"Sonderfahrt" zum Nachdenken und schärferen Wahrnehmen

Frischer Wind in der Kunsthalle

+
Die beiden Künstler Guido Weggenmann (li.) und Reto Steiner (re.) mit „Pauline“.

Kempten – Auf ihre Art eigenwillig sind sie beide, der Kemptener Holz- und Steinbildhauer Guido Weggenmann wie der Steinbildhauer Reto Steiner aus Frutiger im schweizerischen Kanton Bern. Beide haben sich vor einigen Jahren auf einem Bildhauerkurs in der Schweiz kennen gelernt. Bis 24. September zeigen die vielversprechenden Nachwuchskünstler in der Kooperationsausstellung „Sonderfahrt“ Skulpturen und Objekte. Es ist die zweite Ausstellung der insgesamt drei Kunsthallen-Stipendien in diesem Jahr.

Mit den beiden Vertretern einer jüngeren Künstlergeneration – Weggenmann ist Jahrgang 1980 und wurde eben erst mit dem Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung im Rahmen der Festwochenkunstausstellung ausgezeichnet, Steiner ist Jahrgang 1978 – weht ein frischer Wind durch die Kemptener Kunsthalle.

Gemäßigteren Zeitgenossen mag vor allem Weggenmann wie ein „enfant terrible“ erscheinen, der auch in der aktuellen Ausstellung einmal mehr mit dem Finger in die Wunde, oder besser mehreren Fingern in Wunden sticht. Fast ist man versucht Wolfgang Ambroß’ Einstieg zu seinem Kultmusical „Der Watzmann“ zu bemühen: „groß und mächtig, schicksalsträchtig...“, auch wenn es sich hier nicht um einen Berg handelt, der im Zentrum der Kunsthalle raumgreifend emporragt. „Maisbrunnen“ heißt das Wunderwerk, das am Vernissage-Abend unter kräftigem Getöse Maiskörner spuckte. Fragt man Weggenmann nach der Intention dahinter, gerät sein Blut regelrecht in Wallung. „Der Brunnen steht für mich für eine fragwürdige Haltung.“ Es sei „pseudonachhaltig“, wenn sich Landwirte in der fünften Generation aus wirtschaftlichen Gründen für den Maisanbau entscheiden müssten. Entstanden ist der „Maibrunnen“ aus einer modifizierten Anlage für Futterpellets in Ställen. Dann ist da „UWE“, ein gigantischer Kopf aus Stahl, Kunststoff und Pappe, der mit einem Getriebemotor zum lautstarken Ja-Sager wird. Anders „Pauline“, die in der anderen Ecke des Raumes qietschend den Kopf hin und her bewegt. Was so harmlos klingt ist der Kopf eines Schweines – ursprünglich ein echter, den Weggemann abgegossen hat. Mit „Pauline“ will der bekennende Vegetarier darauf hinweisen, dass Schweine ein Gesicht haben und nicht nur Gulasch oder abgepackte viereckige Stücke sind. Dass der Motor beim Kopfschütteln quiekt (?) hat zwei Gründe: einmal „will ich nicht perfekt bauen“ und „ich will, dass er mit Dir kommuniziert“. Ein Merkmal in Weggenmanns Arbeiten ist das häufig auftauchende knallige Orange, das für ihn etwas Heilsames hat. Es soll die Arbeit „nicht hervorheben“, wie er sagt, sondern zum Einsatz komme „weil es das Teil braucht“. Drei aus Kunststoff, Wachs und Holz gefertigte „Orange Mountain“ leuchten an der Wand gegenüber dem Eingang und ragen aus ihren Rahmen in den Raum hinein. „Herauswachsen ist mein Thema“, meint er.

Das einzige Gemeinschaftswerk von Weggenmann und Steiner dürfte recht spontan entstanden sein und lässt einen schmunzeln, wenn man weiß weshalb. Es nennt sich „Grundausrüstung“ – lose herabbaumelnde Drahtseile mit Halterungen, wie sie für die Hängung von Kunstwerken gerne verwendet werden und übt „Kritik an diesem Raum“, wie Weggenmann anmerkt. Der Raum der Kunsthalle sei nämlich eigentlich „megageil“, aber „man darf nichts“, beispielsweise auch keinen Nagel in die Wand schlagen, um etwas zu befestigen. Davor stehen bizarre Arbeiten Steiners, Karikaturen oder Parodien auf die Natur, präsentiert wie ein Ateliertisch zum Anschauen. Unter anderem zwei Polyurethan-„Bonsai“, die er „Johanna“ und „Manuela“ getauft hat – unten Bonsai, oben Holzstücke, zu einem ganzen verschmolzen. Was sieht aus wie Natur, was ist noch Natur, was echt, was verfälscht? „Block“ heißen zwei andere Werke, in denen Steiner Gips-Abformungen unterschiedlicher Steine jeweils zu einem ganz neuen Stein zusammengesetzt hat und dadurch „die Grundstruktur vom Stein weggenommen“ habe. Auch Maschinenabfälle werden in Beziehung zur Natur gesetzt.

Zu sehen ist die Ausstellung „Sonderfahrt“ noch bis 24. September 2016, Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag von 14 bis 20 Uhr in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5.

Christine Tröger

Meistgelesene Artikel

Nach Herzenslust einkaufen

Kempten – Mit der „Langen Einkaufsnacht“ läutet das City-Management Kempten traditionell die romantische Vorweihnachtszeit ein. Jedes Jahr strömen am …
Nach Herzenslust einkaufen

Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

Dietmannsried/Probstried – Ende November finden traditionell in allen fünf Teilgemeinden der Marktgemeinde Dietmannsried (Dietmannsried, Probstried, …
Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

"Kaviar und Hasenbraten"

Isny/Rohrdorf – Diesmal haben sich die „Theaterleute“ vom Theaterverein Rohrdorf ein Stück von Regina Rösch ausgesucht und „Kaviar und Hasenbraten“, …
"Kaviar und Hasenbraten"

Kommentare