"Mir habt ihr viel Freude gemacht"

Abschlussveranstaltung mit prominentem Besuch

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Ein vom selbst gestalteten Buch "Was noch im Meer?" beeindruckter Entwicklungsminister mit den "Machern" der vierten Jahrgangsstufe der Haubenschloßschule.

Kempten – Ein Kleid aus Recycling-Materialien, drapiert um eine Schneiderpuppe, zog den Blick an einem der Stände gleich am Eingang auf sich. 

Es ist einer der Beiträge des Projektes „Globales Lernen – Kempten/Oberallgäu lernt“, die vergangenen Freitag in der Aula der Staatlichen Realschule an der Salzstraße präsentiert wurden. Sechs Schulen hatten sich an dem letzten Herbst initiierten Pilotprojekt unter der Schirmherrschaft des nach dem Rundgang schwer beeindruckten Entwicklungsministers Gerd Müller beteiligt, der zu den Schülern meinte: „Ich bin begeistert“ was hier umgesetzt wurde. „Mir habt ihr viel Freude gemacht“.

Diese hatten sich mit globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Müll und Umwelt, sozialen Krisen oder auch Gewaltkonflikten auseinandergesetzt – Themen, die ihre Zukunft beeinflussen.

An der Staatlichen Realschule hatte sich gleich die komplette 8. Jahrgangsstufe, unter Federführung der Klasse 8c, beteiligt. Sie präsentierten neben „Recycling-Bekleidung“ oder aus Strumpfhosen gemachten Fußbällen beispielsweise auch den Weg „Von der Kakaobohne zur Schokolade“ oder „Die Reise der Jeans“, die demnach 60.000 Kilometer zurücklegt, bevor sie bei uns im Laden landet. Nach unter anderem Recherchen im Internet und zwei Filmen räumten die beiden Schülerinnen Alisa und Canan am Projektstand ein, bewusster beim Einkauf zu sein. Max erklärte dem Entwicklungsminister dass sein Vergleich von Bio- und Faitrade-Produkten mit konventionellen gezeigt habe, dass Bio besser sei, schon allein weil es pestizidfrei sei und so „Mensch und Umwelt“ geschützt würden.

Mehrere Projekte waren auch vom Allgäu-Gymnasium (AG) zu sehen, wie am Stand „Fair-Trade-AG“ von Schülern der 10. Jahrgangsstufe. Unterstützt wurden sie von Laura Grusling, die zwar schon im letzten Jahr Abitur gemacht hatte, aber „von Anfang an dabei“ gewesen sei, „dass das AG Fairtrade-Schule wird“. Mit „Henry Adio – ein Flüchtlingsschicksal“ hat die Klasse 8a nur den Namen des Asylsuchenden Nigerianers, der zur Zeit die Hausmeisterwohnung im AG bewohnt, geändert, nicht aber seine Geschichte. Mit seinem Schicksal haben sie sich intensiv befasst. Unter gleichem Namen wie die Einrichtung „kids 24“ betreiben Schüler des AG eine Kooperation mit dem Carl-von-Linde-Gymnasium, in der sie sich einmal pro Woche mit den in „kids 24“ lebenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingsmädchen für gemeinsame Aktivitäten treffen.

Ein selbstgemachtes Bilderbuch mit dem Titel „Was noch im Meer?“ haben die vierten Klassen der Haubenschloßschule gestaltet und darin eindrucksvoll mit Hilfe eines Bonbonpapiers – sowohl als Protagonist als auch gestalterisches Element – die Folgen von Müll im Lebensraum Wasser aufgezeigt.

Ein besonders nachhaltiges Projekt hat die Sekundaria (4. bis 6. Klasse) der Montessori-Schule Kempten unter dem Motto „Bildung als Weg aus der Armutsspirale“ angepackt. Sie unterstützt bereits seit zwei Jahren das Schulprojekt „Utange“ in Kenia. Durch Arbeitseinsätze erwirtschaften sie Geld, das dort nun auch noch einem zweiten Kind den achtjährigen Schulbesuch plus eine warme Mahlzeit pro Tag ermöglicht. Die Jungs der Sekundaria haben sich mit dem „Fahrrad als Verkehrsmittel der Zukunft“ auseinander gesetzt und dabei unter anderem gelernt, die wichtigsten Reparaturen selbst zu bewerkstelligen.

