Jean Noël Schramms anderer Blick auf die internationale Künstlerprominenz

Besondere Portraitaufnahmen

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Zu jedem Portrait gehört eine Geschichte. Viele davon erzählte der Fotograf Jean Noël Schramm in seiner Ausstellung „Portraits d‘artiste - Die Künstlerportraits“.

Kempten – Es hätte eigentlich die erste Kinderführung im Leben des Künstlers und Fotografen Jean Noël ­Schramm werden sollen, die vergangenen Samstag in dessen Ausstellung „Portraits d’artiste – Die Künstlerportraits“ im Allgäu Museum angesetzt war.

Nicht dass es generell an Interessenten gemangelt hätte. Aber am letzten Wochenende der Faschingsferien stand bei den Kemptener Kindern vermutlich Anderes auf dem Programm. Schramm nahm es mit Humor und offerierte rund zehn Erwachsenen, die sich dafür umso mehr für seine ungewöhnlichen Portraitaufnahmen von Künstlern aus aller Welt interessierten, einen fast schon intimen Rundgang. Seit rund 20 Jahren fotografiert der gebürtige Hohenschwangauer Künstler (unter anderem Studium in München, Meisterschüler von Eduardo Paolozzi sowie Studium der Architektur in Düsseldorf und Paris) weltweit prominente Schauspieler, Musiker, Filmemacher, Architekten, Philosophen.... und unterhielt die Besucherschar mit allerlei Jugend- und Lebens- erinnerungen, interessanten Entstehungsgeschichten und Anekdoten rund um die einzelnen Schwarz-Weiß-Portraits. Unter anderem, dass er sich am Anfang als Fotograf für „Die Zeit“ oder „Le Monde“ ausgegeben habe, um Zugang zu den Promis zu bekommen – was später immerhin wahr geworden sei. Ach ja: Schwarz-weiß deshalb, weil „da ist nicht alles so aufgelöst“, so eindeutig wie bei Farbaufnahmen.

Portraits, um die sich ­Geschichten ranken 

Eine richtige Kette von Geschichten rankte er um das Doppelportrait, das auch den Ausstellungs-Flyer ziert: Der Schweizer Tennisspieler Roger Federer mit der 1923 geborenen griechischen Bildhauerin Natalia Mela-Constandinidi, selbst in jungen Jahren eine hervorragende Tennisspielerin und großer Fan von Federer. Dazu sei gesagt, dass Schramm seit einem Jahrzehnt neben seinem Wohnsitz Bremen auch in Athen lebt und arbeitet und ihm dort bei einer Veranstaltung Natalia Mela in ihrer eleganten Aufmachung ins Auge gestochen war. Um es kurz zu machen: er erfüllte ihr einen Herzenswunsch und nahm sie mit nach Roland Garros in Paris, wo er Federer die Zusage für ein gemeinsames Foto mit der Künstlerin im Falles seines Sieges abrang. Das Ergebnis ist nun in Kempten zu sehen. Und rechts daneben geht die Geschichte gleich noch weiter: dort blickt man in die weichen Gesichtszüge des französischen Sängers, Komponisten und Lyrikers Goerge Moustaki, über denen die Schläuche seines mobilen Beatmungsgerätes zur Nase führen. Ein Bild weiter: Moustaki mit Natalia Mela die, so Schramm, die Gelegenheit genutzt habe, gleich noch ihren einstigen „Jugendfreund“ in Paris zu besuchen. Selbst bereits mit Rollator unterwegs, habe sich die alte Dame dafür „auf allen Vieren“ in den vierten Stock zu Moustakis Wohnung gekämpft.

Nicht von ihrer ­"Schokoladenseite" 

Vielleicht ist eine Besonderheit der Portraits, dass man hinter jeder einzelnen Aufnahme eine spürbare aber verborgen bleibende Geschichte wittert. Eine weitere Besonderheit, die Thomas Elsen, Leiter der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, am Vorabend bei der Ausstellungseröffnung herausstrich, ist, dass die Fotografien nicht so seien, wie die Prominenten sich selbst gern sehen würden und sie „nicht von ihrer Schokoladenseite“ zeigten. Und dennoch haben sie alle ihr Einverständnis für eine Veröffentlichung gegeben, denn Schramm legt den Porträtierten die Ergebnisse immer vor, was laut Elsen zu einer weiteren Ebene führt, unter anderem zu sehen bei den Aufnahmen von dem chinesischen „enfant terrible“ Ai Weiwei. Wie eine Reihe andere Porträtierte auch hat er den Bildern Widmungen, Grüße und Übermalungen zugefügt. Ein wichtiges Moment in vielen der Portraitaufnahmen sind Schramms Kinder Paloma, Lionel und Magnus – zwei studieren inzwischen ebenfalls Kunst – die den Portraits oftmals eine intimere Stimmung und spontane Zufälligkeit geben.

Die Exponate reihen sich wie ein „who is who“ der internationalen Kunstwelt aneinander: „Für Jean Noël zu Weihnachten 2004“ hat Heinz Berggruen, einer der bedeutendsten Kunstsammler des 20. Jahrhunderts, unter sein Portrait geschrieben; der als der teuerste lebende Künstler der Welt geltende Jeff Koons grinst neben einer seiner markanten Metallfiguren hervor, in deren Korpus sich Fotograf und Atelier spiegeln. Lionel ist auf der anderen Seite der Figur mit geschlossenen Augen zu sehen; der renommierte Fotograf Helmut Newton „wollte für die Unterschrift auf dem Foto zehn D-Mark haben“, erzählt Schramm vor dessen Portrait lachend, am Ende aber nicht darauf bestanden; mit gemischten Gefühlen wegen deren Nazi-Vergangenheit steht Schramm vor dem Bildnis von Leni Riefenstahl, die trotz allem „mit Sicherheit eine Künstlerin“ mit Vorreiterrolle gewesen sei. Und dann sind da noch die „absolut geniale“ Architektin Zaha Hadid, die „schon etwas verrückte“ Künstlerin Louise Bourgoise, die „scheue“ Yoko Ono – sie musste Schramm mit einem Schnappschuss in New Yorks Straße erhaschen, ohne persönlichen Kontakt – und so viele andere mehr.

Wie gut, dass der erzählfreudige Jean Noël Schramm noch ein paar Wochen in der Gegend bleiben möchte und es voraussichtlich einen neuen Versuch für eine Kinderführung geben wird. Als Tipp gegen Langeweile hätte er den jungen Besuchern am Samstag mitgegeben: „Fotografiert Eure Stadt“, Türen, Treppen oder auch jeden Tag den gleichen Mülleimer mit offenem Deckel oder „zeichnet, malt, werdet künstlerisch“.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 28. März 2016 im Allgäu Museum im Kemptener Kornhaus, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 16 Uhr. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog des Deutschen Kunstverlags erhältlich.

Christine Tröger

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