KITler“, wie sie sich selbst nennen, von ihren Beweggründen sich um die Notfallseelsorge von Betroffenen zu kümmern, wie sie konkret in einem Unglücksfall vorgehen, wie sie sich selbst vor zu viel Anteilnahme am Schicksal anderer schützen oder welchen Nutzen sie ganz persönlich aus ihrem Tun ziehen. „Ich beschäftige mich mehr mit dem Tod, mit der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens“, sagt eine der KIT-Mitarbeiterinnen im Gespräch auf der Bühne. Umso wichtiger ist es, dass sich die Mitglieder des KIT-Teams einmal im Monat treffen, um über das Erlebte zu sprechen. Natürlich werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „KIT Kempten“ vorab für ihren Einsatz fachmännisch geschult und manchmal kann es sein, dass sich die betreffende Person nach der achttägigen Schulung doch um- entscheidet, weil diese sich solch schweren Dienst am Mitmenschen nicht zutraut. 

Kiechle aber dankte allen Mitarbeitern des „KIT Kempten“ für ihr vorbildliches, ehrenamtliches Engagement. „Mein Dank geht an Sie, die Sie in diesen schwierigen Situationen Verantwortung übernehmen“, so Kemptens Stadtoberhaupt an die versammelten Mitarbeiter, die heuer im Schnitt 100 Einsätze im Jahr zu bewältigen haben. „Vergelt's Gott!“, schloss er seine Dankesrede. 

Dekan Dittmar und Pfarrer Werner Vogl aus Buchenberg verwiesen in ihren Dankesreden auf Geschichten aus der Bibel. Dittmar sprach von Hiob, dessen Gefährten nach seinem Unglück sieben Tage schweigend bei ihm saßen und Vogel, fachlicher Leiter des KIT bis 2014, verwies auf die Gestalt des Lazarus aus dem Johannesevangelium. Lazarus wurde von Jesus von den Toten auferweckt. Vogl ging es bei seinem Hinweis auf die Geschichte des Lazarus nicht so sehr um dessen Wiederauferstehung, als um die Tatsache, „…dass der Tod nicht das letzte Wort auf Erden ist.” Dieses Betroffenen unmittelbar nach einem schrecklichen Geschehen zu vermitteln, sei die schwere Last und hohe Kunst der ehrenamtlichen KITler.

Jörg Spielberg

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