Stiftsstadtfreunde wünschen sich mehr Informationen

Was passiert mit Gebeinen und Mauer?

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Ilse Roßmanith-Mitterer sorgt sich um den geschichtsträchtigen Boden durch die aktuellen Baumaßnahmen im Stiftskellerweg 22, wo mehr als 150 Jahre lang der Friedhof der Stiftsstadt war.

Kempten – Dafür, dass die ehemalige Wirtschaft „Zum Kleinen Xaverl“ am Stiftsgartenweg 6 inzwischen abgerissen wurde, hat Ilse Roß- manith-Mitterer, Vorsitzende der Kemptener Stiftsstadtfreunde, volles Verständnis.

Das Gebäude, an dessen Stelle nun ein Neubau mit fünf Wohnungen und Stellplätzen entstehen soll, sei in keinem guten Zustand mehr gewesen, räumte sie ein. Wenig begeistert zeigte sie sich allerdings darüber, dass drei der großen, alten Bäume des einstigen Biergartens gefällt wurden. 

Angeblich seien sie „alt und gefährlich“ gewesen, meinte sie bei der Ortsbegehung mit dem Kreisboten. „Aber man fragt sich, warum sie bisher nicht gefährlich waren, erst jetzt, wo hier gebaut wird“, ärgert sie sich. Da auf dem jetzigen Baustellenareal bis 1803 der Friedhof der Stiftsstadt gewesen sei, interessiere sie, wie es wohl mit der im Norden noch vorhandenen Friedhofsmauer und den hier sicher liegenden Gebeinen weitergehe. „Es wäre wünschenswert, wenn man als Verein, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Historie der Stiftsstadt zu begleiten, vorher informiert würde.“ 

Ernst Sontheim, archäologischer Grabungsleiter, konnte auf Nachfrage des Kreisboten beruhigen: Solange Bodeneingriffe, wie zum Beispiel der noch anstehende Kellerabbruch, durchgeführt würden, „ist die Archäologie dabei“. Wegen der dichten Baumwurzeln hätten die manuellen Schnitte bislang nur eine Tiefe von etwas über einen halben Meter erreicht. Gräber vermute man aber erst in einer Tiefe um die 1,60 bis 1,80 Meter. Ein kleiner Bereich östlich des heutigen Kellers im ehemaligen Biergarten des „Kleinen Xaverl“ sei nach Fällung der Kastanien zwar stellenweise bis 1,20 Meter maschinell bearbeitet worden. „Hinweise auf Grabgruben oder Streufunde von Skelett- oder Knochenteilen traten dabei jedoch nicht auf“, erklärte er. Seines Erachtens werde nur ein relativ kleiner Teil des Geländes von Grabungen betroffen sein, da der „Keller nur um rund zweieinhalb Meter nach Osten rutscht“.

 Nach derzeitigem Planungsstand seien deshalb für die restliche Fläche keine Grabungen erforderlich, hob er im Übrigen das sehr kooperative Verhalten des Bauherrn hervor. Die Historikerin Birgit Kata rechnet „mit einer großen Anzahl von Gräbern“ auf dem ehemaligen Friedhofsgelände, dessen mehr als 150-jährige Belegungsphase zeitlich mit dem barocken Ausbau der Stiftsstadt zusammenfalle, „der mit einer immensen Bevölkerungsphase einhergeht.“ Zudem vermutet sie Massengräber im Bereich der Außenmauer, „die mit der großen Pest 1635 entstanden sind.“ 

Sollten Gebeine gefunden werden, werden sie, wie die seinerzeit auf dem St. Mangplatz, nach möglichen Untersuchungen andernorts wieder bestattet werden. Das ist für alle Beteiligten klar. Wie die Vorsitzende der Stiftsstadtfreunde inzwischen seitens des Bauamts mitgeteilt bekommen hat, steht die Friedhofsmauer nicht unter Denkmal- schutz. Dennoch seien bereits „zahlreiche Abstimmungen“ vorgenommen worden und im Genehmigungsbescheid „verschiedene denkmalrechtliche Auflagen festgesetzt.“ Die von Roßmanith-Mitterer beanstandeten Baumfällungen seien, so das Schreiben des Bauamts, in zwei Fällen wegen Krankheit nötig gewesen, in einem wegen des Baus von Parkplätzen. Ersatzpflanzungen seien jedoch vorgesehen. 

Nicht glücklich zeigte sich Roßmanith-Mitterer des Weiteren über den aktuellen Zustand des denkmalgeschützten Waschhäuschens, das zum Anwesen Fürstenstraße 22 gehört. Das einst sichtbare Mauerwerk sei frisch verputzt, der Kamin auf dem Walmdach sei verschwunden und innen seien Abstellverschläge eingebaut worden, moniert sie. Auf Nachfrage des Kreisboten erklärt Uwe Weißfloch, stellvertretender Leiter des Stadtplanungsamtes, dass das Gebäude zwar „nicht abgerissen, aber verändert werden darf“. Das sei in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege in München geschehen. Neu sei der Dachstuhl, da der alte kaputt gewesen sei, die äußere Hülle mit Walmdach „ist nicht verändert worden“ und auch das alte Fenster sei noch drin. Zudem sei die Fassade derzeit noch nicht in ihrem bleibenden Zustand, sondern erst mit der Grundträgerputzschicht versehen, so Weißfloch.

Christine Tröger

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