Kunst am Tischkicker

Fußball und Kunst unter einem Hut

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Einen explosiven Tischkicker hat Wolfgang Steinmeyer für „KickArt” entworfen.

Kempten – Wie bringt man Fußball und Kunst zusammen? Nicht gerade die Kombination, die Fans des runden Leders oder Kunstliebhaber zusammenbringen würden.

Das Kemptener Kulturamt hat es getan und in der Kemptener Künstlerin Barbara Wolfart eine künstlerische Leiterin für das Projekt gefunden, die die Herausforderung angenommen und mit zusammen mit elf Künstlerkollegen genial umgesetzt hat. Vergangenen Freitag lockte „KickArt“ zahlreiche Kick- und Kunstinteressierte zur Vernissage in die Kemptener Kunsthalle.

Entsprechend der Anzahl an Spielern einer Fußballmannschaft, überraschten elf Variationen künstlerisch modifizier- ten Tischfußballs. „Was für ein Thema, was für eine Idee“, bekannte OB Thomas Kiechle erstaunt gewesen zu sein, „wie sich das Thema umsetzen lässt.“ So unterschiedlich die puristisch bis üppigen Werke ausfallen, so unterschiedlich sind auch die dahintersteckenden Assoziationen der Künstler. In seinem Kickertisch-Objekt „Gesellschaft im Wahn“ beziehungsweise „no risk – no fun“ lässt Wolfgang Steinmeyer Spieler argwöhnisch von außen über die Brüstung aufs Spielfeld blicken. Die Spieler auf dem Feld sind hier nämlich Dynamitstangen, die es statt mit Bällen auf dem Feld, mit brennenden Teelichtern zu tun haben. Auch an einen Erste-Hilfe-Koffer hat der Künstler gedacht, zumal ein verletzter Spieler schon mit rußgeschwärztem Gesicht im Tor liegt.

„alternative Zielübung“ heißt die Gemeinschaftsarbeit von Kornelia Kesel und Brigitte Guggenmos. Ihre über dem mit offenen Blechdosen übersäten Feld baumelnden Spieler haben sie mit langen, dürren Drahtarmen und –beinen versehen. Einen visionären Blick wagt Bernd Henkel mit seinem Werk „Der offizielle Qatar 2022 WM-Fußball Simulator”, für den er einen Tischkicker in Orientteppiche gehüllt und mit Baldachin versehen hat. „Testen Sie die realen Bedingungen eines grossartigen Sportereignisses” fordert ein Schild zum Beispiel die Simulation der örtlichen Spielfeldtemperaturen „bis zu angenehmen 50 Grad Celsius. Schmunzeln macht der Hinweis auf die „speziellen, luftigen Mannschafts-Trikots”, die die Spieler in Form von Beduinen-Kluft umwallen. In Sabine Kinders Objekt „Die Angst des Torwarts vor der Kunst“ sieht sich der Torwart den Spielern gleich beider Mannschaften von Angesicht zu Angesicht gegenüber, alle im Einheitslook. Alle gegen einen? Obwohl fest an den Kickerstangen verankert ist jeder Spieler per Draht auch an ein über dem Spielfeld schwebendes Netz fixiert.

Ausladend ist Antonia Zeccas „Spielaufbau“, in dem sich die Einzelteile aus der Kickertisch-Packung auf dem Boden der Kunsthalle zu einem etwas anderen Spielfeld sortieren. Die Spieler an ihren Stangen sind in der Mitte des grünen Rasens wie das Innenleben eines Tipi-Zeltes aufgestellt – oder besser: wie die erhobenen Degen der drei Musketiere bei „Einer für Alle, Alle für Einen.“ An der Wand hängen Skizzen von elf Spielern in unterschiedlichen Situationen. Eine originelle mediale Übertragung eines Tischkicker-Spiels lässt Reiner Schlecker in seiner „Blackbox“ mit Fragmenten von Original-Fußballübertragungen kommentieren. „Endlich mal in Ruhe Fußball kucken“ steht über dem winzigen Loch, durch das der Blick auf das Spiel fokussiert. In fünf gläsernen Wand-Schaukästen lässt Peter Wörner seine Kicker „Szenen eines Spiels“ ästhetisch darstellen. Als „Wettstreit der Eitelkeiten“ oder „David v. Florenz: Venus v. Milo“ hat Barbara Wolfart ihr Tischkicker-Objekt angerichtet. Die historischen Figuren der Kunstgeschichte geben sich natürlich nicht mit harten Fußbällen ab, sondern erwarten in eitler Pose die zarten Seifenblasen, die ihnen das Publikum aus „Seifenblasenpistolen“ zuschießen kann.

Sozusagen als Extra-Bonbon wird die Ausstellung durch an die Wand geworfene Bilder der WM-Geschichte von 1954 bereichert. Links Original-Filmmaterial, rechts der lokale Bezug mit Fotos, die entstanden, als der WM-Zug mit der deutschen Siegermannschaft hier in Kempten einen Zwischenstopp einlegte. Dass Fußball mehr ist als ein runder Ball, zwei konkurrierende Mannschaften und eine Schar mitfiebernder Fans, verdeutlichte Dr. Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie in Irsee und ausgewiesener Experte im Bereich Fußball-Kultur, vor dem „Anstoß“ zur Ausstellungsbesichtigung.

Zu sehen ist „KickArt“, in der auch zum aktiven Match am unmodifizierten Kickertisch eingeladen wird, bis 29. Juni in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr.

Christine Tröger

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