"Blöd und peinlich"

An der Baustelle in der Bäckerstraße, dort wo einstmals die Autovermietung Sixt untergebracht war, soll ein neues Passivhaus entstehen. Foto: Matz

„Sau deppert“ ist es für Stadtrat Thomas Hartmann (Grüne/FL) vergangene Woche gelaufen: Eigentlich hätte er seinen Fraktionskollegen Hans Mangold im Bauausschuss vertreten sollen, sah sich allerdings die Einladung nicht genau an und verhinderte so der Sozialbau möglicherweise die Zustimmung zu ihrem Antrag auf Erhöhung der Traufhöhe eines Gebäudes, das auf dem ehemaligen Gelände der Autovermietung „Sixt“ gebaut werden soll. Der Bauausschuss jedenfalls lehnte den Antrag mit fünf zu fünf Stimmen ab. Wäre Hartmann da gewesen, hätte er, wie er dem KREISBOTEN erklärte, wahrscheinlich für die Erhöhung gestimmt. So zog die Sozialbau ihren Antrag zurück.

„Das war ziemlich blöd und peinlich“, gab Hartmann seinen kleinen Fauxpas zu. Normalerweise informiere der Stadtrat, der dem Ausschuss angehört, wenn er an einer Sitzung nicht teilnehmen kann, seinen Vertreter. In diesem Fall habe Mangold zwar auch angekündigt, dass er in den Urlaub gehe, dabei aber nicht explizit auf die Bauausschusssitzung hingewiesen. Die Verwaltung war ebenfalls informiert und schickte Hartmann die Einladung. „Die bekomme ich sonst ja auch, aber mit dem Stempel ‘Nachrichtlich’ darauf, und der hat gefehlt“, so Hartmann. Das sei ihm jedoch nicht aufgefallen und somit war ihm nicht klar, dass er zu der Sitzung sollte. „Das ist einfach sau deppert gelaufen.“ Den Antrag der Sozialbau hätte er wohl befürwortet, damit wäre der Antrag zumindest im Bauausschuss durchgegangen. „Das ist schwer zu sagen, ohne bei der Debatte dabei gewesen zu sein, aber wahrscheinlich hätte ich dafür gestimmt.“ Allerdings, gab Hartmann zu bedenken, wäre die Entscheidung trotzdem denkbar knapp gewesen. Die Diskussion hätte sich dann eben im Stadtrat fortgesetzt und wie dort die Entscheidung ausgefallen wäre, stehe in den Sternen. Der Stadtrat musste sich dann allerdings nicht mehr mit dem Thema beschäftigen, da die Sozialbau ihren Antrag bereits im Vorfeld zurückgezogen hat. Im Bauausschuss sorgte der Wunsch der Sozialbau, die Traufhöhe von 10,50 Meter auf 11,75 Meter zu erhöhen, dagegen für regen Diskussionsbedarf. Den Grund für den Antrag stellten Baureferentin Monika Beltinger und Stadtplanungsamtsleiterin Antje Schlüter bei der Ortsbesichtigung und im Ausschuss vor. Schwierige Entscheidung Die Sozialbau hat das Projekt weitergetrieben und in Zusammenarbeit mit einem Energieberater soll das „Passivhaus Kompetenzzentrum Bayern“ entstehen, erklärte Beltinger. „Wir wollen ein Vorzeigeobjekt errichten“, unterstrich Sozialbau-Geschäftsführer Herbert Singer die Pläne. Um die zu verwirklichen, möchte der Bauherr möglichst auf Gauben verzichten, um das Passivhaus realisieren zu können. Angedacht sei daher ein Neubau mit einer Trauflinie an der Nordseite von 11,75 Meter mit vier Vollgeschossen und einem Dachgeschoss bei einem etwa 40 Grad steilen Dach, erläuterte Schlüter. Die Nutzung im Passivhaus soll aus Schulungsräumen und Ausstellung im Erdgeschoss, Büro- und Dienstleistungsflächen in den Obergeschossen sowie zwei Passivhaus-Probewohnungen im Dachgeschoss bestehen. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) betrachtete die Angelegenheit städtebaulich und versuchte zu entscheiden, was verträglich ist und was nicht. Er glaubt, dass sich ein Haus mit 10,50 Traufhöhe organisch besser in diesen Bereich einfügt. Thomas Kiechle (CSU) pflichtete ihm bei und meinte, dass das niedrigere das gefälligere ist. Sein Parteikollege Erwin Hagenmaier war ebenfalls der Meinung, dass die 10,50 Meter reichen sollten. Ein Passivhaus könne auch errichtet werden, wenn das Dachgeschoss nicht als Probewohnen genutzt werden kann. Die Besichtigung vor Ort habe ihm klar gezeigt, dass die aktuelle Traufhöhe bereits an der Oberkante sei. Anderer Meinung waren da Karl Sperl (CSU), Siegfried Oberdörfer (SPD) und Bruno Steinmetz (FDP). „Altstädte leben von der Dachlandschaft, da machen 1,25 Meter mehr nicht viel aus“, meinte Sperl und stufte die höhere Traufe als verträglich ein. Steinmetz konnte sich die 11,75 Meter nach der Ortsbesichtigung durchaus vorstellen und auch Oberdörfer meinte, dass eine höhere Traufkante „durchaus verträglich“ sei, zumal sie Untersuchungen zufolge keine Belichtungsverschlechterung für das dahinterliegende Nachbarhaus mit sich bringe. Der Erhöhungsantrag wurde anschließend – ohne die Stimme von Thomas Hartmann – mit einem Ergebnis von fünf zu fünf Stimmen abgelehnt. Ebenfalls nicht befürwortet hat das Gremium – einstimmig – den Antrag der Sozialbau auf große, ins Dach eingeschnittene Dachterrassen, die zur Belichtung der Probewohnungen dienen sollten. Dacheinschnitte sind jedoch im Bebauungsplan ausgeschlossen. Am Donnerstagabend schließlich schloss sich der Stadtrat einstimmig dieser Entscheidung an.

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