Wie barrierefrei ist die Kemptener Altstadt?

Die Arbeit geht nicht aus

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Der Fußgängerüberweg vor der Stadtverwaltung in der Kronenstraße bietet ein ganzes Bündel an vorbildlichen Maßnahmen.

Kempten – Wie ist es, als Mensch mit Behinderung in der Altstadt zu leben? Wo wurden die speziellen Bedürfnisse von behinderten Mitmenschen berücksichtigt? Wo besteht noch Nachbesserungsbedarf? Bei der von den Altstadtfreunden initiierten Altstadtbegehung ging es darum, den Blick der Teilnehmer auf die Frage zu richten: „Wie behinderten- und seniorengrecht ist Kemptens Altstadt?“

Um dies am eigenen Leib zu erfahren, setzt sich Dietmar Markmiller, der 1. Vorsitzender der Altstadtfreunde, für die Dauer des Rundgangs selbst in einen Rollstuhl. Und zwar in das von den Krankenkassen bezahlte Modell mit reinem Handantrieb. Die erste Hürde bietet sich ihm bereits bei dem Versuch, ins Rathaus zu gelangen – die schwere Tür zu öffnen, diese offen zu halten und gleichzeitig rückwärts über die Schwelle zu balancieren erweist sich als schwierig. Hier täte ein automatischer Türöffner gute Dienste. Nächstes Hindernis: Kronenstraße. Falschparker blockieren nicht nur die Bushaltestelle an der Stirnseite des Rathauses komplett, sondern versperren auch den Gehweg. Ein Bild, das sich leider auch anderen Stellen immer wieder bietet. Rollstuhlfahrer sind somit gezwungen, sich eine Lücke zwischen zwei Fahrzeugen zu suchen um auf die Straße auszuweichen. Auch achtlos in den Weg gestellte Mülltonnen oder Blumenkübel auf den ohnehin schon engen Gehweg bereiten Gehbehinderten immer wieder unnötige Probleme. 

Auf dem Rathausplatz moniert Markmiller, wie schwer befahrbar das weit verbreitete so genannte „gebrochene Pflaster“ sei. Ganz anders das „geschnittene Pflaster“, das auf den Rollstuhlbahnen entlang des Rathausplatzes verlegt wurde. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. In Zukunft bitte nur noch geschnittenes Pflaster verwenden!“, so sein Kommentar. Letzteres sei auch wesentlich angenehmer für Schlaganfallpatienten, erklärt die Vorsitzende des Behindertenbeirats, Michaela Rathmacher, die selbst im Rollstuhl sitzt. „Denn Menschen mit neurologischen Problemen spüren jeden kleinsten Holperer als Schlag bis ins Gehirn.“ Vor der Stadtverwaltung dann eine Ballung von Positivbeispielen: Der Belag ist gut befahrbar, das Gebäude barrierefrei erreichbar und die Ampelanlage vorbildlich – mit Signalanforderungstasten, mit weißen, unterschiedlich strukturierten Orientierungsfeldern für Sehbehinderte auf dem Boden und einer Leiteinrichtung mit Kante, die das Ertasten des Bordsteins mit dem Blindenstock ermöglicht. Gehbehinderte tun sich hier durch die Absenkung der Bordsteinkanten leicht. „Alles ab 6 cm Höhe ist für mich der Mount Everest und birgt extreme Sturzgefahr“, erläutert Michaela Rathmacher eine für sie alltägliche Erschwernis. Die Kosten für einen derartigen Überweg liegen laut Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann bei ca. 5.000 Euro. „An der dreiastigen Kreuzung Füssener Straße/Burgstraße schlug diese Maßnahme mit 15.000 Euro zu Buche.“ Ebenfalls mit hohem finanziellem Aufwand werden seit 2006 auch die Bushaltestellen der Altstadt barrierefrei gestaltet.

Zu den zahlreichen Problemen, mit denen gehandicapte Menschen tagtäglich konfrontiert sind, die den meisten Nichtbehinderten aber vermutlich nie bewusst werden, gehört auch die Frage, wie man als Rollstuhlfahrer bitteschön von der Altstadt in die Oberstadt gelangt. „Hier unten leben recht viele Gehbehinderte, etwa im Wilhelm-Löhe-Haus, in der Seniorenbetreuung Altstadt oder im Integrierten Wohnen“, weiß Michaela Rathmacher. Ihnen kommt die Topographie der Stadt erschwerend in die Quere. Denn der steile Freudenberg ist für Handrollstuhlfahrer ein schier unüberwindbares Hindernis. Elektrisch betriebene Gefährte meistern den Buckel zwar, allerdings auf Kosten der Batterieleistung. „Eine relativ gut machbare Zufahrt ist nur über die Gerberstraße möglich“, so der Behindertenbeauftragte der Stadt, Lothar Köster. Er lobt das bisher Erreichte sowie die Tatsache, dass die Bauverwaltung mittlerweile „automatisch“ bei Projekten auch auf die Barrierefreiheit achte. Oberbürgermeister Thomas Kiechle betont, Barrierefreiheit gehe weit über den baulichen Bereich hinaus. „Es geht um Teilhabe an allen Prozessen und auch um die Überwindung von Barrieren in den Köpfen.“ Er versichert: „Wir geben uns redlich Mühe!“. Lob gibt es auch von Michaela Rathmacher. „Alle Beteiligten pflegen eine gute Verbindung mit kurzen Wegen. In den letzten Jahren wurde unheimlich viel getan. Aber die Arbeit wird sicher in den nächsten Jahren nicht ausgehen. Es gibt noch immer viel zu tun.“

Sabine Stodal

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