Prozess am Landgericht Kempten

Schuldfähig oder nicht?

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Am Landgericht Kempten wird derzeit der „Axt-Mord“ verhandelt.

Kempten – Was bringt einen zur Tatzeit 26-Jährigen dazu seinen Mitbewohner wie im Blutrausch mit Hilfe von Beil und einem kurz zuvor erworbenen Einhandmesser zu töten, sich anschließend zu säubern und nach einem längeren Fußmarsch bis in eine mehrere Kilometer entfernte Nachbargemeinde dort in den Bus zu steigen, nach Kempten zurückzukehren und im Einkaufszentrum Forum Allgäu mit dem Messer wahllos auf mehrere Passanten einzustechen?

So geschehen am 28. Dezember 2015. Vergangenen Dienstag nun wurde dem heute 27-Jährigen in einer ersten Runde der Prozess gemacht. Geständig war er schon bei seiner Festnahme gewesen, so dass es vor allem um eines ging: ist der Mann, der schon länger wegen seiner psychischen Erkrankung unter Betreuung stand, schuldfähig oder nicht? Auch stand die Frage im Raum, ob die mehrfachen Warnhinweise im Vorfeld die Taten hätten verhindern müssen – eine Frage, die es vermutlich in einem gesonderten Verfahren noch zu klären geben wird. „Es tut mir leid“, auch wenn er es nicht wieder gut machen könne, entschuldigte sich der Angeklagte bei jedem der Opfer – drei junge türkische Männer und ein Flüchtling, die zum Teil schwer verletzt an Körper und Seele wurden – seiner Messerattacken im Forum sowie der Witwe und Tochter des ermordeten Mitbewohners persönlich. Laut Aussage des Forensikers seien die beiden Gewalttaten zu unterschieden. Die Tötung des Mitbewohners sei eine „Impulstat“ gewesen. Am Anfang waren es die vermeintlich vom Mitbewohner gestohlenen Scheiben Toastbrot, die bei Überprüfung im verschlossenen Zimmer des Angeklagten gefunden worden waren. Am Ende war es eine Warnmeldung die beim Öffnen seines PCs aufgeblinkt hatte und die Bluttat wohl wie im Affekt ausgelöst hatte. Das habe sich „alles psychotisch zusammengesetzt“, ohne vorher erkennbar gewesen zu sein. Bei der schizophren gesteuerten Tat im Forum habe der Angeklagte möglicherweise vor Augen gehabt, dass er wegen der Tötung nie wieder frei gelassen würde und beschlossen, sich bei einer neuen Tat von der Polizei erschießen zu lassen. Seine „Einsichtsfähigkeit war in relevantem Maße beeinträchtigt“, dabei die Steuerungsfähigkeit „in vollem Umfang gegeben“.

Dem Beschuldigten war, wie aus dem Gutachten hervorging, schon früher eine „paranoide Schizophrenie“ bescheinigt worden, nachdem er „zeitweise exzessiv“ Drogen und Alkohol konsumiert und wegen mehreren Körperverletzungsdelikten Probleme bekommen hatte. Die Folge: eine dreijährige „Unterbringung“. Bis August 2015 sei er noch in „forensischer Nachsorge“ gewesen und von da an als „zuverlässig“ vor allem bezüglich der Einnahme seiner Psychopharmaka eingestuft worden. In unregelmäßigen Abständen sei der Medikamentenspiegel im Blut kontrolliert worden und auch der Urin auf Drogen, mit immer guten Ergebnissen. Eine Verschlechterung sei aber im Oktober letzten Jahres festgestellt worden, als er einen Termin versäumt, sich aber „adäquat“ verhalten und auch ein Hausbesuch bei ihm nichts Auffälliges ergeben habe. Am 13. November 2015 habe er dann selbst über einen verminderten Antrieb geklagt – retrospektiv der Zeitpunkt, „wo das Ganze gekippt war“. Am 2. Dezember 2015 dann ein Vorfall mit „impulsivem Auftreten“ des Angeklagten, von dem seine Betreuerin berichtete. Sie hatte daraufhin den von ihr gehegten Verdacht auf unregelmäßige Einnahme der Psychopharmaka dessen Bewährungshelfer gemeldet. Der Angeklagte hatte beim Besuch in der Einrichtung einen Staubsauger zerbrochen und beim Weihnachtsbacken eine „Riesensauerei“ veranstaltet.

„Reaktive Aggressivität“ bescheinigt das Gutachten des zuständigen Forensikers dem Angeklagten als psychische Auffälligkeit, mit der er „aus dem Rahmen fällt“. Es attestiert ihm eine „paranoide Schizophrenie“ mit Gebrauch künstlicher Cannabis-Produkte – diese seien im Urin nicht nachweisbar –, wie „Spice“ oder die halogene Substanz PCP, durch die es zu „Wechselwirkungen“ mit den Psychopharmaka komme. Seitens des Gutachtens wird der Angeklagte als „nicht schuldfähig“ eingestuft bei einer „hohen Wahrscheinlichkeit“ für ähnliche Delikte in der Zukunft. Empfohlen wird eine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 27. September, ab 9 Uhr fortgesetzt.

Christine Tröger

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