Abiturienten des Dresdner Kreuzchors erstaunen Zuhörer

Mit roten Fliegen durch Zeit und Raum

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Mit schönen Stimmen, Charme und Smoking fesseln „The Bow Ties“ das Publikum in der St.-Mang-Kirche.

Kempten – Zwölf galante junge Männer im Smoking tragen rote Fliegen. Nach diesem Kleidungsstück hat sich die Gruppe benannt: „The Bow Ties“. Es sind die diesjährigen Abiturienten des namhaften Dresdner Kreuzchors. Kürzlich begleiteten die „geflügelten Sänger”″ etwa 150 Zuhörer in der St.-Mang-Kirche auf eine musikalische Reise durch Zeit und Raum.

In sechs verschiedenen Sprachen ertönten die Lieder des ungewöhnlichen Programms – deutsch, lateinisch, englisch, französisch, isländisch und russisch. Die Sachsen wagten dabei Zeitsprünge vom 20. Jahrhundert zur Wiener Klassik, von der Romantik über die Renaissance, das Hochmittelalter, Popmusik, aktuelle Hits zurück zur Wiener Klassik und Romantik.

Alle Lieder bot das Ensemble a cappella dar. Viele Stücke waren ausgeklügelte Eigenbearbeitungen. Die musikalische Leitung oblag Jan Arvid Prée, der heuer den Rudolf-Mauersberger-Preis erhielt. Diese nach einem langjährigen Kreuzkantor benannte Auszeichnung ist mit einem Stipendium verbunden. „Lassen Sie sich nicht von Negativschlagzeilen über Dresden irritieren, schauen Sie einmal selbst in die Kreuzkirche“, sagte Wolfgang Rougk, ehemaliger Kruzianer und stellvertretender Vorsitzender des Förder- vereins für Kirchenmusik an der St.-Mang-Kirche. Der Verein hatte wie jedes Jahr zu diesem Sonderkonzert eingeladen.

Am Beginn ihres Programms traten „The Bow Ties“ in die Fußstapfen der Comedian Harmonists. Artikuliert sangen sie „Irgendwo auf der Welt“, wobei insbesondere der Solobariton Vincent Hoppe gefiel. Weiter ging es mit Joseph Haydns „Die Landlust“, die der Männerchor recht temporeich interpretierte. Ergreifende Stimmung herrschte beim getragen dargebotenem „Der Herr ist mein Hirt“ von Bernhard Klein. Hier waren es die Tenöre, deren Stimmen schön zur Geltung kamen.

Passendes Tempo 

Das „Ave Maria“ sangen die Abiturienten nicht in der berühmten Vertonung Charles Gounods, sondern in der Claudio Monteverdis. Hier wählten sie ein forsches, und doch passendes Tempo. Zu Wasser ging die Reise weiter mit einer Strophe von „Amor im Nachen“ des Italieners Giovanni Gastoldi. Auch hier war das Tempo erfrischend forsch.

Das schwächste Stück des Abends blieb das folgende „I Get Around“ der Beach Boys. Es begann hoffnungsvoll mit dem Kopfstimmensopran eines Sängers. Doch dieses Niveau vermochte der Tenorsolist Karl Jonathan Kerber nicht zu halten. Seine Stimme klang leider im Vergleich zu seinen Mitschülern obertonarm und überzeichnet. Durch seine spritzigen, teils frechen Zwischenansagen und seine charmante Solointerpretation von Charlie Chaplins „Sing A Song“ konnte Kerber diesen kleinen Mangel wieder wettmachen.

Gut akzentuiert klang das kurze „O Proles“ von Francis Poulenc. Das französischsprachige „L’Atlantique“ von Ambroise Thomas sangen „The Bow Ties“ mit fein abgestufter Dynamik. Der Wechsel zwischen dramatischen, lyrischen und gespenstischen Passagen glückte ihnen. Doch machte sich hier das Fehlen wirklich tiefer Bässe besonders bemerkbar. Durch die temperamentvolle Darbietung von „Oh Happy Day“ der „Edwin Hawkins Singers“ widerlegte der Männerchor das Vorurteil, das nur Farbige Gospels angemessen singen können.

Nach der Pause ertönte mit „Skyfall“ der Sängerin Adele das jüngste Lied. Obwohl die jungen Männer recht unterschiedliche Stimmfärbungen haben, wirkte der Chor überraschend homogen. Ebenso schön harmonierten „The Bow Ties“ beim munteren „Aldamotalljod“ des Isländers Svein-björn Sveinbjörnsson.

Das russischsprachige „Gesegnet sei, der lächelt“ von Peter Tschaikowski war einer der zahlreichen Höhepunkte des Abends. Die Dramatik des Stücks, das sich eigentlich kaum nach Tschaikowski anhört, steigerte sich ins nahezu Unermessliche.

Viel Zuspruch bei den Zuhörern fanden auch die Bearbeitungen und Interpretationen des „Let It Be“ der Beatles und des „Thank You For The Mu-sic“ von ABBA. Ebenso vermochte das Ensemble mit „Mad World“ der britischen Popgruppe „Tears for Fears“ das Publikum zu berühren.

Das „Sederunt principes“ von Perotinus magnus (um 1150 bis 1220) aus dem Hochmit-telalter hingegen entsprach nicht mehr heutigen Hörgewohnheiten. Die einzelnen Stimmen fanden dennoch bei diesem anspruchsvollen Werk gut zusammen.

Weitaus gefälliger für heutige Ohren erklangen die deutschsprachigen Romantiker Franz Schubert mit der „Jünglingswonne“ und Robert Schumann mit „Die Minnesänger“. Hier zeigte sich erneut die große Stärke des Ensembles: tiefgründige Rührseligkeit, die nie ins Lächerliche abgleitet.

Wie Minnesänger wirkten die zwölf jungen Männer letztlich am Ende des Konzerts, als sie das Abendlied „The long day closes“ des Engländers Arthur Sullivan anstimmten. Nach tosendem Beifall brach als Zugabe „Die Nacht“ von Franz Schubert an. Die rotgeflügelten Sänger hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Franziska Kampfrath

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