Freizeitsportler bedrohen Lebensraum von Tieren

Freizeitsportler können Tiere gefährden

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Beim offiziellen Startschuss der Kampagne in Balderschwang waren zahlreiche Vertreter der beteiligten Institutionen anwesend. Von links: Dr. Ulrich Sauter (Landwirtschaftsamt, Leiter Forstabteilung), Ethelbert Babl (Landwirtschaftsamt, LEADER-Manager), Rolf Eberhardt (Geschäftsführer Naturpark Nagelfluhkette), Landrat Toni Klotz, Balderschwangs Bürgermeister Konrad Kienle, Manfred Scheuermann (DAV).

In den Allgäuer Alpen nisten bis zu elf Steinadlerpaare. Unsere Wälder sind nach wie vor die Heimat von Uhu, Schneehuhn, Birkhuhn und Auerhuhn.

Die meisten Freizeit- sportler und Naturfreunde ahnen nicht einmal, wie nahe sie diesen Tieren beim Schneeschuhwandern, Skitourengehen, Geocaching, Wandern, Canyoning, Mountainbiken oder auch nur beim Pilzesammeln oftmals kommen. Auch dass sie störempfindliche Tiere damit gefährden könnten, ist den Wenigsten bewusst. Im Landkreis Oberallgäu wurde nun die groß angelegte Aufklärungskampagne „Dein Freiraum – Mein Lebensraum. Verantwortungsvoll in der Natur unterwegs.“ gestartet, die allen Menschen, die draußen unterwegs sind, verantwortungsvolles Verhalten in der Natur näherbringen soll. 

Der Auerhahn ist im Oberallgäu fast ausgestorben. Nur in einigen wenigen Gebieten, wie etwa dem Eschacher und Kürnacher Wald ist noch eine geringe Zahl an Brutpaaren beheimatet. Auch andere Raufußhühnerarten, wie Birk-, Schnee- und Haselhuhn sind selten geworden. Die größte Bedrohung für das Überleben der noch bestehenden Bestände ist, wie so oft, der Mensch. Zwar steht der Auerhahn heute unter Naturschutz, womit die Bejagung aus früheren Zeiten der Geschichte angehört. Dafür ist er, genau wie seine gefiederten Verwandten, durch einen zunehmenden Verlust von Lebensraum bedroht. Die intensivierte Land- und Forstwirtschaft, die Zersiedlung der Landschaft (und damit einhergehend die Zerstückelung geeigneter Lebensräume) sowie zunehmender Verkehr machen den Tieren das Überleben schwer. 

Bedrohung durch Unwissenheit 

Ein nicht zu unterschätzendes Problem stellt auch der wegen des Klimawandels in immer höhere Bergregionen vordringende Tourismus dar. „Es gibt einen starken Trend, die Freizeit in der Natur zu verbringen. Immer neue individuelle Sportarten kommen auf, die leicht erreichbaren Gebiete werden praktisch überrannt. Manche, vor allem Einheimische, reagieren auf solche Massenbewegungen, indem sie sich dann noch weiter abseits der Routen bewegen“, gibt Rolf Eberhardt, der Geschäftsführer des Naturparks Nagelfluhkette, zu bedenken. „Die Wenigsten wissen dabei etwas über die Zusammenhänge in der Landschaft.“ So dringen Wanderer, Schneeschuh- und Skitourengeher, Langläufer und dergleichen bei ihren harmlos klingenden Freizeitaktivitäten oft in die ohnehin dünn gesäten Rückzugs- gebiete störempfindlicher Tiere ein. „Auch wenn wir die Tiere nicht sehen, sind sie trotzdem da und nehmen uns sehr wohl wahr.“ 

