Wer die Wahl hat, hat die Qual

"Windel Willi" und das große Geschäft

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„Welche soll ich nur nehmen?“, scheint Felix zu fragen.

Endlich gibt es wieder Hoffnung für das Schlusslicht Deutschland im Geburtenranking. Im Kemptener Krankenhaus müssen Geburten seit diesem Jahr sogar angemeldet werden, um den aktuellen Ansturm auf den Kreißsaal zu bewältigen.

Denn die geburtenstarken Frauen der 80er Jahrgänge bekommen jetzt Ihre Kinder. An eines denken die glücklichen Eltern sicher nicht als Erstes: an die beachtliche Windelberge, die sie in den kommenden Jahren erzeugen werden.

Denn jedes Kind landet in seiner Wickelphase rund 5000 Mal auf dem Wickeltisch. Und seine Windeln im hoffentlich wohl verschlossenen Windeleimer. So ein kleiner Mensch verursacht, bis er mit durchschnittlich drei Jahren das stille Örtchen aufsucht, 650 Kilogramm Windel-Müll. Das Heer an gebrauchten Feuchttüchern mal nicht mitgerechnet. Diese Windelberge machen nicht nur in Allgäuer Landkreisen bis zu zehn Prozent des Müllaufkommens aus. Windeln sind somit das Produkt mit dem prozentual höchsten Anteil am Hausmüll, jährlich kommen in Deutschland etwa 340.000 Tonnen zusammen. Das sind täglich satte 8,5 Millionen Windeln, die entsorgt werden müssen.

Willi will‘s ...haben!

Und wohin mit den Windelbergen? Da Windeln erst nach 300 bis 500 Jahren verrotten, bleibt nur die Müllverbrennung. Schuld ist der hohe Plastikanteil, der die Windeln dicht hält. Der fällt übrigens auch bei Ökowindeln an, die ebenfalls nicht auf den Kompost oder in die grüne Tonne dürfen. Eine findige Stiftung aus dem Schwabenland witterte das „große Geschäft“ mit ihrem anfallendem Windelmüll und baute sich eine eigene Müllverbrennungsanlage. Dieser Windelverbrennungsofen, von den Mitarbeitern nur „Windel-Willi“ genannt, kann bis zu 5000 Tonnen Windeln und andere Hygieneprodukte pro Jahr verwerten. Und versorgt so Wäscherei, Großküche und Gewächshäuser der Stiftung Liebenau mit eigenen Strom. In Deutschland könnten nach deren Schätzung 20 solche Windel-Willis stehen, die uns mit Energie aus Windelabfall versorgen könnten.

Ein Kind in Windeln

gewickelt...

Auch das Jesuskind fand man „in Windeln gewickelt in der Krippe“ vor. Forscher vermuten, dass die Kinder schon damals stramm in einfache Leinenbänder gewickelt wurden. Windeln sollen auch von den alten Ägyptern aus Blattwerk gefertigt worden sein. Die Inuit nutzten Seehundhaut und Moose für ihre improvisierten Pampers und im Wallis wurden Wollunterhosen für die Kleinsten gestrickt. Im Mittelalter verstand man unter „Wickeln“ gleich ein komplettes Wickelpaket. Von Kopf bis Fuß wurden die Babys eingepackt und leider nicht immer gleich ausgewickelt, wenn nötig. Da war ein roter Po wohl vorprogrammiert. Den soll es dank „Superdry“ Effekt der neuesten Windel-Generation heute nicht mehr geben. Die ersten Einmalwindeln aus Papier gab es in Deutschland bereits in den 50er Jahren. Der Marktführer Pampers kam aber erst im Jahr 1973, zehn Jahre nach der Einführung in Amerika, zu uns. Seit dem ist viel passiert in Sachen „Stuhlmanagement“. Neben der stetig abnehmenden Dicke und dem geringeren Gewicht der Windel basteln die Windel-Wissenschaftler an perfekter Passform, Saugfähigkeit und Trockenheit. Alle Papierwindeln haben dafür eine magischen Zutat: den Superabsorber. Der verspricht den Eltern bis zu zwölf Stunden Trockenheit. Die lieben Kleinen spüren laut Werbung nichts mehr außer „einem guten Gefühl“. Was praktisch klingt, kann aber auch ein Nachteil sein. Denn Kleinkinder werden heute im Schnitt erst mit 28 Monaten trocken. Durch die allzeit trockenen Windeln müssen sie sich das Gefühl für das stille Örtchen erst wieder antrainieren. Doch die Vorteile von Papierwindeln überzeugen die meisten frischgebackenen Eltern. Denn sie sind praktisch, leicht und günstig. Neun von zehn Deutschen greifen heutzutage zur Papierwindel. Der jährliche Umsatz mit Einweg-Windeln beträgt in Deutschland 500 Millionen Euro. Auch wenn die Margen nicht besonders hoch sind, lohnt sich das Windelregal. Denn Windelkäufer sind meist die Mütter – und die spülen viele weitere Euros in die Supermarkt- und Drogeriemarkt-Kassen. Es gibt neben dem Marktführer Pampers, der rund 60 Prozent der Marktanteils hält, auch zahlreiche, günstige Eigenmarken von Drogerieketten und Discountern. Die meisten Eltern bleiben übrigens ihrer Einstiegs-Windelmarke treu. Für das grüne Gewissen sind Ökowindeln eine Beruhigung. Denn ressourcenschonende Herstellung, nachwachsende Rohstoffe und einen hohen Anteil an Recycling-Material sind hier Programm. Auch bei den Ökomarken geht jedoch nichts ohne das Zauberpulver der Super-

