Forschungsbohrung im "Wildpoldsrieder Becken"

Forschungsbohrung bei Betzigau

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Vor 20.000 Jahren wären Dr. Dorothea Frieling, Dr. Roland Eichhorn und Dr. Gerhard Doppler (v.l.) an dieser Stelle vermutlich 40 bis 50 Meter höher, auf den Eismassen des Illergletschers gestanden, an dessen Rand lediglich vereinzelte Gräser oder Zwergweiden und -birken zu finden waren.

Am Rande des Gewerbegebietes in Betzigau, wo heute eine flache grüne Wiese liegt, befand sich in der letzten Eiszeit ein rund 500 Meter breiter und einen Kilometer langer See. Heute ist das sogenannte „Wildpoldsrieder Becken“ mit Lagen aus feinkörnigem Ton aufgefüllt.

Zurzeit lässt das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) hier Forschungsbohrungen durchführen. Neben Spezialwissen, das in erster Linie für Geologen von Interesse sein dürfte, werden hierbei auch Erkenntnisse gewonnen, die für jeden von uns von praktischem Nutzen sein können. 

Am Rande von Betzigau steht derzeit für die Dauer von gut zwei Wochen ein orangefarbener Lastwagen in einer Wiese, an dessen Ende sich ein neun Meter hoher Bohrturm befindet. Dieser fräst mit seiner Diamantkrone Meter um Meter ein Loch in den Untergrund. Zum Zeitpunkt des Pressetermins ist er bei einer Tiefe von 44 Metern und in einer erdgeschichtlichen Ära von vor 15 Millionen Jahren angelangt. Alle 45 Minuten wird durch das in den Boden getriebene und immer wieder verlängerte Stahlrohr ein neuer, gut einen Meter langer Bohrkern von zirka 15 Zentimetern Durchmesser zu Tage gefördert – ein zylindrisches Kunststoffrohr, das mit Ablagerungen gefüllt ist. Diese Bohrkerne werden jeweils sorgsam in Holzkisten verpackt und zum LfU-Analytikzentrum nach Hof verfrachtet. Das Material soll Aufschluss über Aufbau und Mächtigkeit der eiszeitlichen Seeablagerungen, über den Verlauf der Eiszeiten und über die klimatischen Verhältnisse in der Zeit danach geben. 

Aufschlussreich 

Sensationen seien nicht zu erwarten, trotzdem sei die Bohrung in jedem Falle aufschlussreich, so der verantwortliche LfU-Geologe und Eiszeitexperte Dr. Gerhard Doppler. „Wir haben bereits in anderen verlandeten Seen Bohrungen durchgeführt, weitere sind in Planung. Durch den Vergleich des jeweils verfüllten Materials können wir eine Klimageschichte des gesamten südbayerischen Raumes von der Eiszeit bis heute modellieren. Da hier im Wildpoldsrieder Becken noch nie Bohrungen stattgefunden haben, können wir somit einen weißen Fleck auf unserer Karte tilgen.“ Eine Überraschung gab es dabei schon. „Wir haben bereits in 30 Metern Tiefe den Untergrund des Sees durchstoßen. Eigentlich hatten wir das Becken auf bis zu 70 Meter tief geschätzt.“ 

Auch die Vermutung, unter dem Seeboden für die Trinkwasserversorgung nutzbare, wasserführende Kiesschichten vorzufinden, hat sich nicht bestätigt. Ebenso wenig die Hoffnung der Geologin Dr. Dorothea Frieling, hier (wie im bereits untersuchten, ebenfalls verlandeten „Kemptener See“) Seetone aus der vorletzten Eiszeit vorzufinden. „Das bedeutet, wir können hier in Betzigau nur Informationen ab dem Ende der letzten Eiszeit ablesen. Die Ablagerungen aus den Wärmeperioden zwischen den verschiedenen Eiszeiten, wie etwa Pollen, Blätter oder anderes Pflanzenmaterial, wurden von den immer wieder vordringenden Gletschern ausgeschürft und sind verschwun- den“, erklärt sie. „Auf 30 Metern Tiefe zeigen die Bohrkerne innerhalb weniger Zentimeter quasi einen Zeitsprung von der letzten Eiszeit vor 15.000 auf die Zeit vor 15 Millionen Jahren. Vom gesamten Zeitraum dazwischen fehlt leider jede Spur.“ 

Achtjähriges Großprojekt

Die 25-30.000 Euro teure Bohrung ist eingebettet in ein bis Ende 2015 laufendes, achtjähriges, von der EU und dem Bayerischen Umweltministerium mit Sondermitteln bezuschusstes Großprojekt, im Zuge dessen mithilfe verschiedener Methoden die geologische Beschaffenheit des gesamten bayerischen Untergrundes erfasst werden soll. „Da wir mit Steuergeldern arbeiten, vollführen wir immer eine Gratwanderung zwischen Forschung und angewandtem Wissen“, sagt der Leiter des Geologischen Dienstes am Landesamt für Umwelt (LfU) Dr. Roland Eichhorn. „Von praktischem Nutzen sind neben der Feststellung etwaiger Grundwasservorkommen beispielsweise auch die Informationen, die wir in Bezug auf Erdwärme-Nutzung gewinnen.“ Denn im Prinzip könnte jeder Hausbesitzer mit Erdwärme heizen und so fossile Brennstoffe einsparen, so Eichhorn. Da aber für die Erdwärme-Gewinnung je nach Bodenbeschaffenheit unterschiedliche Techniken notwendig sind, ist die Kenntnis des jeweiligen Grundstücks-Untergrundes unerlässlich.

„Auf der Website des LfU haben wir bereits Karten, ähnlich wie bei Google Earth, auf denen jeder sein Haus anklicken und sehen kann, welche Maßnahmen zur Erdwärmegewinnung bei ihm möglich und nötig wären.“ Sabine Stodal

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