Tödliches Aufeinandertreffen 

Besonders im Winter kann ein Zusammentreffen mit dem Menschen lebensbedrohliche Auswirkungen auf sensible Tierarten (dazu gehören unter anderem auch Steinadler, Rot- hirsch, Reh oder Gämse) haben. Gämsen beispielsweise kann man schon aus relativ weiter Entfernung von bis zu mehr als 300 Metern aufscheuchen. Sie empfinden beispielsweise Wintersportler, die rasch herannahen, als eine große Gefahr, was sie zur anstrengenden Flucht treibt. Im hohen Schnee brauchen sie dafür besonders viel zusätzliche Energie. Auch die oben genannten Raufußhühner, wie Auer- Birk- oder Schneehuhn sind sehr störanfällig. Sie können sich keinen schützenden Winterspeck anfressen. Stattdessen reduzieren sie ihre Aktivitäten in der kalten Jahreszeit auf ein Minimum. Kurz vor dem Schlafengehen fressen sie so viele Fichten-, Tannen- und Kiefernnadeln wie möglich, um genug Energie für die kalte Nacht zu haben. „Die Tiere sind an Wanderer auf den Wegen gewöhnt und haben keine Angst vor ihnen“, erklärt Rolf Eberhardt. „Wenn aber jemand diese Wege verlässt, querfeldein geht und dabei in die Nähe ihrer Verstecke kommt oder sie bei der Nahrungsaufnahme stört, kann er sie damit in Panik versetzen. Gerade im Winter führt eine solche Panikreaktion zu einem Energieverlust, der aufgrund des mangelnden Nahrungsangebotes oftmals kaum wieder ausgeglichen werden und unter Umständen sogar zum Tod des Tieres führen kann.“ Eine Tatsache, die wohl kaum jemandem bewusst ist. 

Aufklärung ist das A und O 

Genau hier setzt „Dein Freiraum. Mein Lebensraum.“ an. „Wir möchten die Menschen ohne erhobenen Zeigefinger darüber informieren, dass sie durch Aktivitäten abseits der Wege Tiere in ihren Rückzugsräumen unter Umständen massiv stören“, so Eberhardt weiter. Ähnlich wie das Vorarlberger Projekt „Respektiere Deine Grenzen“, das neben den bereits existierenden Kampagnen „Skibergsteigen umweltfreundlich/Natürlich auf Tour“ des DAV als Vorbild und Grundlage für „Dein Freiraum. Mein Lebensraum.“ diente, steht dabei eine umfangreiche Aufklärungsarbeit auf verschiedenen Ebenen im Vordergrund. 

Das Motto: Verständnis statt Verbote 

Auf ansprechenden Informationstafeln an zentralen Parkplätzen, von denen aus viele Naturfreunde zu Touren starten, stehen Tipps zum verantwortungsvollen Verhalten in der Natur. Zudem werden schützenswerte Tiere und Pflanzen vorgestellt und naturverträgliche Routen für Skitourengeher und Wanderer ausgewiesen. An einigen neuralgischen Stellen im Gelände markieren Stoppschilder die zuvor festgelegten Wald-Wild-Schongebiete – also besonders sensible Bereiche, in denen eine Störung der Wildtiere nicht ohne Folgen bleibt. Auf diesen Stoppschildern wird dem Freizeitnutzer erklärt, warum er das Gebiet meiden sollte und welche schützenswerte Tierart hier ihren Lebensraum hat. Die Routen werden dann um Ruhe- und Nahrungsplätze herum geführt, die für die Wildtiere im Winter überlebensnotwenig sind. „Ganz bewusst wird bei alledem auf das Prinzip der Freiwilligkeit gesetzt“, betont Rolf Eberhardt. „Uns geht es absolut nicht darum, Verbote auszusprechen. Wir sind uns sicher, dass viele naturliebende Menschen schlichtweg nicht wissen, wann sie sich im Wohnzimmer sensibler Arten aufhalten. Bei entsprechender Auf- klärung würden viele solche Bereiche freiwillig meiden“, glaubt er. 

Projektstart in drei Pilotregionen 

In zunächst drei Pilotregionen in Balderschwang/Gunzesried, am Immenstädter Horn (Steigbachtal – Immenstädter Horn), sowie im Grüntenbereich bei Burgberg wurden bzw. werden besagte Informationstafeln und Wegweiser aufgestellt. Diese sind übrigens beidseitig mit spezifischen Informationen für die Sommer- und die Wintersaison bedruckt und können je nach Jahreszeit einfach gewendet werden. Nach einer Evaluierungsphase soll die auf viele Jahre angelegte Kampagne im Lauf der Zeit auf den gesamten Landkreis Oberallgäu ausgeweitet werden. Auch eine Ausdehnung auf weitere Landkreise entlang der Bayerischen Alpen ist theoretisch möglich und wird von den Projektträgern gewünscht. 

