Allgäuer Eigenheiten

Ein Geschenk für den Ehrengast: OB Dr. Ulrich Netzer bedankt sich bei Justizministerin Dr. Beate Merk für ihre Eröffnungsrede vor mehreren hundert Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Behörden im Kornhaus. Fotos: Tröger

Auf den Tag genau sechs Jahre nach ihrem ersten offiziellen Auftritt auf der Allgäuer Festwoche hat Justizministerin Dr. Beate Merk am Samstagmorgen im Kornhaus die größte Messe der Region zum zweiten Mal eröffnet. „Hier gibt es unglaublich viel zu verpassen, wenn man nicht ausgeschlafen ist“, lobte die Ministerin das einwöchige Spektakel, das noch bis kommenden Sonntag, 21. August, besucht werden kann. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) ging in seiner Begrüßungsansprache auf die Zukunft des Allgäus ein. In den Mittelpunkt stellte er dabei den gesellschaftlichen Zusammenhalt als Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung.

So kontrovers im vergangenen Jahr über die provokante und erfrischend andere Eröffnungsansprache von Schwabens IHK-Präsident Andreas Kopton diskutiert wurde, so schnell dürfte wohl die diesjährige Rede von Ministerin Merk vergessen sein. Außer den obligatorischen Lobeshymnen auf die Allgäuer und ihre Festwoche war der vergleichsweise kurzen Ansprache Merk nur wenig Greifbares zu entnehmen. Sie erinnerte an ihre erste Festwocheneröffnung vor sechs Jahren, als selbst ein seltenes Natureignis in der Nacht zuvor die Allgäuer habe ruhig schlafen lassen. „Aber was ist schon ein Sternschnuppenereignis gegen die Allgäuer Festwoche“, fragte die Staatsministerin, die die Messe und ihre Exponate zu den Themen Klimawandel, Energiewende oder Kinderbetreuung als „hochaktuell“ bezeichnete. Das Allgäu als Region zeige mittlerweile als „Wirtschaftsregion eine ungeahnte Stärke“, die Entwicklung von Tourismus und Sport geschehe nachhaltig. „Deshalb blicke ich mit Mut und Zuversicht auf das Allgäu“, so der Gast aus München. „Im Allgäu leben Menschen, die sich selbst gefunden haben“, so Merk weiter. „Wenn einer das Beste aus etwas machen kann, dann der Allgäuer.“ Viele Herausforderungen Allerdings werde die Region ihre Eigenschaften vor dem Hintergrund der Herausforderungen der Zukunft auch brauchen, mahnte sie. Vor allem bei der Energiewende „müssen Sie sich auf die Allgäuer Eigenheiten verlassen.“ Unterstützung demonstrierte die Politikerin für die heimische Landwirtschaft: „Die Landwirtschaft wurde und wird gebeutelt“, kritisierte sie. „Aber ohne sie geht es nicht – vor allem hier im Allgäu.“ Als einen „wichtigen Schritt für die Sicherheit und inneren Frieden“, bezeichnete Merk die Teilnahme der Stadt Kempten an dem Modellprojekt „Fit für die Zukunft“ und spielte damit auf OB Netzers Begrüßungsansprache an. Netzers hatte seine Rede unter das Thema „Zusammenhalt und Entwicklung – Gedanken zur Zukunft des Allgäus“ gestellt. „Meiner Ansicht nach sind wir für die Zukunft des Allgäus dann gut gerüstet, wenn wir es schaffen, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft noch mehr zu stärken“, so Netzer eingangs. Ausgangspunkt seiner Ausführungen war die Parabel auf Heinrich Findelkind, der im 14. Jahrhundert die Str.-Christopherus Bruderschaft vom Arlberg gründete, die heuer mit 18 000 Mitgliedern ihr 625-jähriges Jubiläum feierte. „Er hat sich Gesinnungsgenossen gesucht, einen Zusammenhalt organisiert und Identität geschaffen“, so Netzer. Ähnlich wirke die Festwoche, die bewusst Allgäuer und nicht Kemptener Festwoche heiße. Wichtig für die Schaffung von Zusammenhalt sei zunächst die Kommune, so Netzer weiter. „Zusammenhalt ist die Gemeinschaftsbildung, die der Kitt für friedliches und auskömmliches Zusammenleben auch in schwierigen Zeiten ist“, sagte er. Dabei gelte aber auch, dass die Menschen nicht nur fordern, sondern auch geben – beispielsweise im Ehrenamt. „Im Allgäu leben Gott sei Dank noch sehr viele Menschen, die dies sehen und sich entsprechend einsetzen.“ Zusammenhalt sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung. Im Allgäu funktioniere dieser Zusammenhalt noch, lobte Netzer, und appellierte gleichzeitig, den Zusammenhalt weiter zu intensivieren: „Wenn wir gemeinsam aktiv unser Allgäu entwickeln, dann erreichen wir viel mehr als wenn wir im Widerspruch zueinander stehen“, mahnte er. Als die Herausforderung in den nächsten Jahren nannte er in diesem Zusammenhang die Energiewende und der Klimaschutz, wo das Allgäu bereits mit gutem Beispiel voran gehe. Aber auch hier gelte es, unterschiedliche Interessen zu vereinen. Das gelinge nur, wenn die Kommunikation stimme. „Dabei stellen wir allerdings immer wieder fest, dass wir trotz intensiver Information Bürger erst dann erreichen, wenn sie sich durch Maßnahmen direkt vor ihrer Haustüre betroffen fühlen“, so Netzer. Als jüngstes Beispiel nannte er die im Nachhinein von Bürgern heftig kritisierte Umgestaltung des St.-Mangplatzes.

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