"Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in der Vielfalt"

Alternativen zur Milchkuhhaltung im Allgäu

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Ulli Leiner, Thomas Gehring und Gisela Sengl hatten die Veranstaltungsbesucher und Redner (ganz links im Bild: Roman Eberle, ganz rechts: Johannes Egger) zu einer gesunden und äußerst schmackhaften Bio-Brotzeit eingeladen.

Kempten – „Angesichts der schwierigen Lage auf dem Milchmarkt geben viele Landwirte heute auf. Unser Ziel ist es, dass die Höfe im Allgäu erhalten bleiben. Im Zuge dessen sollte man gemeinsam überlegen, ob es bei uns Alternativen zur Milchkuhhaltung gibt und wo neue Marktsegmente erschlossen werden könnten.“ Mit diesen Worten läutete der Oberallgäuer Landtagsabgeordnete der Grünen, Thomas Gehring, den Diskussionsabend ein, zu dem Landwirte, Amtsträger, Tourismusvertreter sowie die interessierte Bevölkerung eingeladen waren. Zwei Landwirte stellten dabei beispielhaft ihre Umstellung weg von der Milchviehhaltung vor.

Begleitet wurde Gehring von seinen Fraktionskollegen im Bayerischen Landtag, Gisela Sengl (Fraktionsvorstand, agrarpolitische Sprecherin) und Ulli Leiner (stv. Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten). Alle drei waren sich einig über die Wichtigkeit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. „Die Bäuerinnen und Bauern produzieren gesunde Lebensmittel. Ihre Arbeit hat eine hohe Bedeutung für unsere Kulturlandschaften und die Wertschöpfung auf dem Land. Unser Ziel ist es, dies zu erhalten.“ Gisela Sengl appellierte: „Politik, Verbraucher und gerade auch die Landwirte selbst müssen über die Milch hinausdenken.“ Schließlich befriedige das heimische Angebot die Nachfrage bei weitem nicht. Zwar liege der Selbstversorgungsüberschuss bei der Milch bei 151 Prozent und bei Käse bei 331 Prozent („unserem Export steht eine hohe Importrate zu höheren Preisen gegenüber“), doch bei Gemüse liege der Selbstversorgungsgrad lediglich bei 35 Prozent und bei Obst gar nur bei 7 Prozent. Dass es auch anders gehe, zeige das Nachbarland Österreich. Hier werden 67 Prozent des Gemüses und 89 Prozent des Obstes selbst produziert. „Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in der Vielfalt“, ist sich Gisela Sengl sicher.

Zwei Beispiele, wie diese Vielfalt aussehen kann, stellten die Allgäuer Landwirte Roman Eberle und Johannes Egger vor. Sie berichteten von der erfolgreichen Umstellung ihrer ehemaligen Milchviehbetriebe. Roman Eberle wagte bereits 1994 den Schritt in den Gemüseanbau, „anfangs noch zweigleisig“, wie er sagt. „Es war schon ein komisches Gefühl, die letzte Kuh wegzugeben und es tat mir richtig weh, das Grünland aufzubrechen“, gibt der Mittfünfziger zu. Bereut habe er diesen Schritt allerdings noch nie. Heute bewirtschaftet Egger auf seinem 750 Meter hoch gelegenen Biolandbetrieb zwischen Wiggensbach und Altusried sieben Hektar Ackerfläche und drei Hektar Gemüsefläche, auf denen er 20 bis 30 verschiedene Kulturen – Zwiebeln, gelbe und rote Rüben, Lauch, alle Kohlarten und Salate – anbaut. Seine Waren vermarktet Eberle direkt auf verschiedenen Wochenmärkten. Da er eng mit dem Betrieb von Walter Hiedl zusammenarbeitet, gehören auch Gewächshauskulturen wie Tomaten, Gurken, Paprika und Auberginen zu seinem Angebot, ebenso wie Südfrüchte, die er zukauft. „Das ist wichtig für die Attraktivität bei den Kunden“, weiß er.

Der 23 Jahre junge Landwirt Johannes Egger hat andere Wege beschritten. Als er 2014 den elterlichen Hof in Voglsang bei Kempten übernahm, stellte er diesen auf Ziegenhaltung um. „Am 7. Dezember habe ich die letzte Kuh gemolken, am 21. Dezember gab´s die erste Ziegenmilch“, erzählt er. „Wir waren mit unseren 20 Kühen und dem Jungvieh bei zehn Hektar Eigenfläche auf die Zupachtung von Weideflächen angewiesen. Davon wollte ich mich unabhängig machen“, erklärt der Molkereimeister. Heute stehen in seinem umgebauten Biobetrieb rund 70 Ziegen, die pro Tag 200 Liter Milch geben. Egger übernimmt vor Ort die Pasteurisierung und Abfüllung in 1-Liter-Glasflaschen. Die gesamte Menge nimmt ihm eine regionale Supermarkt-Kette ab. Parallel widmet er sich der Käseherstellung. „Leider leiden Ziegen unter einem Imageproblem“, bedauert er. Dabei bockelt die Milch bei richtiger Handhabung überhaupt nicht. Als Laie merkt man keinen Unterschied zur Kuhmilch.“ Die Nachfrage nach Ziegenkäse sei enorm hoch, nach Ziegenfleisch allerdings nicht. Hier müsse noch eine vernünftige Vermarktung aufgebaut werden.

Zwar seien Gemüse und Ziegen sicher nicht die Lösung für die breite Masse im Allgäu, so Leiner, Gehring und Sengl. „Uns ist klar, dass das Allgäu immer Milchland bleiben wird – das ist auch die Stärke dieser Region.“ Dennoch seien die beiden Landwirte gute Beispiele für die erfolgreiche Suche nach neuen Nischen. „Hier sollte sich jeder Einzelne Gedanken machen, was für seinen Betrieb das Beste ist.“ Von politischer Seite gelte es, Märkte aufzubauen und die Struktur der staatlichen Beratung zu verbessern und diese zu individualisieren. Extrem wichtig sei auch, den künftigen Landwirten bereits in der Ausbildung zu zeigen, „dass es noch andere Möglichkeiten gibt als nur Milch“. Die drei Politiker zeigten sich zuversichtlich: „Der Erfindungsreichtum der Allgäuer Landwirte war immer schon groß. Die Gegend hier hat Riesenchancen.“

Sabine Stodal

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