Das Allgäu gibt ihr Kraft

In der Serie „Allgäuer Köpfe“ stellt der KREISBOTE in den kommenden Wochen in unregelmäßigen Abständen Persönlichkeiten des Allgäus vor. Der zweite Teil der Serie dreht sich um die Skirennläuferin Gina Stechert. Bereits mit 22 Jahren hat sie es trotz zweier Kreuzbandrisse zu den Olympischen Spielen in Vancouver geschafft. Kraft gibt ihr dabei auch ihre Heimat – das Allgäu.

Auf dem Fensterbrett steht ein kleiner Bilderrahmen. Ein kleines Mädchen grinst in die Kamera. Breitbeinig steht es da, Skier an den Füßen, die Arme von sich gestreckt. Der Blick aus dem pausbäckigen Gesicht ist entschlossen. Gina Stechert nimmt das Bild in die Hände und lacht. „Da war ich ungefähr zwei Jahre alt und wollte unbedingt auch Ski fahren, so wie meine beiden älteren Brüder.“ Optisch hat die junge Frau von heute mit dem pausbäckigen Kind von damals kaum mehr etwas gemein. Und doch: Der entschlossene Blick ist ihr geblieben. Das Ziel von damals hat sie längst erreicht. In Sachen Skifahren macht ihr so schnell keiner was vor. Was sie will, weiß Gina Stechert, eine der erfolgreichsten deutschen Skirennläuferinnen, auch heute noch ganz genau. „Mein großer Traum ist es einmal ganz oben zu stehen“, sagt die 22-Jährige. Die ersten Schritte zu diesem Ziel hat sie schon geschafft. Erst im Winter war sie bei den Olympischen Spielen in Vancouver dabei. „Die ganze Stimmung im olympischen Dorf war toll“, schwärmt sie. „Das war wirklich etwas ganz Besonderes.“ Eine Medaille hat sie zwar nicht geholt, doch Gina Stechert sieht das gelassen: „Noch gehöre ich nicht zu den Goldmädchen, aber mein absoluter Traum wäre das natürlich schon.“ Die Berge locken Doch bereits jetzt hat Stechert einige Erfolge aufzuweisen: Im Februar 2009 gewann sie mit der Abfahrt in Tarvisio zum ersten Mal ein Weltcuprennen. Und im März 2006 wurde sie deutsche Abfahrtsmeisterin. Außerdem siegte sie zweimal in der Saison 2005/06 in Europa-Cup-Abfahrten. Doch warum gerade eine Karriere als Skirennläuferin? Bei dieser Frage schweift Gina Stecherts Blick aus ihrer kleinen Wohnung im dritten Stock ihres Elternhauses in Fischen nach draußen. Dort schmilzt gerade der letzte Schnee von den Allgäuer Bergen. Und dahinter blitzen weiß die Allgäuer Alpen hervor – und locken. „Wenn ich im Winter die Berge sehe, will ich nur noch raus und Ski fahren“, antwortet sie. So wie die Berge für Reinhold Messner „da sind, um sie zu besteigen“, liebt Gina Stechert es, auf ihren Pisten herunter zu brettern. „Es macht einfach Spaß und ich will immer die Schnellste sein“, meint Gina und grinst. Dass sie schließlich beim Leistungssport gelandet ist, war eher Zufall, glaubt sie. „Ich bin da so reingerutscht. In der Nachwuchsmannschaft war ich recht gut und so ging es dann weiter.“ Im Verein und von Trainern ist sie dabei immer gefördert worden. Das Gefühl weiter machen zu müssen, hatte sie allerdings nie. „Meine Familie hat mich immer unterstützt, aber mir nie Druck gemacht.“ An den Wochenenden auf Wettkämpfe fahren, unter der Woche Training und neben zu noch die Schulbank drücken, das war einige Zeit der Alltag von Gina Stechert. „Das Gymnasium in Oberstdorf ist sehr sportbegeistert, sonst wäre das wohl auch nicht gegangen“, ist die junge Frau überzeugt. Wochenlange Schmerzen Ihrer Hartnäckigkeit hat sie es auch zu verdanken, dass sie bei den vergangenen Olympischen Spielen dabei sein konnte. Denn fast wäre der große Traum für sie geplatzt. Es war im März 2009, als sich Gina Stechert zum zweiten Mal das Kreuzband riss. Noch geradezu schmerzlich hatte sie dabei den ersten Unfall am Knie in Erinnerung. „Ich habe mir damals geschworen, wenn das noch einmal passiert, höre ich auf“, erinnert sich Stechert. Doch sie biss sich durch. Wieder eine Operation, wochenlange Schmerzen, mühsame Krankengymnastik. „Beim zweiten Mal ist es schlimmer, weil man schon weiß, was auf einen zukommt.“ Wenn sie heute davon erzählt, ist auch ein bisschen Angst in ihrem Blick zu sehen. „Kurz vor der Abfahrt muss man das alles verdrängen, sonst kann man nicht fahren.“ Da ist sie wieder, diese Entschlossenheit. Mit ihr verfolgt sie ihre Ziele und Träume. Und dabei liegen nicht alle im sportlichen Bereich. „Ich will ein Fernstudium anfangen, vielleicht Mathematik“, erzählt Gina, die derzeit pro forma als Zollwärterin beim Bund angestellt ist. „Das hat mir schon immer Spaß gemacht.“ Leistungssport, vielleicht ein Studium und natürlich auch noch ein Privatleben – das alles kostet viel Kraft. Erst vor Kurzem ist sie von den letzten Rennen wieder nach Hause gekommen. Erschöpft nach der langen Saison, war sie froh endlich ein bisschen auszuspannen, in der vertrauten Umgebung. „Das Allgäu ist dabei für mich mein Rückzugsort. Hier bin ich daheim, hier ist meine Familie – das gibt mir auch Kraft.“ Für immer aus dem Allgäu wegzugehen, kann sie sich im Moment nicht vorstellen. „Ich glaube schon, dass ich immer wieder hier her zurückkommen werde.“ Erzählt sie Menschen auf ihren Reisen vom Allgäu, gerät sie regelrecht ins Schwärmen. „Ich sag immer, dass man hier alles machen kann.“

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