Abschied von Klischees

Ungehobelte Ritter mit blutgetränkten Schwertern, feucht-kalte und recht spärlich möblierte Gemäuer, ausgebeutete Bauern, gelegentliche Fressgelagen im Fackelschein. Dass das mittelalterliche Leben auf einer Burg in der Regel ganz anders ausgesehen hat, kann sich gegen die genannten Vorstellungen nur langsam durchsetzen. Den sich hartnäckig festgesetzten Klischees hat nun das Allgäuer Burgenmuseum auf der Kemptener Burghalde den Kampf angesagt. In anschaulichen Bildern, die nach und nach ergänzt werden und sich akribisch an die neuesten Erkenntnisse der Burgenforschung halten, sind bereits die ersten farbigen Grafiken entstanden, die das Leben der Burgbewohner und deren Gesinde vor etwa 700 Jahren kunstvoll zeigen.

Dass Burgen durch ihre vielen Funktionen eine Hauptrolle in der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Geschichte des Allgäus gespielt haben, sei weitgehend unbekannt, erklärte der Leiter des Burgenmuseums und Grafiker, Roger Mayrock, im Gespräch mit dem KREISBOTE. Seine „möglichst realitätsnahen“ Illustrationen sind nach umfangreichen Recherchen entstanden, in denen die Untersuchungen archäologischer Fundstücke von Hausrat und Ausrüstung der Burgbewohner, Vermessungen an den Burgruinen, die Auswertung tausender Fotografien, Skizzen, Pläne, historische Abbildungen, Archivstudien ebenso Eingang fanden wie der eigenhändige Bau von Konstruktionsmodellen. „Vieles wissen wir allerdings nicht so genau“, räumte er noch viele Lücken in der Erforschung mittelalterlichen Burglebens ein. Die ersten Zeichnungen zu den neuesten Erkenntnissen über die adelige Lebenswelt im Allgäu bereichern bereits die rundum faszinierende Ausstellung in dem kleinen aber feinen Museum auf der Burghalde. Detailreich hat Mayrock eine Szene vom Bau einer Burg im 13. Jahrhundert illustriert, oder die Burg Ratzenried bei Wangen, die eine Entwicklung zum spätgotischen Burgschloss um 1500 durchlaufen habe, wie er erzählte. Eine weitere Besonderheit daran sei, dass „das echte Prunkteil“ nicht von Rittern, sondern der „bedeutenden Kaufmannsfamilie Hundbiß aus Ravensburg erbaut wurde“, erläuterte er die Geschichte der heute sanierten Ruine. Eine andere Darstellung zeigt eine typische Burgstelle – oder auch Burgstall genannt – und sein vermutliches Aussehen vor circa 900 Jahren. „Anhand der Baureste können Archäologen und Bauhistoriker die Entwicklung einer Burg ablesen“, erläuterte Mayrock das Vorgehen bei der Erforschung. Die aus Erde und Steinen ablesbaren Brände, eingestürzte Gewölbe, Funde von Hausrat, Küchenabfällen und ähnlichem, würden viele Hinweise auf die Baugeschichte und das einstige Leben dort liefern. Die Illustration der auf dem Rottachberg liegenden Burg Rettenberg (heute „Ruine Vorderburg“), wie sie vor 700 Jahren ausgesehen hat, ist zugleich Blickfang auf dem neuen Plakat des Allgäuer Burgenmuseums. Und auch die nächsten mittelalterlichen „Lebenswelten“ hat der passionierte Mittelalterfan bereits in Planung, „wo möglich, anhand konkreter Objekte“. Mit dem Blick in eine Burgküche, in die Stube einer Adelsfrau, der Impression eines Burghofs, einer Burgkapelle und so einigem mehr, will er ein „neues Licht auf die Burgenwelt vor der Haustür“ werfen und damit den überholten Klischees zu Leibe rücken.

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