Dr. Gerd Müller lädt Kemptener ein

"Guten Tag Erdlinge"

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Innovative Ideen wie der Soccket-Ball, der beim Spielen Energie speichert. Der Basketballspieler Ben-Mateta Kitatu (2.v.l.) des FC Bayern München stellte ihn dem Entwicklungsminister (l.), BR-Moderatorin Ursula Heller und Kanzleramtschef Altmaier vor.

Kempten/München – Wie könnte die Welt 2030 aussehen? Ist es eine Welt, in der sich ein „Grüner Knopf“ als Siegel für fair produzierte Bekleidung durchgesetzt hat?

Eine Welt in der Boateng mit der Begründung, „er hat uns Afrika als Nachbarn näher gebracht“, als neuer Fifa-Präsident vorgeschlagen wird? – nur zwei Beispiele aus der „fiktiven „Rundschau“-Sendung des 15. September 2030, mit der BR-Moderatorin Ursula Heller rund 200 Gäste aus aller Welt zum Zukunftskongress „Unsere Welt 2030 – Aus der Zukunft lernen!“ des Bundesentwicklungsministeriums (an eben diesem Datum nur 14 Jahre früher) im Deutschen Museum in München begrüßte.

Auch rund 20 Kemptener nahmen auf persönliche Einladung von Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller am Kongress teil, die er bei einem Treffen außerhalb des Protokolls auch in persönlicher Runde zum Austausch traf. Ebenfalls in München dabei waren Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Realschule an der Salzstraße und des Allgäu-Gymnasiums, die auf der Bühne in wenigen Sätzen ihre drei Projekte vorstellten: selbst hergestellte Bälle aus Nylonstrümpfen, selbst gemachte Schokolade mit Fair-Trade-Gedanke und ein zerlegtes Handy mit Blick auf die Herkunft und Verwendung der Rohstoffe – Ergebnisse eines größeren Schulprojekts vor den Sommerferien (der Kreisbote berichtete). Was die Kemptener mit den restlichen Kongressteilnehmern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft einte: sie alle beteiligen sich bereits aktiv daran, Hunger, Armut, Krankheit, Flucht, Ausbeutung von Mensch und Natur, mangelnde Bildung & Co. in der Welt zu bekämpfen. Und sie alle nutzten den Zukunftskongress um sich zu vernetzen und neue Anregungen für die Praxis zu bekommen. Möglich war dies nicht nur durch „Zukunftsimpulse“, in denen bereits praktizierte Innovationen und Wege vorgestellt wurden, sondern unter anderem ebenso in so genannten „Breakout-sessions“ – vier Workshops, in denen Aktivisten unterschiedlichster Bereiche aus aller Welt mit den Kongressteilnehmern zu vier verschiedenen Themenkreisen diskutierten: unter dem Motto „Mensch“ tauschte sich eine Gruppe über „Eine Welt ohne Armut und Hunger ermöglichen“ aus; „Natürliche Ressourcen schützen und Klimawandel bekämpfen“ stand unter dem Motto „Planet“; unter „Wohlstand“ wurde „Gerecht und nachhaltig wirtschaften weltweit“ behandelt und unter dem Zeichen von „Frieden“ ging es um „Fluchtursachen bekämpfen, Frieden sichern, gute Regierungsführung fördern“.

