Auftaktveranstaltung des architekturforum allgäu zur Wanderausstellung „Baukulturgemeinde-Preis Allgäu“

Alte Bauernhöfe im Fokus

+
Gesprächsrunde in der Tenne des Hörmann-Hofs unterhalb der Burgruine Sulzberg zu Beginn der Ausstellungseröffnung „Baukulturgemeinde-Preis-Allgäu“.

Sulzberg – Mit einem wichtigen Aspekt des Strukturwandels in der Landwirtschaft beschäftigte sich das architekturforum allgäu anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung „Baukulturgemeinde-Preis Allgäu“, nämlich mit dem „Nicht mehr gebrauchten Bauernhof“. Auch im Allgäu wird „das Land auf den Kopf gestellt“, so Kulturgeograph Werner Bätzing, und immer mehr Bauernhöfe dienen nicht mehr ihrer ursprünglichen Funktion. Wie auch der Hof der Familie Hörmann unterhalb der Burgruine Sulzberg, dessen Tenne sich als passender Veranstaltungsraum für eine Gesprächsrunde eignete, die sich dem Umgang mit alten Bauernhöfen widmete.

Moderiert wurde das Gespräch, dem großes Publikumsinteresse zuteil wurde, vom Architekturpublizisten Florian Aicher aus Rotis. Sein jüngst erschienenes Buch „Belebte Substanz“ gibt einen guten Einblick in den vorbildlichen Umgang mit Bauernhöfen im Bregenzer Wald.

Wolfgang Bauer vom Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen stellte zu Beginn fest, dass Gestaltung seit 2008 von Amts wegen nicht mehr geprüft werde und ca. 50 Prozent der Bauanträge nicht mehr von Architekten vorgelegt werden. Gemeinden würden sich hinter Ortsgestaltungssatzungen verschanzen, deren Gleichmacherei nicht förderlich sei und zu einer Flut von Abweichungsanträgen führe. Wichtig ist ihm hinsichtlich einer Nachnutzung von Bauernhäusern neben einer qualitätvollen Gestaltung besonders die soziologische Komponente: die Gebäude müssten mit neuem Leben erfüllt werden, weil sie unsere Kulturlandschaft entscheidend prägten. Henning Großeschmidt, seines Zeichens ehemaliger leitender Restaurator der nichtstaatlichen Bayerischen Museen, entkräftete das Argument, alte Bauernhäuser seien nur sehr schwierig und kostenintensiv den aktuellen Energiestandards anzupassen, mit seinem erprobten System einer einfachen Wandtemperierung, die zugleich den Vorteil bietet, eventuell feuchte Wände dauerhalt trockenzulegen. Er sprach von „einer physikalischen statt einer chemischen Haussanierung“ mit dicken künstlichen Dämmpaketen.

Konrad Knoll vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kaufbeuren versucht als Bauberater Landwirte in Bau- und Gestaltungsfragen zu unterstützen. Er stellte dar, welche Ausgangslagen es bei aufgegebener Landwirtschaft gibt: den leerstehenden Stall und die leerstehende Tenne bei weiterhin genutztem Wohnteil, bis auch dieser verlassen wird. Priorität haben für ihn der Erhalt der Gebäude, sensibel umgebaut und ohne störende An- und Aufbauten. Für Angelika Soyer vom Verein MirAllgäuer ist ein touristisches Angebot unter dem Motto „Urlaub auf dem Bauernhof“ einer der Lösungsansätze. Die „Sehnsucht nach dem Land“ wird durch die Bestandsbauten in authentischer Weise befriedigt, sie sprach davon, „die Region ins Haus zu holen“.

Weitere potentielle Nutzungsmöglichkeiten zeigte Architekt Franz Vogler mit Beispielen aus seiner Heimatgemeinde Oberstdorf auf: Verkaufsstätte, Restaurant, Büronutzung, Werkstatt etc..

