Studienprojekt präsentiert

"Nicht für die Ewigkeit gebaut"

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Auf die Abschlusspräsentation des Studienprojektes „Gestaltete Energielandschaft Allgäu“ folgt eine angeregte Diskussion mit den Podiumsteilnehmern Dr. Alfred Bauer (v.l., Hochschule Kempten), Prof. Dr. Sören Schöbel von der TU München, Initiator des Projektes und Moderator Dr. Jörg Heiler, Prof. Dr. Wolfgang Mayer, Fakultät Maschinenbau an der Hochschule, AÜW-Chef Michael Lucke, Stefan Bosse, OB Kaufbeuren und Vorsitzender des Planungsverbandes Allgäu.

Kempten – Dass die Energiewende sichtbare Spuren hinterlassen wird, dürfte den meisten inzwischen bewusst sein. Um dabei eine möglichst qualitätsvolle Weiterentwicklung der Kulturlandschaft zu erreichen, haben die Architekten Dr. Jörg Heiler und Peter Geiger ein Studienprojekt angestoßen:

Etwa 30 Studenten der Landschaftsarchitektur an der TU München und der Bereiche Tourismus, Energie-und Umwelttechnik an der Hochschule Kempten haben sich dabei dem Thema „Gestaltete Energielandschaft Allgäu“ genähert.

Zur Abschlusspräsentation an der Hochschule waren jetzt gut 200 Interessierte aus dem ganzen Allgäu gekommen, darunter Landtagsabgeordnete, zahlreiche Bürgermeister und Architekten. Die insgesamt zehn, zum Teil sehr unterschiedlichen Konzeptausarbeitungen, zeigten unter anderem in die Landschaft integrierte Technik oder Ansätze wie bereits vorhandene Formen und Strukturen durch Installationen zur Energiegewinnung gezielt betont werden können, wodurch eine Art neue Landschaft entsteht. So wurde beispielsweise ein Solarband quer durchs Allgäu gezogen, Windräder auf markanten Höhenzügen – die Kante der Endmoräne betonend – angeordnet, Moore als Energiespeicher genutzt und vieles mehr.

Zwar mit einem „sehr interessant“, aber auch mit einer gehörigen Portion Skepsis stand der Kaufbeurer OB Stefan Bosse (CSU) den Ideen gegenüber, was er in der anschließenden Podiumsdiskussion mit bisherigen Erfahrungen in seiner Funktion als Vorsitzender des regionalen Planungsverbandes Allgäu zu begründen wusste. Dennoch bekundete er bereit zu sein, den zusätzlichen Ansatz „in unsere Planungsentwicklung mit aufzunehmen“. Abgesehen von den vielen Ausschlusskriterien für Windräder würde schon die Frage, ob Windräder „ästhetisch oder unästhetisch“ seien, wohl jeder anders beantworten.

Altes Denken

Sören Schöbel, Professor für Landschaftsarchitektur an der TU München, kritisierte, dass Bosse – anders als die Entwürfe der Studenten – das Allgäu nach Manier der 1970er Jahre „in lauter kleine Funktionsabschnitte zerteilt“ habe. Er wünschte sich einen Wechsel, weg von „Partikularinteressen“ verbunden mit einem „Dialog mit der Landschaft“ sowie für die „weichen Kriterien“ mit der Bevölkerung.

Prof. Dr. Alfred Bauer von der Fakultät Tourismus in Kempten plädierte dafür, „vielleicht ein neues ästhetisches Landschaftsempfinden“ zu schaffen. „Junge bewerten ästhetische Aspekte anders“, brachte AÜW-Chef Michael Lucke den nicht unerheblichen Aspekt ins Spiel, dass der Anblick von Windkraftanlagen & Co. für kommende Generationen bereits ein gewohntes statt störendes Bild sein werde. Trotz aller Versuche, das Thema Ästhetik bei Windkraftanlagen zu berücksichtigen, „werden wir die nicht schindeln können“, zeigte er Grenzen der ästhetischen Machbarkeit. Aber „es wird nicht für die Ewigkeit gebaut“, erinnerte er daran, dass die Anlagen nach etwa 20-jähriger Laufzeit wieder abgebaut würden.

Eine interessante Frage hatte Michael Schmölz, Masterstudent der Landschaftsarchitektur an der TU München, noch vor der Diskussionsrunde in seinem Vortrag zur Geschichte des Allgäus gestellt: „Was ist das Allgäu?“ Sind es zum Beispiel die „vier Stundenkilometer“ in Form einer Kuhherde, die auf einer schmalen Serpentinenstraße entlangtrottet oder „ist es die A7?“. Assoziationen mit dem Allgäu würden auf einer Agrarlandschaft beruhen, „die um 1900 entstanden ist“, was allerdings nur dann auch ein Problem sei, wenn es zum Erhalt einer „Museumslandschaft“ benutzt werde und als Kriterium gegen eine nötige Entwicklung. Bei allem Konsens der Anwesenden darüber, dass die vorgestellten Konzepte in der Realität natürlich nicht eins zu eins umsetzbar seien – als Anregung für die Zukunft schienen sie vielen doch willkommen. Oder wie es ein Zuhörer formulierte, sollte man sie wenigstens genauer anschauen, bevor „wir die Landschaft versaut haben“.

Nähere Infos zu den Veranstaltungen des Projektes „Gestaltete Energielandschaften Allgäu“ gibt es unter info@energielandschaft-allgaeu.de. Vom 7. bis 16. März werden die Konzepte außerdem im Forum Allgäu ausgestellt, begleitet von diversen „Dialog-Veranstaltungen“.   Christine Tröger

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