absorber. Damit alles trocken bleibt, sind diese Kunststoffkügelchen in die Windel eingearbeitet, die aus Flüssigkeit ein Gel machen. Bis zu 20 mal ihr Eigengewicht haben diese als „Ladekapazität“ zur Verfügung. Jahrelange Forschung hat die Windelpakete verschlankt und die benötigte Menge Superabsorber auf wenige Gramm reduziert. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit dieser Kunstoffpolymere wurde in verschiedenen Studien bestätigt. Der leicht chemische Geruch, den die Windeln verströmen, stößt manchen Eltern trotzdem unangenehm auf. Laut letztem Test der Zeitschrift „Ökotest“ sind diese Sorgen jedoch unbegründet. In keiner der getesteten Wegwerfwindeln wurden problematische Inhaltsstoffe gefunden. Fast alle Produkte enthalten zwar optische Aufheller oder UV-absorbierende Substanzen, die zu Kontrollzwecken dienen. Sie haben jedoch keinen Hautkontakt und sind daher vorwiegend ein Umweltproblem. Absolut chlorfrei gebleichtes Material verwendete nur eine Öko-Marke im Test. Trotz guter Noten reagieren manche Babys allergisch auf bestimmte Windeln. Etwa auf das Paraffin in Lotionen, die die Haut der Babys vor dem Wundsein schützen sollen. Experten wie die Allgäuer Hebamme Ingeborg Stadelmann empfehlen stattdessen, viel Luft und Licht an den Windelbereich zu lassen. Auch Ökotest hält diese Lotionen für unnötig. Stoffwindeln sind ebenfalls eine gute Alternative, denn sie sind atmungsaktiver und werden oft besser vertragen.

Stoffwindeln – Wäscheberge statt Windelmüll?

Wegwerfen oder Waschen, das sind die Optionen für Eltern in der „Windelphase“. Auch wer Müll vermeiden will, den schreckt bei Stoffwindeln oft der befürchtete Wäscheberg ab. Nur rund zehn Prozent der Eltern in Deutschland nutzen derzeit Stoffwindeln. In vielen großen Städten gibt es inzwischen einen Windelservice, der benutze Windeln abholt und wäscht. Hier sind zwar zusätzliche Kilometer mit in die Öko-Rechnung aufzunehmen, dafür wird effizient in Großbetrieben gewaschen. Stoffwindelfans schwören auf die vielen Vorteile. Die bessere Atmungsaktivität beugt der gefürchtete Windeldermatitis vor. Auch die Wiederverwendbarkeit beim nächsten Kind spielt für sie eine wichtige Rolle. Schlauerweise wachsen viele Windelsysteme auch mit. Und nicht zuletzt spart man eine Stange Geld mit Stoffwindeln. Sie sind zwar in der Erstanschaffung teurer, aber am Ende sind rund 500 Euro Ersparnis gegenüber Papierwindeln drin. Aber haben sie auch in der Umweltfreundlichkeit die Nase vorn? Es gibt laut Umweltbundesamt keine Ökobilanz, die das eindeutig belegt. Der Vorteil hängt vor allem vom Verhalten der Nutzer beim Waschen und Trocknen ab. So zeigt eine viel zitierte britische Studie, dass Stoffwindeln deutlich besser abschneiden als Papierwindeln, wenn sie bei 60 °C gewaschen, an der Luft getrocknet und von den jüngeren Geschwistern wieder verwendet werden. Auch der ZAK in Kempten ist davon überzeugt und rät Eltern, zum Kauf von Stoffwindeln um Müll und Geld zu sparen. Stoffwindeln sind die bessere Alternative, schreibt der ZAK ins seiner Broschüre, denn sie verringern die Abfallkosten und sind deutlich ökologischer als Wegwerfwindeln aus Papier. Wer das einmal testen will, der kauft ein Einsteigerset und schickt die Rechnung und Geburtsurkunde an den ZAK Kempten. Als Anreiz bezuschusst der ZAK den Kauf wiederverwendbarer Stoffwindeln mit bis zu 50 Euro. Wer befürchtet, Stoffwindeln sind altbacken, der sollte sich schnell mal durch die knallbunten, witzigen Designs der zahlreichen Stoffwindelportale im Netz klicken. Denn die labberige Mullwindel, die mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird, hat heute ausgedient. Auch bei den Systemen gibt es zahlreiche Varianten: von Windeln mit Einsteck-Taschen für Einlagen (sogenannte Pocketwindeln) bis hin zu „All-in-Ones“ , bei denen einfach die komplette Windel in die Waschmaschine wandert. Überhosen aus Wolle oder mit einer dünnen Beschichtung aus Polyurethan (PU) verhindern, dass die Windel ausläuft und sorgen dafür, dass sie gleichzeitig atmungsaktiv ist. In die Überhosen kommen Einlagen aus Baumwolle oder High-Tech Materialien wie Fleece, Microfaser oder Bambus, um ein angenehm kuscheliges Tragegefühl zu erzeugen. Ein Hersteller aus England hat auch kompostierbare Windeleinlagen im Sortiment, die direkt in den Kompost wandern. Wen diese Vielfalt verwirrt, der findet in zahlreichen Stoffwindel-Blogs Hilfe und Empfehlungen für die besten Systeme, Waschanleitungen und Tipps zum Windelkauf.