Schon kleine Allgäuer naturfit machen 

Die Aufklärungsmaßnahmen direkt vor Ort werden ergänzt durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit. Sämtliche Informationen rund um den Themenkomplex sollen so gestreut werden, „dass jeder, der in den Bergen unterwegs ist, irgendwann darüber stolpert“, so Rolf Eberhardt. Eigens ausgebildete Naturparkführer und „Junior Ranger“ dienen zudem als Multiplikatoren. Auch Kooperationen mit Schulen sind angedacht, um schon den kleinen Allgäuern das richtige Verhalten in der Natur zu vermitteln. Denn „nur wer über die Zusammenhänge in der Natur- und Kulturlandschaft Bescheid weiß, kann sich draußen so verhalten, dass die hohe Wertigkeit der Allgäuer Landschaft als Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten bewahrt bleibt.“ 

Schwierige Gratwanderung 

„Das ganze Unterfangen ist eine Gratwanderung“, findet der Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle. „Wir müssen gleichermaßen den Schutz und die Pflege der Natur wie auch das touristische Angebotsspektrum der Tourismusregion Oberallgäu im Auge behalten. Das heißt, wir müssen die Natur nachhaltig schützen und gleichzeitig für die Menschen erlebbar machen. Das ist die besondere Herausforderung.“ 

Ein Gewinn für alle Beteiligten 

Landrat Anton Klotz mahnt: „Jeder Einzelne sollte sich die Frage stellen: Muss ich wirklich zu jeder Zeit überall sein? Oder ist es möglich, dass ich mich freiwillig ein wenig einschränke, um das Überleben dieser seltenen Tierarten zu sichern? Ganz nach dem alten Motto `Leben und leben lassen´ könnte so eine Allianz entstehen, von der beide Seiten profitieren! Draußen unterwegs zu sein macht in einer intakten Natur- und Kulturlandschaft mehr Spaß, als in einer artenarmen, übernutzten Landschaft. Und um wie viel höher ist doch das Erlebnis auf einer Bergtour, wenn man am Himmel einen Steinadler kreisen sieht und die Gämsen aus sicherer Entfernung beim Äsen am Gegenhang beobachten kann.“ 

Die vier wichtigsten Regeln 

Jeder Einzelne kann schon durch die Beachtung einer Handvoll einfacher Regeln viel Gutes bewirken. Diese lauten: Auf den bestehenden Wegen, Forststraßen und Routen bleiben. Unötigen Lärm vermeiden. Markierte Schutzgebiete respektieren. Die Dämmerungsstunden meiden. 

Alle ziehen an einem Strang 

Wie wichtig die Informationskampagne ist, zeigt allein die Tatsache, dass bei „Dein Freiraum. Mein Lebensraum.“ sämtliche relevanten Interessensgruppen von Anfang an an einem Tisch saßen. Zu der rund 20-köpfigen Projektsteuerungsgruppe gehören Vertreter aus folgenden Institutionen und Bereichen: Landratsamt Oberallgäu, Gemeinden, Wildbiologie, Forstwirtschaft, Grundbesitzer, Land- und Alpwirtschaft, Jagd, amtlicher Naturschutz, Verbandsnaturschutz, Deutscher Alpenverein, Verband der Allgäuer Outdooranbieter, Bergschulen, Regionalentwicklung (LEADER), Tourismus, Bergsport/IG Klettern, sowie der Naturpark Nagelfluhkette, der die Kampagne federführend betreut. Die Kosten für den ersten Teilabschnitt der Oberallgäuer Dachinitiative beziffert Rolf Eberhardt mit 292.000 Euro. 147.000 Euro werden durch Fördermittel aus dem LEADER-Programm der Europäischen Union abgedeckt. Den Rest tragen der Landkreis Oberallgäu, die Bayerischen Staatsforsten, der Naturpark Nagelfluhkette, das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten im Rahmen der Bergwaldoffensive sowie die Gemeinde Burgberg. Überdies wird sie durch das Förderprogramm LEADER in Form eines Gemeinschaftsprojektes der lokalen Aktionsgruppen Oberallgäu und Westall- gäu-Bayerischer Bodensee gefördert. 

Weitere Informationen 

Umfangreiche Informationen und Tourentipps sind auf den Websiten des DAV, des Naturparks Nagelfluhkette sowie im Internet auf der Seite www.freiraum-lebensraum.info zu finden. Als Kartenmaterial eignen sich etwa die die BY-Alpenvereinskarten. Auf diesen sind die empfohlenen Skirouten und schutzwürdigen Wald-Wild-Schongebiete eingezeichnet. Die Neuauflage wird zudem die neu erarbeiteten Schneeschuhrouten enthalten.  Sabine Stodal

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