Moderator Florian Aicher erweiterte die Frage „Was kann man mit einer Hofstelle anfangen?“ mit dem „Wie sollte bei einer Nachnutzung vorgehen?“ und gab gleich selbst eine Antwort, und zwar, dass aufgrund der zumeist großen Gebäudekubaturen nicht gleich das ganze Volumen in einem Zuge ausgebaut werden müsse, sondern ein schrittweises Vorgehen durchaus Sinn macht. Junge Familien im Bregenzer Wald, denen ein atmosphärisches Bauernhaus zumeist lieber ist als ein gesichtsloses Einfamilienhaus im Neubaugebiet, brächten viel an Eigenleistung (auch zusammen mit Familie und Freunden) ein und bauten sich somit einen unmittelbaren Bezug zum Gebäude auf. Um den individuellen Charakter eines Bauernhauses zu erhalten und damit auch dem wichtigen Aspekt der „grauen Energie“ Rechnung zu tragen, ist aber laut Ansicht des architekturforum allgäu bei der Planung immer die Begleitung eines sensiblen Architekten zu empfehlen. Wolfgang Bauer gab zu verstehen, dass bei Bauernhofausbauten drei Wohnungen (deren Größe nicht festgelegt sei) im ehemaligen Stallteil die Obergrenze darstellen, was zusammen mit zwei Wohnungen im ehemaligen Wohnteil fünf Wohneinheiten als Höchstmaß bei einer reinen Wohnnutzung ergebe. Das Zulassen einer höheren Ausnutzung würde der Spekulation von Investoren Vorschub leisten. Daneben sind selbstverständlich z. B. Kleingewerbe, sofern sie keine übermäßigen Erweiterungsflächen benötigen, oder eine touristische Nutzung genehmigungsfähig, wobei – wie Konrad Knoll anmerkte – unbedingt das Zufahrts- /Stellplatzthema im Auge behalten werden sollte.

Nach Ende der Gesprächsrunde räumte Landrat Anton Klotz in seinem Grußwort zur anschließenden Ausstellungseröffnung des „Baukulturgemeinde-Preis Allgäu“ ein, dass es bauliche Fehlentwicklungen gebe und man sich in Zukunft sorgsam und mit hohem Einfühlungsvermögen um unsere bauliche Umwelt kümmern müsse, worauf er seine Landkreisgemeinden verstärkt hinweisen wolle. Auch hinsichtlich Fördermöglichkeiten für „Nicht mehr gebrauchte Bauernhöfe“ soll sich im Landratsamt gekümmert werden. Mit dem Ansatz Disversifizierung (Belegung mit zusätzlichen Funktionen wie Ferienwohnungen) seien alte Hofstellen im südlichen Landkreis seiner Ansicht nach leichter in den Griff zu bekommen als im Norden.

In seinem Festvortrag zur „Kultur der Ortsmitten“ stelle Prof. Dr. Karl Ganser aus Breitenthal/Krumbach fest, dass es in der Bevölkerung kein Bewusstsein mehr gebe für historisch gewachsene Strukturen und dass es einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung bedürfe, wieder die Erkenntnis zu verankern, dass jeder Gemeindebewohner Teil der baulichen Gesamtfigur seines Dorfes ist. Am Beispiel der Unterallgäuer Straßendörfer erläuterte er sein wünschenswertes Modell der frühen Einbindung aller Hauseigentümer. In diesem Zusammenhang merkte er an, dass es ihm lieber sei, wenn alte Hofstellen ein paar Jahre leer stünden, statt dass sie sofort abgerissen oder kaputt saniert würden.

Der Unterallgäuer Preisträger – Bürgermeister Karl Fleschhut eröffnete schließlich die Ausstellung, die von Sulzberger Landfrauen mit Kaffee und Kuchen versorgt und von den „Feierabend-Musikanten“ der Kapelle Sulzberg musikalisch umrahmt wurde. Übrigens: Der „Nicht mehr gebrauchte Bauernhof der Familie Hörmann ist seit wenigen Tagen als „Studentenhof“ umfunktioniert: Zehn StudentInnen in einer Wohngemeinschaft beleben das alte Gebäude entsprechend und zeigen damit eine weitere Nutzungsmöglichkeit auf. fs

Meistgelesene Artikel

Nach Herzenslust einkaufen

Kempten – Mit der „Langen Einkaufsnacht“ läutet das City-Management Kempten traditionell die romantische Vorweihnachtszeit ein. Jedes Jahr strömen am …
Nach Herzenslust einkaufen

Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

Dietmannsried/Probstried – Ende November finden traditionell in allen fünf Teilgemeinden der Marktgemeinde Dietmannsried (Dietmannsried, Probstried, …
Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

Rauschgiftverfahren: große Durchsuchungsaktion

Kempten - Im Zuge eines seit Monaten andauernden Rauschgiftermittlungsverfahrens wurden am gestrigen Mittwoch zeitgleich mehrere Wohnungen in …
Rauschgiftverfahren: große Durchsuchungsaktion

Kommentare