"Bis nichts mehr da war"

Genaues Hinsehen und Erforschen von dem, was er sieht, spiegelt sich eindrucksvoll in Roland Breitingers Schaffen, das derzeit im Kunstkabinett gezeigt wird. Foto:Tröger

Schlicht „Rückblick – Überblick“ nennt Roland Breitinger das, was er aus zehn Jahren künstlerischem Schaffen derzeit im Kemptener Kunstkabinett zeigt. In vier größere Zyklen hat er die Ausstellung unterteilt, beginnend mit einem Thema, das für ihn eigentlich „knapp hinter Kitsch kommt“, was er „auch ausdrücken will“: Tango. Dazu inspiriert hätten ihn Tango-Tänzer bei der Kemptener Kunstnacht, die er dort „zum ersten Mal richtig in Aktion gesehen hat“.

In seinen daraus hervorgegangenen Kaltnadelradierungen hat Breitinger für die Bandoneon-Spieler meist eine starke, schwarze Schraffe gewählt, so wie die „harte, stakkatohafte Musik“, erklärt er. Die Tangopaare dagegen tanzen unaufdringlich im Hintergrund. Seine Protagonisten stehen im Spannungsfeld zwischen erotisch-sinnlicher Sphäre und den ebenso morbiden Zügen des Tango. Die Schönheit des Zerfallenden hat es Breitinger im zweiten Zyklus „Bäume“ angetan. Für seine „Blitzschlag-Ruinen“, die er „zum Teil zehn Jahre lang skizziert hat, bis nichts mehr da war“, hat er die Radiertechnik gewählt. Die „vor allem grafisch interessanten“ Baumruinen hat er bei Radtouren im Kemptener Umland über Jahrzehnte beobachtet und in Skizzen dokumentiert. Im dritten Zyklus beschäftigt sich der akribisch analysierende Autodidakt mit Schriften. Beeindruckend die Tibetischen Keilschrifttexte in Holz- oder Linolschnitt, denen der „Abzug im Prägedruck mit seinen ins Relief übersetzten Schriftzeichen als verwandt entgegen kommt“. Dagegen eher feingliedrig sind die Radierungen arabischer Kalligraphien mit der „Schrift in der Schrift“, deren Farben sich an denen gekachelter Wände auf dem Maghreb anlehnt. Eine eigene Faszination geht von den „nicht mehr lesbaren Schriften der Osterinsel“ aus, den Rongo-Rongos, die Breitinger als Holzschnitte präsentiert. Auf ganz anderem Terrain bewegt sich der Künstler schließlich im vierten Zyklus, in dem er sich mit den „Fibonacci-Reihen“ beschäftigt, die ermöglichen, „aus wenigen geometrischen Elementen“ – Rechteck, Quadrat, Dreieck, Kreis – „ein Kosmos selbstähnlicher Formen zu erschaffen“. Verwendung finden hier nur Farben nach der Farbtheorie von Harald Küppers, die besagt, dass nur die Primärfarben Zitronengelb, Magenta und Coellinblau „nicht durch Mischen hergestellt werden können“. Für das Ergebnis hat Breitinger die Aquarellfarben bis zu siebenfach lasiert, was nicht einfach gewesen sei. „Problematisch ist, dass die vorher aufgetragenen Farben wieder anlösen, Wolken bilden und granulieren“. Deshalb müssten die Lasuren „sehr schnell und mit ruhiger Hand“ aufgetragen werden. Zu sehen sind die Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken von Roland Breitinger noch bis 19. August im Kunstkabinett in der Salzstraße 12 dienstags, donnerstags und samstags jeweils von 14 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 16 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Kempten – Am Freitag, 20. Januar 1928, um 8 Uhr morgens, fand im Hofe des Landgerichtsgefängnisses in der Weiherstraße die letzte Hinrichtung in …
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Neues Wettbewerbsgebiet für Stadtparkgestaltung

Kempten – „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ lautet eine Redensart, die sich nun bei der Auslobung für den Wettbewerb zur …
Neues Wettbewerbsgebiet für Stadtparkgestaltung

Kommentare