Barrieren überall abbauen

Durch die Aktion in St.-Mang lernen Jugendliche mit und ohne Behinderung einander besser kennen und verstehen. Foto: Kampfrath

Einige Jugendliche in St. Mang können sich nun besser in Menschen mit Behinderung einfühlen. Im Rollstuhl oder mit einer präparierten Taucherbrille, die ihnen vollständig die Sicht nahm, erkundeten sie die Barrierefreiheit des Stadtteils. 56 junge Menschen mit und ohne Behinderung nahmen an dem Projekt „Barriere(los) geht’s“ des Stadtjugendrings Kempten teil. Am Montagabend präsentierten die Initiatoren die Ergebnisse im Jugendzentrum St. Mang.

Fünf der Jugendlichen berichteten über ihre Erfahrungen. „Am Anfang hatte ich Angst und fühlte mich überfordert. Mit der Zeit traute ich mir immer mehr zu“, sagte etwa die im Rollstuhl sitzende Iris. Ralf zeigte sich beeindruckt von der Lebensfreude, die Menschen trotz Behinderung haben. „Man darf sich nicht scheuen, im Lebensmittelladen um Hilfe zu bitten, wenn man an die Sachen im oberen Regal nicht heranreicht“, erklärte der gehbehinderte Stefan. Das Projekt startete im Januar dieses Jahres, nachdem die „Aktion Mensch“ die finanzielle Förderung übernommen hatte. Zielgruppe waren Jugendliche im Alter von 12 bis 21 Jahren aus dem Stadtteil St.-Mang. Der Stadtjugendring (SJR) ging hinsichtlich des Themas Inklusion mit gutem Beispiel voran und hatte für die Abschlussveranstaltung eine Gebärdendolmetscherin organisiert. „Sie alle haben ihre ganz eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und Fähigkeiten. Ein solch wertfreier Blick auf die Jugendlichen trifft den Kern von Inklusion“, meinte Stefan Keppeler, Vorsitzender des SJR Kempten. Die beiden Prinzipien der offenen Jugendarbeit – Offenheit und Freiwilligkeit – seien die idealen Voraussetzungen für die Aktion gewesen. Neue Sichtweisen Während der Touren mit den Rollstühlen durch St.-Mang hätten die Heranwachsenden neue Sichtweisen auf den eigenen Stadtteil gewinnen können. „Die Jugendlichen ohne Behinderung haben gelernt, dass junge Menschen mit Behinderung in manchen Lebenslagen mehr Unterstützung brauchen als sie selbst. Sie haben aber gleichermaßen die Erfahrung gemacht, dass die Gruppenteilnehmer mit Behinderung zu vielen Dingen genauso fähig oder sogar fähiger sind als sie selbst“, so Keppe-ler. Nicht nur die baulichen, sondern auch die Barrieren in den Köpfen müssten abgebaut werden. Michaela Hampl, mobile Jugendarbeiterin in St. Mang, und die pädagogische Mitarbeiterin Vanessa Frontzeck sprachen über den Verlauf von „Barriere(los) geht’s“. „Die Jugendlichen nahmen kontinuierlich an der Planung des Projekts teil.“ Die konkrete Umsetzung sei von Mai bis Ende Juni erfolgt. Zwei Mal pro Woche hätten sich die Jugendlichen auf den Weg gemacht, um Straßen, öffentliche Gebäude und Läden zu untersuchen. „Zuvor wurden am Morgen der Tagesablauf und Organisatorisches im Jugendzentrum besprochen“, so Hampl. Die Jugendlichen hätten die Gegebenheiten im Rollstuhl und blind mit der präparierten Taucherbrille getestet. „Kritikpunkte dabei waren schiefe Gehwege, zu kurze Ampelschaltungen und zu schmale und zu wenig abgesenkte Gehwege.“ Nach allen Testläufen habe jeder Jugendliche seinen Fragebogen ausgefüllt. „Wir beschäftigten uns auch mit der Barrierefreiheit im Internet. Unser Fazit ist, dass manche Seiten nur schwer lesbar sind.“ Neben den Erkundungstouren gehörten Vorträge, Filme, Actionpainting, der Besuch einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung im Denzlerpark und ein abschließender Grillabend zum Programm. Alle Teilnehmer erhielten ein Zertifikat. Positive Ergebnisse des Tests waren unter anderem, dass viele Läden automatisch öffnende Türen und breite Gänge haben. Die Geldautomaten sind auf einer Höhe angebracht, von der aus sie im Rollstuhl erreichbar sind. Einige Gebäude wie die Sparkasse in der Hanebergstraße verfügen über eine Rampe. Negativ fiel den Jugendlichen auf, dass die Fußgängerampel in der Duracher Straße zur Hanebergstraße für Rollstuhlfahrer zu schnell auf Rot umschaltet. Laut einer Projektteilnehmerin gestaltet sich die Überquerung der Straße an der Kurve am Denzlerpark in Richtung Theodorplatz als schwierig, da viele Autofahrer keine Rücksicht nehmen würden. Dort sei ein Zebrastreifen, ein Hinweisschild oder eine Geschwindigkeitsbegrenzung nötig.

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