Alle eingewickelt?

Kommt man nun gar nicht um Wäsche- oder Windelberge herum? Schauen wir nach Asien oder Afrika, sind wir erstaunt. Keine Pampers weit und breit. 80 Prozent der Erdbevölkerung kennen (noch) keine Wegwerfwindeln. Allerdings mühen sich Papierwindelhersteller bereits mit teuren Kampagnen ab, vor allem die Chinesen für ihre Produkte zu gewinnen. Rund eine halbe Milliarde Euro hat der Windelriese „Procter & Gamble“ bereits im Reich der Mitte investiert. Und seine „golden sleep“ Kampagne trägt bereits erste Früchte: bei den Chinesen der Mittelschicht gilt es mittlerweile als schick, Papierwindeln zu tragen. Doch noch immer benutzen die meisten Babys und Kleinkinder Chinas vorrangig sogenannte „Kaidangku“, einfache Schlitzhosen. Wenn sie „mal müssen“ wird einfach die Hose weggehalten. Ganz windelfrei und ohne riesige Abfallberge. Auch in Indien und Afrika funktioniert das schon immer einwandfrei. Denn traditionell tragen die Mütter Ihre Kinder eng am Körper im Tragetuch. Wer muss, meldet sich schnell bei Mama und wird flugs „abgehalten“. Erstaunlicherweise klappt das auch schon bei den ganz Kleinen. Der bekannte Kinderarzt Remo H. Largo bestätigt in seinem Bestseller „Babyjahre“: schon Neugeborenen geben Signale, wenn sie mal müssen. Aber da wir darauf nicht (mehr) reagieren, verliert sich dies nach einiger Zeit. Viele Mütter kennen das Phänomen auch bei uns, Babys nutzen schnell die Chance zum „frei bieseln“ wenn die Windel ausgezogen wird.

Könnten wir uns die vollen Windeln also vielleicht ganz sparen? Eigentlich ja, es gibt nur einen kleinen Haken: warten können die lieben Kleinen (noch) nicht. Wer also schnell reagiert, spart sich das Wickeln. So passt die komplette Windelfreiheit bei uns oft nicht in den durchgetakteten Alltag. Und auch das Wetter lädt in unseren Breiten nicht immer zum freiluftpinkeln ein. Dennoch gibt es eine wachsende Fangemeinde von „windelfreien“ Babys. Die Eltern bieten ihrem Kind sooft es geht ein Töpfchen statt der Windel an. Oft tragen die Kinder draußen Windelhöschen als „Backup“ oder die Eltern führen einen kleinen Behälter mit, wenn ihre Kinder unterwegs ein Bedürfnis anmelden. „Windelfrei“ in Teilzeit ist die einfachste Variante. Zuhause dürfen die Babys aufs Töpfchen, unterwegs wird eine Wegwerf - oder Stoff-Windel benutzt. Ganz nach dem Motto „jede (gesparte) Windel zählt“. Übrigens geht es bei diesem „Geschäft“ nicht um das schnelle Trocken werden, sondern um eine bedürfnisorientierte, artgerechte Kommunikation mit dem Kind. Trotzdem sind „windelfrei“ Kinder im Schnitt bereits mit rund 18 Monaten trocken. Ein weiteres Argument der Anhänger der „windelfrei“ Praxis: sie möchten ihren Kindern nicht erst Windeln an- und dann wieder mühsam abgewöhnen. Bleibt nur noch lobend zu erwähnen, dass beim „Windel FKK“ Windeldermatitis kaum vorkommt. Und natürlich geht auch in Sachen Umweltschutz „windelfrei“ als klarer Sieger hervor. Wer sich traut, die Windel auch mal wegzulassen, findet Tipps und Tricks auf Webseiten wie „123 windelfrei“ und Büchern wie „ Es geht auch ohne Windeln“ der Autorin Ingrid Bauer oder „artgerecht“ von Nicola Schmidt.         Steffi Koller

In eigener Sache:

Die Grüne Seite verabschiedet sich mit dieser Ausgabe in die Sommerpause und meldet sich im Herbst mit einer Vielzahl unterschiedlicher Themen wieder zurück.

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