"Außergewöhnlich"

Im zweiten Anlauf nun hat es mit dem Empfang des erfolgreichen Skirennläufers Gerd Gradwohl im Rathaus geklappt: Mit einer kleinen Feier in der Schrannenhalle würdigte OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) vergangene Woche die Leistungen des „außergewöhnlichen Sportlers und Menschen“, der sich als „echter Botschafter unserer Stadt und des Behindertensports erwiesen“ habe.

Neben guten Platzierungen bei Welt- und Europacuprennen sei „unser zweimaliger Sportler des Jahres“ durch Abfahrtsgold und Bronze im Slalom bei den Paralympics 2006 in Turin sowie dem Abfahrts-Weltmeistertitel 2009 in Südkorea „so richtig in den Focus der Weltöffentlichkeit“ geraten. Das Ziel des 50-Jährigen, zum Abschluss der Karriere bei den Paralympics in Kanada nochmals eine Medaille zu erringen, habe er mit dem „dritten Platz in der Abfahrt für Sehbehinderte“ erreicht. Und das trotz eines Unterschenkelbruchs im Herbst, wie Netzer beeindruckt hervorhob. Großen Respekt zollte er dem beruflichen Völkerkundler und Afrikanist, der „mit Mut und Optimismus an alle Herausforderungen“ sowohl bei Skirennen im Sport als auch im Alltag bei der Umschulung zum Physiotherapeut herangegangen sei. Gradwohl, dessen Leben 1996 eine genetisch bedingte Augenkrankheit veränderte, habe „niemals aufgegeben“ und sich „durch Rückschläge nie entmutigen lassen“. Neben den Mitgliedern des Sportausschusses erwiesen dem erfolgreichen Sportler auch die Präsidien von TVK, Stadtverband der Sportvereine und BLSV die Ehre. Köhler gratuliert Glückwünsche vom Ex-Bundespräsidenten hat Gradwohl bereits bekommen. Drei Tage nach dem Rathausempfang stand ein „Besuch bei Merkel im Bundeskanzleramt“ in Gradwohls Terminkalender und am 17. Juli die Verleihung des „Bayerischen Sportpreises“, die zwei Tage später im BR übertragen werde, wie er gegenüber dem KREISBOTEN erzählte. Die Paralympics 2010 „waren die erfolgreichsten für Deutschland und haben uns viel Publicity gebracht“, sah der bereits zum zweiten Mal mit dem silbernen Lorbeerblatt – der in Deutschland höchsten Auszeichnung für sportliche Leistungen – dekorierte Skiläufer als wichtige Entwicklung. „Behindertensportler werden jetzt viel mehr auf Augenhöhe mit normalen Sportlern gebracht.“ Er selbst hätte zum Abschluss gern mehr Medaillen abgeräumt, gestand er. Aber dem rekonvaleszenten Bein habe er nicht alle Rennen zumuten können, die er gern gefahren wäre. Dennoch betrachtete er es als „medizinische Sensation“, acht Monate nach einem Unterschenkelhalsbruch an den Wettkämpfen überhaupt teilgenommen zu haben. Allerdings, vor dem Sturz im letzten Herbst „war ich so fit wie nie, da hätte ich garantiert Gold geholt“, ist er sich sicher. Anforderungen steigen Mit Blick auf 2018 sei eine Professionalisierung des Behindertensports unumgänglich. Das Niveau der „Paralympics hat seit Turin angezogen“ und mache es deshalb schwierig, Training und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Im Behindertenlager herrsche „der gleiche Druck“ wie im normalen Sport, und auch wenn Deutschland noch weit davon entfernt sei, hätten sich russische Goldmedaillengewinner über eine Prämie in Höhe von 100000 US Dollar freuen können. Dass er mit dem Rückzug aus dem Wettkampfsport die Hände sportlich gesehen in den Schoss legt, ist kaum zu erwarten. Derzeit ist er auf Sponsorensuche für ein „Projekt im Breitensport für Blinde und Sehbehinderte“, das er nach Vorbildern im Ausland auf die Beine stellen will. Ob diesmal auch Geldgeber im Allgäu „anspringen“, sah er eher mit Skepsis. In der Region angefragt habe er noch nicht, gab er zu, denn „im Allgäu hatte ich noch nie Sponsoren“, zog er in diesem Punkt eine enttäuschte Bilanz.

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