Welche Maßnahmen sind notwendig? Studentinnen der Hochschule Kempten sprechen mit Betroffenen

Das Leben durch Inklusion erleichtern

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(v.li. )Torben Döring, Jasmin Ostheimer (hinten),Roberto Hillen und Jasmin Pilz (vorne) im Gespräch.

Kempten – Der neue Aktionsplan Inklusion in Kempten (2016) greift Maßnahmen auf, um die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen zu ermöglichen. Diese reichen vom Bereich Wohnen bis hin zu Freizeit und Kultur. Studentinnen der Hochschule in Kempten möchten die Wichtigkeit dieses Aktionsplans in den Vordergrund rücken und haben sich im Zuge dessen die Frage gestellt, welche Schwierigkeiten Menschen mit Beeinträchtigungen in Kempten haben und wie diese durch die Maßnahmen des Aktionsplans verbessert werden.

Bezüglich unterschiedlicher Maßnahmen des Aktionsplanes haben die Studentinnen mit Klienten des Ambulant Betreuten Wohnens der Lebenshilfe Kempten, sowie mit Torben Doering (Leitung) gesprochen.

"Ich möchte nicht auffallen"

Die Studentinnen haben mit Andreas Kolsen über die Maßnahmen der Eingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt als auch über die ärztliche Versorgungsstrukturen der Stadt Kempten gesprochen.

„Ich bin nicht der, der sagt, wenn es mir schlecht geht, ich spiele es immer runter […] man hat Schwierigkeiten, wenn man was sagt, wird man gleich abgestempelt“, sagt Andreas Kolsen. Er ist seit 1992 in psychiatrischer Behandlung, leidet an einer Zwangsstörung, Angststörung, Panikattacken, sowie einer posttraumatischen Belastungsstörung. Andreas lebt seit 27 Jahren in Kempten und ist seit acht Jahren ein zuverlässiger Mitarbeiter der Allgäuer Werkstätten. Gerne würde er wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten, da er sich in der Werkstatt häufig unterfordert fühlt. Die Sorge, dem zeitlichen Druck nicht Stand halten zu können, hindert ihn daran. Auf Grund seiner Erkrankung ist Andreas nicht jeden Tag gleich leistungsfähig, nur wenige Arbeitgeber bieten hierfür einen geschützten Rahmen.

Dies war nicht immer so. Bevor Andreas krank wurde, machte er eine Ausbildung und konnte sich in seiner Arbeit verwirklichen. „Ich wollte nicht auffallen“, erklärt Andreas und beschreibt uns seinen langen Weg der Hilfesuche: Bedingt durch äußere Umstände fühlte sich Andreas zunehmend dem Druck der Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Häufige Entlassungen waren die Folge. „Ich habe es mit Alkohol heruntergespült“ erzählte er. Rückblickend stellt er fest, dass er bereits in der Kindheit immer wieder schwierige Phasen hatte. Niemand aus seinem damaligen Umfeld wollte jedoch seinen Zustand wahrhaben. Auch er selbst hat sich als Kind bereits dafür geschämt. 1992 kam es dann zu einem Zusammenbruch und sein Hausarzt vermittelte ihn in psychiatrische Behandlung.

Oftmals hat Andreas Kolsen das Gefühl seine Situation wird heruntergespielt. Bei Ärzten und Psychiatern hat er das Gefühl, dass er lästig ist. „Wenn man wirklich Probleme hat und ruft an, ist der Arzt voll – man stört immer wieder“, schildert er die Situation. Grund hierfür ist unter anderem, dass Patienten im Durchschnitt acht Wochen auf einen Ersttermin beim Psychologen warten müssen. Umso wichtiger ist die Arbeit des „Ambulant Betreuten Wohnens“ der Lebenshilfe Kempten. Hier findet Andreas Halt und Menschen denen er vertrauen kann.

Nicht überall begegnen ihm Menschen mit dieser Offenheit und Unvoreingenommenheit. „Wenn ich mich unauffällig verhalte gehöre ich dazu“, beschreibt Andreas seinen Platz in der Gesellschaft. Er wünscht sich mehr Verständnis für psychische Erkrankungen. Positiv erlebt er Menschen, die ihm helfen ohne Fragen zu stellen. Er möchte sich nicht immer erklären müssen. Andreas hofft durch seine Geschichte andere Personen zu ermutigen sich bei psychischen Problemen Hilfe zu suchen. Ebenso möchte er bewirken, dass unsere Gesellschaft aufmerksamer und rücksichtsvoller miteinander umgeht.

"Behinderung ist keine Barriere"

Mit Roberto Hillen haben die Sutdentinnen über die Veränderung der Wohnsituation der Betroffenen gesprochen. Im Zentrum hierbei stand der Trend vom stationären Wohnen hin zum ambulant betreuten Wohnen und deren Umsetzung.

Roberto Hillen ist 32 Jahre alt. Er ist seit zehn Jahren Mitarbeiter der Allgäuer Werkstätten. Wenn er Anderen von seinem Beruf erzählt, bekommt er häufig Antworten wie „Ach, sie sind da Gruppenleiter, sie betreuen dort die Leute? Das ist aber schön, dass sie einen sozialen Beruf haben“. Klärt er die Leute auf, dass er dort selbst betreut wird, erhält er häufig die Antwort „Aber sie sind doch normal“, denn seine Erkrankung sieht man ihm nicht an.