Lösungen sind vorhanden

„Wir können diese Visionen in zehn bis 15 Jahren auf den Weg bringen“, rief Müller zum für die Welt à la „Rundschau“ 2030 erforderlichen „Paradigmenwechsel“ auf, bei dem „jeder einzelne der 7,5 Milliarden Menschen entscheidend ist“. Lösungen für die Probleme der Welt seien bereits vorhanden und ebenso genügend Ressourcen, um die noch weiter wachsende Weltbevölkerung auch ohne Monsanto zu ernähren. Dass der Energiehunger in den Ländern der Dritten Welt wachsen werde, stand für Müller außer Frage, denn „die Menschen in der ganzen Welt wissen wie wir hier leben“. Zuversichtlich stimmten ihn die vielen im Rahmen des Kongresses sichtbar gewordenen Lösungsansätze für die globalen Probleme. Zum Beispiel der Einsatz von Drohnen, durch die zuvor sterilisierte männliche Mücken in Risikogebieten ausgesetzt werden, um so die Population zu reduzieren; Prothesen aus dem 3-D-Drucker; ein Soccket-Ball, der beim Spielen Energie speichert, die dann als Akku-Ladestation oder Lichtquelle genutzt werden kann; mobile Krebs-Screenings mit Daten-„Upload“ in die Cloud per Handy zum Einsatz in abgelegenen Gegenden; Daten-Center, die die Energieeffizienz in allen Bereichen regeln; Telemedizin via Smartphone und vieles mehr. Wie Müller betonte, müsse man darauf achten, „dass nicht die einen auf Kosten der anderen leben“. Den wichtigsten Schlüssel sah er in Bildung und Wissenstransfer, mahnte aber auch, dass „Globalisierung nicht Sklave der Wirtschaft“ sein dürfe. Deutliche Kritik äußerte er an der Fußball-WM in Katar 2022, mit einem geschätzten Investitionsvolumen von 200 Milliarden Dollar allein für das Stadion. „Nichts verstanden Fifa, nichts verstanden Weltfußball. Das ist wirklich ein Skandal.“ Da weder ressourcenschonend noch entsorgungsfreundlich, kamen auch „Nespresso-Kapseln“ für Kaffee nicht gut weg. Aber Müller räumte ebenso ein, dass er das durch seine Reisen in Problemländer gewonnene Bewusstsein vor fünf Jahren noch nicht gehabt habe. „Die Flüchtlingskrise wird uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen“, betonte Müller, dass man den Menschen „vor Ort helfen muss“, um ihnen eine Perspektive im Heimatland zu geben.

Wie könnte die Welt 2030 aussehen?

Kanzlerin schickt Video und "Allzweckwaffe"

Die mögliche Enttäuschung über die kurzfristige Absage von Kanzlerin Angela Merkel dürfte nicht allzu lange gedauert haben. Immerhin meldete sie sich mit einer Videobotschaft zu Wort und hatte stellvertretend ihre „Allzweckwaffe“ geschickt, wie die BR-Moderatorin schmunzelnd Bundeskanzleramtsminister Peter Altmaier ankündigte. Selbstironisch, humorvoll, aber auch ernst hatte er die Zuhörerschaft schnell auf seiner Seite und wies unter anderem auf bereits erzielte Erfolge hin. So werde heute für eine Getränke-Dose nur mehr ein Siebtel des Metalls benötigt, als früher – früher, als er sich noch vergeblich abgemüht habe solch eine dickwandige Dose wie Arnold Schwarzenegger mit einer Hand zu zerdrücken. Dieser Kongress zeige, „dass man mit Soft-Tools mehr erreichen kann, als mit Hard-Tools“ – respektive „Waffen“, zeigte er sich von der Bedeutung technologischer Lösungen überzeugt, nicht zuletzt um Fluchtursachen zu bekämpfen. Technologischer Fortschritt sei nicht per se schlecht, abhängig davon, wie er verwendet werde. Er verwies auf die Verantwortung Deutschlands, „das fast überall Vorreiter ist“ und sonst niemand mehr nachmachen oder haben wolle, „was wir hier entwickeln“.

"Guten Tag Erdlinge"

Einen eigenen Akzent setzte U2-Sänger Bono, Gründungsmitglied der Lobby- und Kampagnenorganisation ONE, in seiner locker-flockigen Videobotschaft, die er mit „Guten Tag Erdlinge“ begann und wie die „Rundschau“ im Jahr 2030 ansiedelte. Unter anderem äußerte er sich darin rückblickend auf 2016 mit großer Anerkennung über das Handeln Deutschlands in der Flüchtlingskrise. „Das ist das Deutschland das wir lieben“, meinte er.

Zuhörermeinung gefragt

Zwischendurch war auch die Meinung der Zuhörer via Abstimmungsgerät gefragt, zum Beispiel, ob die Fluchtbewegung auch im Jahr 2030 noch eine Rolle spielen werde. Für 32 Prozent wird sie noch eine große Rolle einnehmen. 38,5 Prozent sahen Bildung in den nächsten 15 Jahren als wichtigsten Faktor.

Christine Tröger

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