4. Allgäuer Konversionskongress entwickelt Ideen für die Zukunft

Heute schon an morgen denken

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(v.l.) Klaus Fischer, Geschäftsführer der Allgäu GmbH, moderierte die Diskussionsrunde zum Thema „Nachhaltige Entwicklung von Gewerbeflächen“ mit Herbert Singer (Sozialbau), Gregor Grassl (Drees & Sommer), Stephan Anders (DGNB), Alanus von Radecki (Fraunhofer-Institut) und Valentin Brenner (Drees & Sommer).

Kempten – Auf Einladung der Allgäu GmbH trafen sich Akteure aus Wirtschaft, Politik und Bundeswehr vergangene Woche an der Hochschule Kempten. Beim 4. Allgäuer Konversionskongress standen zukünftige Entwicklungen im Bereich Planung, Bau, Betrieb und Rückbau von einzelnen Gebäuden und ganzen Wohn- und Gewerbequartieren im Mittelpunkt.

Im Herbst 2013 startete die Tagungsreihe in der Jägerkaserne in Sonthofen. Ziel war und ist es, die Folgen der Bundeswehrreform zu meistern. Nachdem die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag 2009 eine Umstrukturierung der Bundeswehr und eine Straffung der Führungs- und Verwaltungsstrukturen vereinbart hatten, stellte Verteidigungsminister Thomas de Maizière im Oktober 2011 das Stationierungskonzept 2011 vor. Von dieser Umstrukturierung der Streitkräfte war das Allgäu besonders stark betroffen. Für Füssen und Sont- hofen bedeutete die Bundeswehrreform einen markanten Einschnitt bei Personal und Infrastruktur, für Kaufbeuren und Kempten gar die vollständige Auflösung der Standorte. Vor vier Monaten wurde im Rahmen einer akademischen Feierstunde das Fachsanitätszentrum im Haubensteigweg offiziell aufgelöst und so erinnerte Kemptens OB Thomas Kiechle in seinem Grußwort daran, dass auch das Ende der Artilleriekaserne an der Kaufbeurer Straße und des Bundeswehrdepots an der Ulmer Straße bevorstehe. Sehr erfreut zeigte sich Kiechle, dass sich auf dem Gelände des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes der Anbieter für Logistik-Software Soloplan niederlassen werde (der Kreisbote berichtete). Für die weiteren Flächen (Artilleriekaserne: 16,5 Hektar; Bundeswehrdepot: 3,3 Hektar) seien Fachgutachten in Auftrag gegeben. Im Zusammenhang mit der Unterbringung von Flüchtlingen merkte Kiechle an, dass die für die Bundeswehrgrundstücke zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben derzeit auch die Nutzung für Flüchtlingsunterkünfte prüfe.

Über die Aktivitäten der Allgäu GmbH im Bereich Konversion berichteten die beiden Konversionsmanager Axel Egermann und Katrin Menig. Der Film zur Marketingkampagne für den Standort Allgäu unter dem Titel „Mein Freiraum“ sei inzwischen im Internet, in den Sozialen Medien und in zahlreichen Kinos erfolgreich platziert worden. Ziel sei es, Unternehmer aus den großen Wirtschaftszentren auf die vielfältigen Chancen und die guten Standortbedingungen im Allgäu aufmerksam zu machen. Parallel zu den potenziellen Arbeitgebern sollen aber auch Arbeitnehmer und deren Familien für das Allgäu begeistert werden. Das was jetzt umgesetzt wird, beruht maßgeblich auf den Erkenntnissen des 2. Konversionskongresses, der unter dem Motto „Kommunikation als Basis für erfolgreiche Konversion“ stand.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung standen Ideen zum nachhaltigen Planen und Bauen von Gebäuden, Gewerbequartieren und ganzen Städten. Dass es aber durchaus notwendig ist, schon heute die Nachnutz- ungsphase von Wohn- und Gewerbeimmobilien zu berücksichtigen, machte Valentin Brenner, Leiter des Expertenteams „Cradle to Cradle“ vom Planungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer deutlich: „Dass das Bauwesen mit 40 bis 50 Prozent am weltweiten Ressourcenverbrauch beteiligt ist, ist vielen von uns bewusst – dass Bauen letztendlich auch für gut 60 Prozent der Abfälle sorgt, ist aber eine eher unbekannte Tatsache“. Angesichts der begrenzten Ressourcen sei es eine Notwendigkeit, Gebäude nicht als Endstufe des Stoffkreislaufs sondern als Zwischenstufe einer stofflichen Verwendung zu betrachten. Diese Idee stehe hinter dem Prinzip „Cradle to Cradle“, der vollständigen Wiederverwertung aller Stoffe. „Wenn wir heute von Recycling reden, dann meinen wir fast immer Downcycling. Durch Verlust an Qualität wird zum Beispiel Bauschutt nicht wieder als Rohstoff für die Baubranche sondern als Schüttgut im Straßenbau verwendet“ so Brenner. Echte Nachhaltigkeit müsse aber auf eine sortenreine Zerlegung der Materialien und eine Wiederverwendung der Materialien ohne Qualitätsverlust zielen.

Einen Perspektivwechsel vollzog Stephan Anders, der bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) für den Bereich „Nachhaltige Gewerbequartiere“ verantwortlich ist. Sein Vortrag beleuchtete nicht mehr das einzelne Gebäude, sondern den Verbund von vielen Gebäuden im Gewerbegebiet. Anders machte aber auch deutlich, dass es ihm nicht um Gewerbegebiete im klassischen Sinne gehe, und so wählte er den Begriff Gewerbequartiere. Dahinter stehe die Vernetzung von wohnen, arbeiten und die optimale Anbindung an den Öffentlichen-Personen-Nah-Verkehr (ÖPNV). Sowohl die Endlichkeit der fossilen Energieträger, die Klimaerwärmung als auch die Notwendigkeit den Flächenverbrauch zu reduzieren, zwinge bei der ­Infrastrukturplanung zum Umdenken.

Eine noch umfassendere Betrachtung stellte Alanus von Radecki vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) an. Der Leiter des Städtebauprojekts „Morgenstadt“ erläuterte die Ansätze für eine nachhaltige Stadt der Zukunft. Am Beispiel des Automobils schilderte er, wie sich technologische Entwicklungen auf den Städtebau auswirken können. So habe erst das Auto als Fortbewegungsmittel für Alle die Planung und Verwirklichung von reinen Wohnsiedlungen im Umfeld der Städte ermöglicht. Im Augenblick könne die Digitalisierung Motor für neue Entwicklungen im Städtebau sein.

Bei der abschließenden Diskussionsrunde betonte Gregor Grassl, Teamleiter Green City Development bei Drees & Sommer, dass all diese Ideen auch für den ländlichen Raum – also auch im Allgäu – relevant seien. Während Herbert Singer, Geschäftsführer der Sozialbau, zum Rundumschlag gegen Bürokratie, Vorschriften und im speziellen die Energie-Einspar-Verordnung (EnEV) ausholte, machte Alanus von Radecki darauf aufmerksam, dass nicht nur der Energieverbrauch sondern das Gebäude, das Quartier und die Stadt als Gesamtsystem betrachtet werden müsse. Ebenso betonte Valentin Brenner die Notwendigkeit, bei Gebäuden die Gesamtenergiebilanz aus Strom, Heizung und Rohstoffen zu betrachten. Dass die energetische Entwicklung der Gewerbegebiete der Gegenwart einiges zu Wünschen übrig lasse, gab zum Schluss Martin Sambale, Geschäftsführer des Energie- und Umweltzentrums Allgäu (eza), zu bedenken.

Michael Schropp

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