Warum Politik so häufig scheitert – Vortrag mit Buchvorstellung in Betzigau

Sarrazin rechnet ab

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Thilo Sarrazin.

Betzigau – Thilo Sarrazin provoziert und polarisiert mit seinen streitbaren Ansichten zur Einwanderung aus islamischen Ländern und seinen gewagten Thesen zur Vererbung von Intelligenz, seit sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 für Aufruhr und eine hitzige Debatte in der deutschen Öffentlichkeit und Politik gesorgt hat. In seinem neuen Buch „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“, das Sarrazin bei einer Lesung mit Diskussionsrunde im Gasthaus Hirsch in Betzigau vorgestellt hat, rechnet der Autor mit den politischen Vertretern der Bundesregierung ab.

Auf knapp 600 Seiten beschreibt Sarrazin in seinem Buch die Mechaniken und Fehler der Politik und die Gründe für den Erfolg oder Misserfolg von Gesellschaften. Er stellt dar, warum „politische Utopien“, die Vorstellungen und Träume von einer besseren Gesellschaft oft gescheitert sind. Der Autor wirft den Regierenden größte Versäumnisse und gravierende Fehler in politischen Themen wie Einwanderung, Bildungspolitik, demographische Entwicklung, Flüchtlingskrise und Energiewende vor und erklärt ihre Ursachen. In seinem Buch versucht Sarrazin, Antworten auf drängende Fragen zu geben, die die Deutschen beschäftigen.

Werden wir gut regiert oder bleibt die aktuelle Politik hinter ihren Möglichkeiten zurück? Wenn ja – woran liegt das? Wie regiert ein Politiker gut? Thilo Sarrazin sprach wieder Klartext und sparte nicht an Kritik an der deutschen Regierung. Als „größten Fehler“ bezeichnet der streitbare Buchautor die „utopische Flüchtlingspolitik unserer Bundesregierung“. Wenn man Menschen, die grundlegend unterschiedlich in ihrer Herkunft und Mentalität sind, in ein gemeinsames Korsett des Zusammenlebens zwängen möchte, sei dies zum Scheitern verurteilt. Die große Zahl der Zuwanderer sei für die Gesellschaft und das Sozialsystem nicht mehr zu verkraften. Ein Großteil der Flüchtlinge werde in Deutschland keine Arbeit finden, prognostizierte Sarrazin. Der „ungebremste Familiennachzug“ könne zu einem ernsten Problem werden, deshalb gelte es ihn zu verhindern. Sarrazin betonte, dass er die Einwanderung von schlecht qualifizierten Menschen strikt ablehne, aber nicht gegen einen Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland sei.

Sarrazin erwähnte, bei deutschen Politikern eine „Tendenz zur bewussten Täuschung von Bürgern und zur Selbsttäuschung“ zu erkennen Als Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ die Grenzen für Flüchtlinge öffnen lies, sei die Krise längst schon aus dem Ruder gelaufen, merkte der Autor sehr kritisch an. Er begründet mit diesem Beispiel auch, warum er die deutsche Flüchtlingspolitik für grundlegend falsch halte. Man könne nicht jeden aufnehmen, der nach Deutschland wolle, und müsse sich für diese Haltung auch nicht rechtfertigen, bestärkte Sarrazin sein applaudierendes Publikum.

„Wer gut regieren will, muss einen Zusammenhang durchschaut haben, um weitsichtig zu handeln“ - diese Fähigkeit spreche er vielen Politikern ab, so Sarrazin. „Am gefährlichsten ist es, wenn sich ein Politiker mit ideologischen Defiziten nicht für die Folgen seines Handelns interessiert.“ Sarrazin stellte die These auf, dass Politiker oft aus subjektiven Wünschen, nicht aus tatsächlichen Verhältnissen heraus handeln. „Am Ende gerät man dann in eine Phase des Selbstbetruges, in der man seine Lügen selber glaubt“, so der Autor.

Die lebhafte Diskussionsrunde nahmen viele der Vortragsteilnehmer zum Anlass, Fragen zu stellen, die oft zwischen ernster Besorgtheit und leichter Panik oszillierten: Wird der Euro abgeschafft? Gibt es bald kein Bargeld mehr? Wie geht es weiter mit den Flüchtlingsströmen? Was wird aus der EU? Sarrazin ging auf alle Fragen ausgiebig und gründlich ein. Zu Beginn des Vortrages beantwortete er die Frage, wie schlecht es um Europa stehe, eher vage: „Das hängt von unseren Entscheidungen ab.“ In seinem Schlusswort warnte er: „Auch eine Demokratie kann sich selbst gefährden“ - denn eine Demokratie sei kein Garant für die vernünftigen Entscheidungen ihrer Regierenden.

Nicolas Felder

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