Roberto arbeitet seit zehn Jahren in der Produktion der Allgäuer Werkstätten. Mehrere Versuche von Berufsbildungsmaßnahmen der Agentur für Arbeit ihn auf dem ersten Arbeitsmarkt einzugliedern scheiterten alternativlos. „Es gibt Tage, wo ich zum Beispiel meine Arbeit mache […] dann am nächsten Tag stehe ich vor meiner Arbeit und weiß nicht was ich zu tun habe“ erklärt er seine Situation. Er leidet an einer Konzentrationsstörung.

Noch vor einigen Jahren lebte er in einer Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen. Dort wurde er zunächst vollstationär betreut. Anschließend lebte er für zwei Jahre in einem Trainingsapartment. Hier lernte Roberto das selbstständige Einkaufen, Putzen sowie eigenständige Freizeitgestaltung. Inzwischen lebt er seit vier Jahren in seiner eigenen Wohnung und dabei vom „Ambulant Betreuten Wohnen“ der Lebenshilfe Kempten unterstützt. Zunächst hatte er große Bedenken, alleine zu leben. Er war das alleine sein nicht gewohnt. Wichtig für ihn sind die festen Bezugspersonen des Teams. Sie bieten ihm den notwendigen Beistand und ermöglichen ihm ein nahezu selbstbestimmtes Leben. Die Entscheidung in eine eigene Wohnung zu ziehen empfindet Roberto mittlerweile als persönliche Bereicherung und wünscht sich für die Zukunft eine Familie.

Für Roberto wäre es leicht, seine Behinderung zu verstecken. Er möchte sich jedoch nicht verstellen, er möchte so akzeptiert werden wie er ist. Mit all seinen Stärken und Schwächen, seinen Fähigkeiten, seinen Wünschen, Zielen und seiner Erkrankung. Für eine gelungene Inklusion wünscht er sich, dass der Begriff der Behinderung nicht länger eine Barriere zur Teilhabe an der Gesellschaft darstellt. Er soll zukünftig keine Hemmschwelle für Begegnungen sein und in all seinen Dimensionen in Köpfen der Menschen erfasst werden.

"Kleine Hilfestellungen ermöglichen mir Teilhabe"

Mit Frau S. haben die Studentinnen darüber gesprochen, welche Möglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung existieren, Behördengänge wahrzunehmen. Insbesondere wollten wir wissen, ob Anschreiben und Briefe der Behörde so formuliert sind, dass sich für die Betroffenen verständlich sind.

Frau S. wird vom „Ambulant Betreuten Wohnen“ der Lebenshilfe in Kempten betreut und arbeitet im WerkShop, einem öffentlich zugänglichen Bistro der Allgäuer Werkstätten. Durch ihre geistige Behinderung ist es Frau S. nicht möglich einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Dem Stress und Leistungsdruck auf diesem ist sie nicht gewachsen. Sie wird betreut durch feste Bezugspersonen des „Ambulant Betreuten Wohnens“ der Lebenshilfe. Hier wird sie in der alltäglichen Lebensführung, wie beispielsweise dem Einkaufen und Kochen unterstützt.

Zudem hat Frau S eine gesetzliche Betreuerin, welche Behördengänge und den Schriftverkehr - insbesondere mit Ämtern und Kostenstellen - für sie erledigt. Frau S. kann viele Briefe der Behörden nicht verstehen, da diese nicht in leichter Sprache geschrieben sind. Eine Übersetzung der Post für Menschen mit geistiger Behinderung existiert in dieser Form nicht.

Im Privaten findet Frau S. Hilfe und Unterstützung in ihrem persönlichen Umfeld durch den offenen Umgang mit ihrer Behinderung. Momentan macht sie den Führerschein, hat allerdings häufig Verständnisfragen im Theorieteil. Die anderen Kursmitglieder helfen ihr bei Problemen gerne und erklären ihr notwendige Zusammenhänge. Die Barriere der Sprache wird somit durch kleine Hilfestellungen der Mitmenschen überwunden.

"Inklusion auf Augenhöhe"

Mit Torben Döring haben die Studentinnen über seine Aufgaben im „Ambulant Betreuten Wohnen“ der Lebenshilfe gesprochen und darüber, was Inklusion für ihn bedeutet.

„Unsere Aufgabe als Ambulant Betreutes Wohnen ist es unsere Klienten bei einer weitestgehend selbstständigen Lebensführung zu unterstützen. „Die Experten für Ihr Leben sind unsere Klienten selbst. Nicht ich kann bewerten, was derjenige braucht, sondern nur derjenige selbst“, erklärt Torben Döring das Konzept der Einrichtung. Besonders wichtig ist ihm hierbei eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Klient und Betreuer. Die Diagnose sowie Erkrankung/Behinderung der einzelnen Personen steht für das Team des Ambulant Betreuten Wohnens nicht im Vordergrund. Vielmehr gilt es Ressourcen zu erkennen, Fähigkeiten zu fördern und den Klienten Wertschätzung entgegenzubringen.

Inklusion bedeutet für Torben Döring nicht, dass Randgruppen Teil der Gesellschaft werden. Das bezeichnen von Randgruppen bestimmter Personenkreise allein schließt eine Inklusion bereits aus. Grundsätzlich sollten Menschen nicht als behindert angesehen werden, sondern wir sollten realisieren, dass Menschen durch die Gesellschaft an der Teilhabe behindert werden. kb

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