Baustein auf Baustein

In Gegenwart von Abt Paulus aus Ottobeuren (4.v.l.) feiern die Gemeindemitglieder das Jubiläum. Foto: Kampfrath

Kraft ihrer Hände bauten Gemeindemitglieder die St.-Michael-Kirche Stück für Stück zusammen. Das geschah am Sonntag binnen weniger Minuten. Die fleißigen Handwerker errichten nicht etwa ein neues Gotteshaus, sondern setzten mithilfe von Ziegelsteinen ein Modell von St. Michael zusammen. Die Gläubigen feierten zum 60. Mal das Patrozinium der Kirche im Norden Kemptens.

Am 1. Mai 1951 erhielt die damals noch junge Pfarrgemeinde mit Anton Kuhn ihren ersten Seelsorger. Ende September desselben Jahres konnten die Katholiken erstmals das Patrozinium feiern. Damals war St. Michael noch eine Notkirche, die aus Teilen einer ehemaligen Flugzeughalle errichtet worden war. Den Grundstein für die jetzige Kirche legte am 30. Mai 1964 der Stadtpfarrer Ulrich Hertle. Zwei Jahre später war der zeltförmige Neubau mit dem imposanten Turm fertig. Heute gehört die Gemeinde zusammen mit St. Hedwig, St. Franziskus und Heiligkreuz zur Pfarreiengemeinschaft Kempten-West, die Pfarrer Rupert Ebbers leitet. Als „Turm aus lebendigen Steinen“ bezeichnete er St. Michael am Sonntag. „Ich bin jetzt seit drei Jahren bei euch. Drei von 60 Jahren sind nur fünf Prozent, was relativ kurz erscheint“, sagte Ebbers. Aber derzeit befinde sich St. Michael wie die Kirche im Allgemeinen in einer Phase des Umbruchs. Damit spielte er auf die sinkenden Mitgliederzahlen an. Mit dem Lied „Unüberwindlich starker Held St. Michael“ huldigte die Gemeinde gleich zu Beginn ihrem Schutzpatron. Abt Paulus aus Ottobeuren griff den Gedanken auf und meinte: „Mit St. Michael hat Gott durch Jesus Christus den Kampf gegen das Böse aufgenommen.“ Nach der Lesung aus dem Buch Ezechiel und aus einem Paulusbrief begann der Benediktiner mit seiner Predigt. Grundlage war ein Text aus dem 21. Kapitel des Matthäusevangeliums, das Gleichnis von den zwei ungleichen Söhnen. Darin bittet ein Vater seine Söhne, im Weinberg zu arbeiten. Der erste Sohn verspricht es zwar dem Vater, tut es dann aber doch nicht. Der zweite Sohn erteilt seinem Vater eine klare Absage, aber nachdem es ihm leid tut, arbeitet er doch im Weinberg. „Wir Christgläubigen kennen nur einen Herrn, also Kyrios, den Christus Jesus.“ In der Kirche gebe es nur Empfangende. Denn durch sein Wort schenke Gott bis in alle Zeiten Liebe. „Diktaturen entwürdigen die Menschen überall auf der Welt.“ Doch auch das Wort Christi gelte in der gesamten Welt. Kein einfaches Ja Die Christen sollten „Mitarbeiter der Wahrheit“ sein, so der Abt. „Oder, wie es der Apostel Paulus sagt, Diener der Freude.“ In dieser Zeit sei es wichtig, aufmerksam auf das zu hören, was der Geist sagt. „Viele Menschen haben heutzutage von der Kirche eine völlig falsche Vorstellung, als ob wir ein Verein wären. Wir können nicht einfach ‚ja’ sagen zum Zeitgeist“, betonte Abt Paulus. Die Frage sei vielmehr, wer den Willen des Herrn tue. „Wenn wir auf die Zeichen der Zeit achten, werden wir auch manche Verliebtheiten und andere Dinge überdenken. Prüfen wir also, was neu ist, dann können wir auch ‚ja‘ sagen.“ Das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium richte sich an die Funktionäre in der Kirche. Es komme letztlich darauf an, den Willen des Herrn zu kennen und zu tun. Jesus wolle keine Ja-Sager, aber auch keine Nein-Sager, er wolle, dass man ihm nachfolgt. Rudolf Daltrozzo, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, feierte „mit großer Freude und Dankbarkeit diesen Ehrentag.“ Besonders freute er sich über das Kommen des Kapuzinerpaters Markus Präg vom Seraphischen Liebeswerk in Tirol. Beide Pfarreien verbinde mittlerweile eine 30-jährige Freundschaft. Nach dem Auszug aus der Kirche ging die Feier unter freiem Himmel weiter. Dort schwang bereits das größte Weihrauchfass der Welt qualmend hin und her. Das Fass aus Edelstahl ist eine Leihgabe aus Oberschönenfeld.

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