Die Robert-Schuman-Mittelschule stellte einen riesigen, mit vielen Informationen gespickten Globus vor und Schüler der Mittelschule Bei der Hofmühle wollen Mitschülern mit Migrationshintergrund unter anderem mit einem gemeinsamen internationalen Buffet das Einleben erleichtern.

Der Austausch ist Müller wichtig

Obwohl die sattelfesten Jung-Moderatoren Caterina Mocerino und Jordan Schulten den Entwicklungsminister anhaltend auf den überzogenen Zeitplan hinwiesen, war ihm der Austausch mit den Akteuren vor Ort offensichtlich wichtiger. „Eine Welt – unsere Verantwortung“ war dann auch seine Botschaft an die Generation, „die das nächste Jahrhundert“ gestalte und in die er Hoffnung setzte. Selbst Jahrgang 1955 bezeichnete er seine Generation dagegen als die, „die den Planeten an den Abgrund bringen kann“. Es stelle sich dabei vor allem die Frage „wie wir unsere Wirtschaft in ein zukunftsfähiges Wirtschafts-System verändern können“, mit Fokus auf eine nachhaltige Lebensmittelproduktion. „Fairer Preis heißt, dass die Leute auch davon leben können.“ Und das sei bei einem Preis von 99 Cent für ein Kilo Bananen nicht möglich und auch nicht bei 49 Cent für einen Liter Milch im Supermarkt, von dem der hiesige Bauer 20 Cent bekomme. Zuversichtlich zeigte er sich angesichts der vielen Textilketten, die bereits bei seinem Textilbündnis für faire Kleidung dabei seien. Denn einst seien auch in Kottern-Textil Arbeiterinnen quasi „versklavt“ worden, was zum Weberaufstand geführt habe. „Wir haben den Wandel geschafft“, den er sich nun auch für die heutigen Billigproduktionsländer wünscht. Noch katastrophaler als in der Textilbranche seien die Arbeitsbedingungen beispielsweise beim Abbau von seltenen Erden wie Coltan – unter anderem für unsere Smartphones –, das im Kongo von Kindern abgebaut werde. „Es ist nur ein Zufall, dass wir in Kempten leben können.“ Das sei, so Müller, auch eine Verpflichtung.

Recht unverblümt waren die Fragen der Schüler an den Bundesminister. Ob er denn das Rad häufig benutze, wollte jemand wissen. Mit einer vorbildlichen Öko-Bilanz konnte Müller da nicht aufwarten, was er mit seinen „weiten Arbeitswegen“ begründete. Ob er Angela Merkel möge? – „Ja.“ Ob er selbst einmal Bundeskanzler werden wolle? – „Nein. Ich glaube mein Amt ist das spannendste, das es im Kabinett gibt“, antwortete er ohne Zögern. Und was hält er von den Ländern, die keine Flüchtlinge aufnehmen? Die mangelnde Solidarität sei „beschämend“ und „verletzt unsere Werte“, was er mit einem Beispiel aus dem syrischen Aleppo verdeutlichte: dort seien 300.000 Menschen eingeschlossen, die „Gras essen“. Das Flüchtlingsthema werde, so seine Überzeugung, noch die ganze Generation beschäftigen und darüber hinaus. Dennoch, betonte er, „die Probleme sind lösbar, wir müssen es nur wollen“, sonst „zahlen wir einen hohen Preis“. Aber man könne weder „unseren Wohlstand mit Zäunen schützen“, noch mehrere Millionen Flüchtlinge aufnehmen, womit klar sei, dass „wir die Probleme dort lösen müssen“, wo sie entstehen.

Bürgermeister Josef Mayr regte mit Blick auf das Pilotprojekt an Wege zu finden, „damit die Inhalte weitergetragen werden“ und dass „aus den sechs Schulen zwölf werden“. Auch die Stadt Kempten suche anhaltend nach möglichst umweltverträglichen Lösungen in allen Bereichen. So sei beispielsweise durch die Nutzung von Fernwärme aus der Müllverbrennung „Feinstaub in der Innenstadt nahezu kein Problem“.

Pilotprojekt "Globales Lernen – Kempten/Oberallgäu lernt"

Christine Tröger

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