In Kempten eine neue Heimat finden

"Hochmotiviert" und "lernwillig"

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Der 17-jährige Yasin (rechts) und der fast 16-jährige Yunis (2.v.l.) aus Afghanistan sind Brüder und teilen sich ein Zimmer in der heilpädagogischen Wohngruppe, in dem sie sich gerne mit Michael Wilde (links), Leiter Gerhardingerhaus, und Wohngruppenbetreuerin Nadine Buch (2.v.r.) fotografieren ließen.

Seit Mittwoch letzter Woche ist Leben in die neuen Räume der heilpädagogischen Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Lotterbergstraße eingekehrt. 

Mit gemütlichen Zimmern, einem einladenden Sofa im Fernsehraum, einem Esszimmer mit großem Tisch und und und, hat das Team des Gerhardingerhauses dort einen Ort zum Wohlfühlen entstehen lassen.

Die ersten acht Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren haben dort nun Quartier bezogen. Die Jungs stammen aus Syrien, Palästina, Afghanistan, Mali und Eritrea. 

Seit Juni, August, einige erst seit September waren sie zuvor in München, wo auch das Clearing-Verfahren mit Gesundheits-Check durchgeführt wur- de. Ein Vorteil insofern, dass zwar noch keine tiefgreifenden Gespräche, aber doch „ein gewisser Grad von Kommunikation schon möglich ist“, wie Michael Wilde, Leiter des Gerhardingerhauses, meinte. Denn der dortige Sprachkurs hat auch in der kurzen Zeit bereits Früchte getragen und die Freude darüber, diese ersten Brocken der neuen Sprache an den Mann – respektive Frau – bringen zu können, ist offensichtlich. Zusammen mit Wohngruppenbetreuerin Nadine Buch erzählte Wilde vor Ort von den ersten Erfahrungen. „Hochmotiviert“, „lernwillig“ sind Worte, die im Gespräch immer wieder fallen. „Alle wollen zur Schule gehen und Geld verdienen“ - vor allem „Geld verdienen ist ihnen schon sehr wichtig“, für ihren eigenen Unterhalt, aber auch um die zurückgebliebenen Familienangehörigen zu unterstützen, so seine Vermutung. 

Manche hätten spürbar Angst davor gehabt, was das hier wohl für eine Stadt sei. In einer Großstadt wie München sei halt manches einfacher. Zum Beispiel Prepaid-Karten für das Handy von den meist „sehr speziellen Anbietern“ zu bekommen, um Kontakt in die Heimat halten zu können. Auch „die Anbindung an ihre alte Kultur ist natürlich viel einfacher“, meinte Buch. Aber „sie finden Kempten schön und die Menschen hier sehr nett.“ 

Die meisten von ihnen waren zwischen zwei und vier Monaten unterwegs auf unterschiedlichen Wegen, einige mit längeren unfreiwilligen Aufenthalten in Libyen oder auch in Italien. Von drei der Jugendlichen sei bekannt, dass sie Verwandte in Deutschland haben, was bei der Verteilung laut Buch aber keine Rolle spielt. Durch eine neue Gesetzgebung sollen die Jugendlichen künftig „nur noch drei Monate an die Residenzpflicht gebunden sein“, so dass diese Barriere wegfalle. In trockenen Tüchern sei das Gesetz aber noch nicht. Generell müsse Familienzusammenführung aber individuell geprüft werden, so Wilde, da Angehörige, die sich selbst gerade in einem Asylverfahren befinden, oft gar niemanden mehr dazu nehmen könnten. 

Nicht mehr nur auf sich gestellt 

In einer Wohngruppe mit ihren Rechten wie Pflichten finden die Jugendlichen Manches, was sie lange vermissen mussten: Begleitung und Betreuung, ein wohnliches Umfeld, Einbindung in Freizeitaktivitäten zum Beispiel auch durch Mitgliedschaft in einem Sportverein, und vieles mehr. An manche Dinge müssen sich auch die Betreuer erst gewöhnen, denn „jemand, dessen Haus alle zwei Jahre zerbombt wurde, hat andere Maßstäbe“, was Sauberkeit oder auch Maßregelung betreffe. Dennoch „sind sie im Haushalt super hilfsbereit und zuvorkommend“, war Buch voll des Lobes. „Es ist auch für uns eine komplett neue Situation“, in der man erst einmal Erfahrungen sammeln müsse, betonte Wilde, froh über sein gutes Team, das da „schon recht hilfreich ist.“ 

Positiv sehen alle Beteiligten, dass in der Wohngruppe die einzige gemeinsame Sprache Deutsch ist. Manche der Jugendlichen sprechen laut Buch sonst nur ihre Muttersprache, andere wiederum gleich „fünf Sprachen sehr gut“. Zum großen Teil brächten die Jugendlichen ja bereits Schulbildung mit, allerdings in einer Spanne zwischen vier Jahren Schule und Fachabitur. Oft stammten unbegleitete Jugendliche aus Familien mit gutem Bildungshintergrund, wie zum Beispiel die drei afghanischen Jungs in der Gruppe. „Ihre Väter arbeiten für die Amerikaner. Deshalb waren die Kinder in Gefahr und wurden weggeschickt“, erklärte sie. „Für sie hat Bildung einen ganz hohen Stellenwert.“ Wie die anderen auch, besuchen sie die Deutschkurse, die recht schnell organisiert werden. Da alle Ankömmlinge berufsschulpflichtig sind, müssen sie alsbald Übergangsklassen besuchen, was derzeit nur in Immenstadt möglich ist, erklärte Wilde grob den Fahrplan. In Kempten wird aktuell eine Übergangslösung geschaffen und ab dem Halbjahr soll es dann eine reguläre Form geben. 

Und wie ist das mit Weihnachten? Da will Buch mit den beiden christlich orthodoxen Jugendlichen aus Eritrea in die Weihnachtsmesse gehen. Es soll für alle auch einen Baum, Geschenke und gute Essen geben. „Wir feiern einen Geburtstag“ meinte sie, wenn auch „mit den Christen mehr und mit den Muslimen weniger“. Jesus sei schließlich auch bei den Muslimen ein Prophet. Christine Tröger

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